EuroMaidan: Journalisten werden zu Aktivisten

10. Dezember 2013 • Pressefreiheit • von

Als im November bekannt wurde, dass die ukrainische Regierung das beabsichtigte Partnerschaftsabkommen mit der Europäischen Union vorerst auf Eis gelegt hat und es der ukrainische Staatspräsident Viktor Janukowitsch nicht wie geplant auf dem EU-Gipfel in Vilnius unterschreiben würde, gab es in der Ukraine die ersten Proteste gegen die Regierung.

Neben Studenten waren Journalisten die treibenden Kräfte. Etwa zwei Wochen nach Beginn der Proteste wird deutlich, dass soziale Netzwerke und Online-Medien einen großen Einfluss auf die Gestaltung der Protestbewegung haben.

Es war ein einzelner Facebook-Eintrag eines ukrainischen Journalisten, der die Kettenreaktion der Proteste in der Ukraine und im Ausland auslöste. Mustafa Nayyem, einer der bekanntesten Journalisten der Ukraine, rief am 21. November seine Facebook-Freunde und -Anhänger dazu auf, sich um 22.30 Uhr auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan Nezalezhnosti) in Kiew zu versammeln, um gegen die Rücknahme des Partnerschaftsabkommens mit der EU zu protestieren.

„Zieht warme Kleidung an, bringt Regenschirme, Tee, Kaffee, gute Laune und Freunde mit“, schrieb Nayyem. Knapp 1.500 Menschen, darunter auch die Oppositionsführer, versammelten sich an diesem Abend. Drei Tage später, am 24. November, waren es schon 100.000, die auf dem Maidan Nezalezhnosti für die europäische Integration der Ukraine eintraten. Seitdem finden in der ganzen Ukraine und auch im Ausland ähnliche Kundgebungen statt, die alle unter dem Namen ‚EuroMaidan‘ laufen. Die Menschenmassen in den Straßen der Ukraine erinnern an die orangene Revolution 2004, als der Wahlbetrug der Kutschma-Regierung Massenproteste auslöste.

Beobachter machen aber darauf aufmerksam, dass die aktuellen Proteste signifikante Unterschiede zur Orangenen Revolution aufweisen. 2004 hatte Viktor Juschtschenko die Protestbewegung verkörpert, bei den aktuellen ‚EuroMaidan‘-Protesten gibt es keinen einzelnen Anführer, sondern verschiedene Graswurzel-Initiativen. Ein anderer – dramatischer – Unterschied besteht in der Gewalt.

Während 2004 sowohl die ukrainische Regierung als auch die Demonstranten gewaltfrei vorgingen, kam es bei den aktuellen Protesten immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen. Am 30. November löste die ukrainische Polizei eine Demonstration auf dem Unabhängigkeitsplatz gewaltsam auf – diese polizeiliche Maßregelung verstärkte den Protest. Am nächsten Tag gingen noch mehr Menschen auf die Straße, insgesamt 500.000. Schockiert von der Brutalität der Polizei forderten die Demonstranten den Rücktritt der ukrainischen Regierung. Die Lage verschärfte sich weiter, als einige Protestler versuchten, den Amtssitz des Präsidenten Janukowitsch zu stürmen. Bei den Demonstrationen am 1. Dezember wurden Hunderte verletzt, darunter mehr als 40 Journalisten und Fotografen, von denen viele berichteten, sie seien bewusst von der Polizei geschlagen worden, nachdem sie ihnen ihren Journalistenausweis gezeigt hätten.

Online-Pluralismus als Antwort der Journalisten

Die beispiellose Gewalt gegen Journalisten stellt für den ukrainischen Journalismus eine große Bedrohung dar. Dennoch steht es momentan bei den ukrainischen Medien besser um die Pressefreiheit als zu Zeiten der Orangenen Revolution. „Während 2004 die Opposition in den Medien aufgrund von Zensur nicht zu Wort kam, liefern die Mainstream-Medien den Bürgern heute durchaus facettenreichere Informationen – trotz der Versuche von oben, die Medien zu kontrollieren, wie zum Beispiel durch loyale Oligarchen, die viele der großen Medienunternehmen, vor allem TV-Sender, besitzen“, sagt Diana Dutsyk, Chefredakteurin der ukrainischen Online-Publikation MediaSapiens. Auch führende TV-Sender wie Inter, 1+1 und ICTV berichten seit der brutalen Maßregelung durch die Polizei über die Proteste. „Die Frage ist jedoch, ob es den TV-Sendern weiterhin gestattet sein wird, unparteiisch über die Ereignisse zu berichten“, fügt Dutsyk hinzu.

Dennoch hinkt die Berichterstattung der traditionellen Mainstream-Medien der Online-Berichterstattung hinterher. Online-Medien berichten fast rund um die Uhr live über die Ereignisse in der Ukraine. Angetrieben von der politischen Entwicklung in der Ukraine hat sogar ein neuer TV-Sender seinen Betrieb aufgenommen. Sein Name: hromadske.tv – öffentliches Fernsehen. Der Online-Sender soll eine unabhängige und unparteiische Berichterstattung gewährleisten. Er wird von Journalisten betrieben, von denen viele ihren Arbeitsplatz bei traditionellen ukrainischen TV-Sendern gekündigt haben, weil sie genug von der Zensur hatten. Der Start des Senders, der auf Spenden von Zuschauern angewiesen ist, verlief bisher vielversprechend: seine Journalisten berichten live und sehr ausführlich über die ‚EuroMaidan‘-Proteste und ziehen durchschnittlich 40.000 bis 50.000 Zuschauer an, die sich zeitgleich die Beiträge online ansehen.

Es ist aber nicht nur die umfangreiche Live-Berichterstattung, die viele Ukrainer ins Internet lockt, um die Ereignisse zu verfolgen, sondern die Vielfalt an Informationen und Meinungen, die in vielen traditionellen Medien nicht gegeben ist. Viele ukrainische Journalisten zeigen sich zudem öffentlich mit den Protesten solidarisch, indem sie auf ihren Facebook- und Twitterseiten nicht nur ihre Leser informieren, sondern auch zum Handeln auffordern und beispielsweise oppositionelle Strategie-Entwürfe präsentieren. Viele Journalisten haben sich auch den Demonstranten angeschlossen.

Nach der gewaltsamen Auflösung der Proteste haben die Journalisten der beiden ukrainischen Wirtschaftszeitungen Delo und Investgazeta noch am selben Tag eine Stellungnahme im Internet veröffentlicht, in der es heißt, dass sie unter den gegebenen Umständen nicht schweigen können: „Heute wurde eine friedliche Demonstration aufgelöst, Aktivisten wurden mit Knüppeln geschlagen. Morgen könnten sie dasselbe mit Euch machen und ungestraft davonkommen. Wir werden nicht still sein. Wir werden an den Protesten teilnehmen.“

Sogar bei Online-Stadtführern und Online-Mode-Publikationen sind die Demonstrationen ein Teil der Berichterstattung – so stellen sie ihren Lesern interaktive Karten zur Verfügung, die anzeigen, wo sich die Aktivisten aufwärmen können, wo sie freien WiFi-Zugang bekommen oder Ähnliches.

Online-Aktivismus und Bürgerjournalismus

Soziale Netzwerke, vor allem Facebook und Twitter, spielen bei der Organisation und Koordination der Proteste in der Ukraine eine bedeutende Rolle. Der Hashtag #Euromaidan (#Євромайдан auf Ukrainisch) wurde zum populärsten Hashtag unter ukrainischen Twitter-Nutzern. Dem Medienexperten Makysm Savanevsky zufolge gab es während der ersten Protestwochen jede Stunde 1.500 bis 3.000 neue Tweets mit dem Hashtag #Euromaidan.

Die offizielle EuroMaidan-Facebookseite hat innerhalb von zwei Wochen 140.000 Anhänger angezogen; die Facebookseite “EuroMaidan SOS”, die Demonstranten rechtliche und andere Tipps mit auf den Weg gibt, etwa 20.000. Die EuroMaidan-Seite ist zu einem wahren Nachrichten-Portal geworden, das unter anderem Updates der Ereignisse, logistische Informationen für die Demonstranten, Videos von Augenzeugen und Links zu Medienberichten über die Proteste bietet.

Die ukrainischen Facebook-Nutzer interagieren sehr umfassend mit den Informationen auf der EuroMaidan-Seite, haben die Medienforscher Pablo Barbera und Megan Metzger von der New York University in einem vor einigen Tagen erschienenen Bericht festgehalten. „Die 2.000 Einträge, die bislang auf der Seite veröffentlicht wurden, haben etwa 50.000 Kommentare und über eine Million ‚Gefällt mir‘-Klicks eingebracht und sind mehr als 230.000 Mal geteilt worden“, so die Forscher aus New York.

Facebook hat sich auch als effektive Plattform für verschiedene Graswurzel-Initiativen innerhalb der ‘EuroMaidan’-Bewegung erwiesen. So haben Nutzer zum Beispiel die Gruppe KyivHost ins Leben gerufen, in der Einwohner von Kiew Protestlern, die aus anderen Städten für Demonstrationen in die Hauptstadt kommen, einen Schlafplatz anbieten.

Die ukrainischen Bürger haben sich nicht nur der nutzerfreundlichen sozialen Netzwerke für ihre Proteste bedient, sondern auch anderer multimedialer Instrumente wie interaktiven Grafiken, Live-Video-Streaming und Crowdsourcing. Ein Beispiel hierfür ist die neue Website Euromaidan.eu, die alle Einträge von sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #Euromaidan sammelt. Die Macher der Seite haben auch eine interaktive Karte bereitgestellt, die alle Städte anzeigt, die die Ukraine mit Protesten unterstützen. Es sind Live-Videos von hromadske.tv, Radio Free Europe/Radio Liberty zu sehen und Nutzer können mithilfe einer mobilen App ihre eigenen Videos hochladen.

Die Kehrseite der sozialen Netzwerke. Herausforderungen für Journalisten

Zwar stellen soziale Netzwerke eine produktive Plattform für Online-Aktivismus und Bürgerjournalismus dar, aber sie können auch zum Fallstrick für recherchierende Journalisten werden, da soziale Medien für jeden zugänglich sind und einfach manipuliert werden können. So wurde der Hashtag #Euromaidan auch benutzt, um irreführende Informationen und Panik zu verbreiten. Es wurde fälschlicherweise verbreitet, dass das ukrainische Militär mobilisiert werden sollte, um die Proteste aufzulösen. Auch ein  manipuliertes Foto, das einen Demonstranten zeigen sollte, der vermeintlich mit einem Knüppel auf einen Polizeibeamten einprügelt, zirkulierte in den sozialen Netzwerken.

Ukrainische Journalisten müssen sich momentan nicht nur vor manipulierten Informationen in sozialen Netzwerken vorsehen. Sie müssen sich auch einigen anderen Herausforderungen stellen: Physische Gewalt gegen Journalisten, Internetangriffe auf ihre Medien, die Gefahr der redaktionellen Zensur.

Die Proteste gegen die Regierung gehen weiter, ihr Ausgang ist ungewiss. Aber eines ist sicher: Sowohl professionelle Journalisten als auch Bürgerjournalisten werden einen großen Einfluss auf die Protestbewegung und auch auf die ukrainische Medienlandschaft ausüben. Wer veröffentlicht, was er auf den Straßen erlebt, hat sich für einen Schritt in Richtung unabhängiger, transparenter Information ohne Zensur entschieden.

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels

Bildquelle: Alexandra (Nessa) Gnatoush / Flickr CC

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