Wem die Stunde schlägt: Zum Wandel der Schweizer Medien

26. September 2013 • Medienpolitik, Qualität & Ethik • von

Die traditionellen Strukturen der Schweizer Medienlandschaft befinden sich im Umbruch: Die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009 brachte insbesondere die Tageszeitungen in Schwierigkeiten, was zu einem Stellenabbau in den Redaktionen führte und den Konzentrationsprozess weiter verstärkte. Auch die zunehmende Verbreitung neuer Technologien (Smartphones, Tablet-PCs etc.) und das damit einhergehende veränderte Nutzungsverhalten trägt zum Umbruch bei.

Die Folgen werden in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert: Die pessimistische Sichtweise befürchtet, dass die traditionellen Leitmedien der Gesellschaft geschwächt werden und es deshalb Politiker, Vertreter von Verbänden und Vereinen sowie die Bürger es in Zukunft schwieriger haben, Zugang zu den Medien zu erhalten. Weitere Gefahren werden darin gesehen, dass der Medienwandel zu Verschiebungen innerhalb des Sektors der Leitmedien führt, etwa indem Qualitätsmedien zu Gunsten stark kommerzialisierter Gratismedien an Reichweite verlieren.

Die optimistische Sichtweise hingegen sieht neue Chancen, indem mit neu entstandenen Online-Portalen die Medienvielfalt vergrößert werden kann und sich die Bürger ohne den Umweg über Leitmedien direkt informieren können.

Um die Folgen besser einschätzen zu können, hat sich ein Forschungsteam des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich der Frage angenommen, welche Typen von Leitmedien in der Schweiz in den letzten 40 Jahren an Bedeutung gewonnen und welche an Bedeutung verloren haben. Samuel Studer, Doktorand im Projekt „Krisen und Wandel der Leitmedien in der Schweiz“, gibt im Folgenden einen Einblick in die Langzeitanalyse. Eine These der Forscher hat sich schon bestätigt: Die Überlebensrate der parteinahen Gesinnungspresse – „ein Leitmedium, das besonders stark mit den Pfeilern der Demokratie verbunden ist“, so die Forscher – ist sehr gering.

Kürzlich wurde der Verkauf des Landboten an die Tamedia AG bekannt gegeben. Eine der letzten unabhängigen schweizerischen Tageszeitungen wurde damit in einen Konzern eingegliedert. Schon 1968 hatte Arthur Baur, der damalige Chefredakteur des Landboten bildreich die Pressekonzentration in der Schweiz beschrieben: „Ein Sturm braust durch den Blätterwald, reißt dürre Äste ab, knickt stattliche Bäume und bringt auch alte Stämme zu ächzendem Schwingen.“ Zwar war damals der bürgerliche Landbote nicht vom Marktaustritt bedroht. Doch verschwanden zwischen 1968 und 1975 in den Kantonen Aargau, Baselland, Baselstadt und Zürich rund ein Drittel aller Tageszeitungen. Und heute sind in diesen vier Kantonen noch fünf Tageszeitungen übriggeblieben – sofern man in publizistischen Einheiten rechnet, also Mantelzeitungen nicht berücksichtigt. Der 1968 beklagte Sturm hat offensichtlich nichts an Stärke eingebüßt.

Zwar ist die Metapher der Naturgewalt wenig hilfreich bei der Suche nach Mechanismen oder gar Gründen des Medienstrukturwandels. Zumal sie verschleiert, dass „die“ Pressekonzentration eine Konzentration im Bereich der bezahlten Tages- und Wochenpresse ist, während die Zahl der (lokalen und regionalen) Gratiszeitungen seit Ende der 1960er Jahre ebenso angestiegen ist wie jene der Sonntags- und zuletzt der überregionalen Gratiszeitungen. Sie bringt jedoch die Rat- und Hilflosigkeit von bedrohten Organisationen gegenüber Transformationskräften zum Ausdruck, die sie wenig oder nicht beeinflussen können. Und dies allen gegenteiligen Behauptungen der „flexiblen Organisation“ (wie sie die Managementliteratur zum Teil postuliert) zum Trotz.

Die Pressekonzentration kann als Folge der Veränderung gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen – der Erosion der Parteimilieus und damit der Leserbasis der Gesinnungspresse seit den 1960er Jahren – betrachtet werden (vgl. Kovic/Ettinger 2012: 86). Die Rückbindung der Zeitungen an diese Parteimilieus, von der insbesondere die auflagenschwache Gesinnungspresse profitiert hatte, brach damit weg. Die Überlebensrate der Gesinnungszeitungen für den Zeitraum von 1968 bis 2013 ist deshalb deutlich tiefer als jene der „neutralen“ oder „unabhängigen“ Zeitungen, sowie der „Anzeiger“ (lokale/regionale Gratiszeitungen), die sich schon vorher einem rein größenorientierten Wettbewerb ausgesetzt gesehen hatten.

Tabelle_Überlebensrate_Schweizer Zeitungen

Überlebensraten von bezahlten Tages- und Wochenzeitungen (publizistische Einheiten) sowie Anzeigern 1968/2013 in Prozent. Eigene Berechnung aufgrund der Angaben im „Katalog der Schweizer Presse” (1968/2013)

Lediglich knapp 13% aller Titel, die 1968 einer Gesinnung verpflichtet waren, existierten 2013 noch als eigenständige Zeitungen. Außerdem gilt, dass die „richtige Gesinnung“ Zeitungen vor dem Austritt schützte. In den Kantonen Baselland (BL), Baselstadt (BS) und Zürich (ZH) überlebten von den Gesinnungszeitungen ausschließlich die (ehemals) bürgerlichen, im Aargau (AG) die (ehemals) katholischen Zeitungen.

Am bekannten Beispiel des Niedergangs der Gesinnungspresse lässt sich zeigen, wie Mediensystemwandel als Medienorganisationswandel (vgl. Künzler/Jarren 200) analysiert und mit der Theorie der Organisations-Ecology fundiert werden kann (vgl. z.B. für die Anwendung Medienorganisationen Künzler et al. 2012). Diese geht davon aus, dass unterschiedliche Typen von Organisationen (im obigen Beispiel: Gesinnungspresse/neutrale Presse/Anzeiger) unterschiedlichen Austrittsrisiken ausgesetzt sind. (Medien-)Organisationen können ihre Ziele und Bestanderhaltung nur durch einen steten Austausch von Ressourcen mit ihrer Umwelt erreichen. Deshalb verändert sich auch die Medienlandschaft, wenn sich die Muster der Ressourcenzuteilung (zum Beispiel Rezipienten- und Werbeentgelte) verändern.

Diese theoretischen Annahmen bieten Implikationen für die Medienforschung. Das Projekt „Krise und Wandel der Leitmedien in der Schweiz“ läuft bis März 2014 und ist dem Sinergia-Projektverbund  Crisis and transformation of the core media sector in Switzerland angegliedert, der vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziell unterstützt wird. Die Langzeitanalyse des schweizerischen Mediensystemwandels erfolgt in zwei Schritten: Erstens werden die Ein- und Austritte von (Zeitungs-)Titeln, (Radio- und Fernseh-)Programmen sowie journalistischen Onlineangeboten und der zugehörigen Organisationen und die Größe dieser einzelnen Medienpopulationen im Zeitverlauf beschrieben. Zweitens werden die gefundenen Verschiebungen anhand von Veränderungen in der Organisationsumwelt zu erklären versucht.

Die Ergebnisse dürften Implikationen für die Medienpolitik bieten. Durch die Gegenüberstellung von Entwicklungen im regulierten Radio- und Fernsehbereich auf der einen und jenen in den weit weniger stark regulierten Zeitungs- und Onlinemärkten auf der anderen Seite, kann beispielsweise untersucht werden, ob regulierte Märkte das Austrittsrisiko von (bestimmten) Medienorganisationen mindern. Und auf jeden Fall kann eine Organisationsdemografie als Grundlage für die Analyse zu treffender Regulierungsmassnahmen dienen. Denn “when social science and policy debates miss basic demographic facts and processes about corporations, the ramifications are frequently important (Carroll/Hannan 2000: 3).”

Mit anderen Worten: Das Fehlen von Wissen über die Ganzheitseigenschaften medialer Landschaften birgt die Gefahr, dass bei der Formulierung (medien-)politischer Entscheidungen auf die bekannten (erfolgreichen) Organisationen fokussiert wird und dass damit die Konsequenzen solcher Entscheidungen für die organisationale Vielfalt nicht angemessen berücksichtigt werden.

 

Literatur

Baur, Arthur. Die Presse im Kanton Zürich. In: Landbote vom 23.07.1968, S. 5.

Carroll, Glenn; Hannan, Michael T. (2000): The Demography of Corporations and Industries. Princeton: Princeton University Press.

Kovic, Marko; Ettinger, Patrick (2012): Medienstrukturen und politische Strukturen der Schweiz im Wandel. In: Projektverbund Sinergia “Medienkrise” (Hg.): Die Medienindustrie in der Krise. Ursachen, Formen und Implikationen für Journalismus und Demokratie in der Schweiz. Zürich, S. 83–110.

Künzler, Matthias; Jarren, Otfried (2009): Mediensystemwandel als Medienorganisationswandel. In: Stefanie Averbeck-Lietz, Petra Klein und Michael Meyen (Hg.): Historische und systematische Kommunikationswissenschaft. Festschrift für Arnulf Kutsch. Bremen: édition lumière (Presse und Geschichte – neue Beiträge, 48), S. 575–592.

Künzler, Matthias; Studer, Samuel; Jarren, Otfried (2012): Fernsehwandel als Organisationswandel. Ein Analysekonzept auf Basis der Populationsökologie. In: Christian Steininger und Jens Woelke (Hg.): Fernsehen in Österreich 2011/2012. Konstanz; München: UVK, S. 61–80.

Studer, Samuel; Künzler, Matthias; Jarren, Otfried (2012): Mediensystemwandel als Medienorganisationswandel. Anwendung der Populations-Ecology auf das schweizerische Mediensystem. In: Projektverbund Sinergia “Medienkrise” (Hg.): Die Medienindustrie in der Krise. Ursachen, Formen und Implikationen für Journalismus und Demokratie in der Schweiz. Zürich, S. 25–36.

 

Bildquelle: Günter Havlena / pixelio.de

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