Arbeiten ohne Fallnetz

5. Oktober 2012 • Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Journalisten in der Türkei

Niedrige Zeilenlöhne, schleppende Tarifverhandlungen, keine festen Arbeitsverträge – Themen, mit denen deutsche Journalisten häufig konfrontiert werden.

Ihre Kollegen in der Türkei stehen vor ähnlichen Problemen – allerdings in einem beträchtlich höheren Ausmaß, wie die Zahlen einer Untersuchung der Website Bianet, die im Rahmen des „Journalism for Rights, Rights for Journalists“-Projekts von der IPS Communication Foundation betrieben wird, zeigen.

In der Türkei verdient ein Viertel aller Journalisten weniger als 1.000 Türkische Lira (500 Euro) im Monat. Oftmals arbeiten sie ohne Vertrag und damit ohne Jobgarantie oder soziale Absicherung. 79 Prozent der im Mediensektor Beschäftigten haben Bianet zufolge ihren aktuellen Job seit weniger als fünf Jahren, was zeigt, wie häufig der Arbeitsplatz gewechselt wird.

Auch im journalistischen Alltag haben es türkische Journalisten alles andere als leicht. Nur wenige türkische Journalisten besitzen einen Presseausweis, der ihnen u.a. Zugang zum Parlament oder zu Ministerien verschafft. Der Grund ist das sogenannte Gesetz 212. Oberflächlich betrachtet soll es seit 1960 die Rechte türkischer Journalisten und die Arbeitsbeziehungen im Mediensektor regeln. Von den 75.000 bis 80.000 Menschen, die in der Türkei journalistisch tätig sind, sind allerdings nur 4.000 auf Grundlage des Gesetzes 212 beschäftigt.

Einen Presseausweis erhalten nur die Journalisten, die – unter dem Gesetz 212 – mindestens ein Jahr lang für ein etabliertes Medium gearbeitet haben. Viele Journalisten in der Türkei, darunter David Judson, Kolumnist und ehemaliger Chefredakteur der englischsprachigen Hürriyet Daily News, sprechen von Willkür, wenn es darum geht, wer die „magische Karte“ erhält. Online-Journalisten würden bei der Vergabe nicht berücksichtigt – dafür aber PR-Mitarbeiter. Der türkische Presseausweis garantiert nicht nur einen Informationsvorsprung in der täglichen journalistischen Arbeit, sondern zudem auch allerlei Rabatte, wie freie Eintritte zu Fußballspielen oder Museen.

Frauenanteil von 15 Prozent

Im türkischen Journalismus arbeiten wesentlich mehr Männer als Frauen. Eine Untersuchung von Bianet hat ergeben, dass von 174 Journalisten, die insgesamt für neun Zeitungen tätig sind, lediglich 27 weiblich sind. Das entspricht einer Quote von 15 Prozent. In der Redaktion der Hürriyet zum Beispiel sind 26 Männer und zwei Frauen beschäftigt. Wenn Frauen journalistisch tätig sind, dann nicht für die Ressorts Politik oder Wirtschaft, sondern als Verantwortliche für Lokales, als Zuständige für den Magazinbereich oder die Kultur- und Kunstbeilagen.

In der Führungsetage türkischer Medien kommen noch weniger Frauen an: Derzeit sind zwei Frauen „publication directors“; sie koordinieren bei den Zeitungen Akşam and Sabah alle für die Veröffentlichung wichtigen Aspekte und sind unter anderem auch für die Personalaufsicht zuständig. Eren Keskin ist der einzige weibliche „general publications director“ bei der Zeitung Özgür Gündem. Nurcan Akad, die 2002 als erste Frau diese Stellung bei der Zeitung Aksam inne hatte und heute die erste türkische Tablet-Zeitung ZETE leitet, sieht das Problem in der fehlenden Motivation ihrer Kolleginnen.

„Die meisten Frauen wollen keine Führungskräfte werden“, sagte sie gegenüber Bianet. Problematisch sei aber auch, dass Frauen in der gleichen Position weniger Geld erhielten als ihre männlichen Kollegen. Auch die Einstellung der Frauen gegenüber Führungspositionen sei anders: „Männer verbinden Macht mit diesen Positionen, Frauen empfinden es eher als zusätzliche Verantwortung.“

Neue Wege gehen die Frauen der im März 2012 gegründeten Jin News Agency – der ersten „Frauenagentur“ in der Türkei. Das Team besteht ausschließlich aus Frauen zwischen 23 und 35 Jahren. Ihr Ziel: Die männliche Dominanz im Mediensektor aufzubrechen – trotz schlechter Bezahlung, unsicherer Jobverhältnisse und ohne Presseausweis.

Quellen:

http://Bianet.org/english/gender/136551-journalists-record-147-men-27-women

http://Bianet.org/english/freedom-of-expression/131069-difficult-working-conditions-for-turkish-journalists

http://www.hurriyetdailynews.com/government-should-examine-its-own-press-card-regulations-.aspx?pageID=449&nID=10223&NewsCatID=400

 

Haika Hartmann studiert Journalistik an der TU Dortmund. Ihr Beitrag entstand im Rahmen des Seminars “Journalism and Media in Turkey” unter der Leitung von Haluk Ucel von der Bilgi-Universität in Istanbul.

 

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