RT Deutsch: “Fast schon unfreiwillig komisch”

2. Dezember 2014 • Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Seit über vier Wochen ist RT Deutsch, ein Ableger des vom russischen Staat finanzierten Senders Russia Today, mittlerweile online. Jeden Tag wird eine dreißigminütige Sendung mit dem Titel „Der fehlende Part“ gezeigt, Artikel ergänzen das Angebot auf der Homepage. Neben der deutschen Ausgabe gibt es noch weitere Sender, die auf Englisch, Spanisch und Arabisch die Welt laut eigenen Angaben mit den Informationen versorgt, die in den Massenmedien verschwiegen werden.

Bei der Internationalisierung von Russia Today hat Putin nicht geknausert: 210 Millionen Euro sollen 2014 dafür ausgegeben worden sein, 2015 soll das Budget sogar auf 280 Millionen aufgestockt werden – bezahlt aus der russischen Staatskasse. Im Interview mit dem EJO erklärt Prof. Dr. Jo Gröbel, welche Strategien Putin mit dem Sender verfolgt und warum die Deutsche Welle unabhängig von RT Deutsch mehr Geld bekommen sollte.

Herr Professor Gröbel, wodurch zeichnet sich das Programm von RT Deutsch aus?

Das Programm von Russia Today kenne ich schon ein bisschen länger, aber RT Deutsch ist natürlich nichts anderes als eine Verlängerung oder zum Teil auch Übertragung dessen, was Russia Today macht. Russia Today ist ganz eindeutig eine Sendergruppe, die ein von der Form her sehr professionell gemachtes Programm hat, aber gleichzeitig eindeutig Sprachrohr der russischen Regierung sind. Das ist aber auch offensichtlich. Die Finanzierung kommt von der russischen Regierung und zielt entsprechend auch darauf ab, mehr oder weniger ein Sprachrohr zu sein.

Auf der anderen Seite sagen sie – und das ist die Besonderheit bei RT Deutsch – von der Philosophie, von der Mission, von der Botschaft her wollen sie den Menschen angeblich – und ich sage jetzt bewusst angeblich – die Nachrichten bringen, die in den deutschen oder insgesamt in den westlichen Medien nicht vorkommen. Das ist insofern fast schon unfreiwillig komisch, weil man zumindest in Deutschland und eigentlich auch in den anderen westlichen Ländern doch davon ausgehen kann, dass die Medien eine relativ große Bandbreite repräsentieren und dass dort ein relativ großer Pluralismus herrscht. Eines ist jedenfalls nicht der Fall: dass alle Medien mehr oder weniger an der gleichen Strippe ziehen und die gleiche Meinung vertreten würden. Wenn ein russischer Sender wie RT Deutsch sagt: „Wir bringen jetzt endlich die volle Wahrheit“ und das gleichzeitig von einem Land kommt, in dem der Medienpluralismus, ohne dass man jetzt allzu polemisch ist, nicht gewährleistet ist, dann ist fast schon unfreiwillig komisch.

Eine Spezialität von RT Deutsch ist es, mit diesen vermeintlichen „Nachrichten, die die anderen nicht bringen” dann aber Studiogäste zu Wort kommen zu lassen, die meiner Meinung nach mit der Wahrheit selektiv umgehen. Es handelt sich um Menschen, über die man eher sagen kann oder sagen muss: „Da sind viele Verschwörungstheoretiker im Spiel.“ In den Sendungen werden auch Teile von Informationen relativ selektiv präsentiert und dann zur gesamten Wahrheit gemacht. Das ist vielleicht alles interessant, aber es ist nicht wirklich eine sehr geschickt gemachte Art der Meinungsbeeinflussung, weil es relativ offensichtlich ist.

An und für sich ist es natürlich sehr wünschenswert, dass man mit einem vom Studio und vom Setting so professionell wirkenden Auslandsrundfunk eigentlich dazu beitragen könnte, ein bisschen mehr Meinungsbild als weitere Meinung aus dem eigenen Lande rüberzubringen. Begrüßenswert wäre auch, in diesen schwierigen Zeiten dazu beizutragen, ein bisschen mehr Verständnis füreinander zu entwickeln, indem man sehr wohl die russische Perspektive wiedergibt. Aber das müsste dann in einer etwas weniger – fast schon naiv zu nennenden –meinungsbeeinflussenden Weise passieren als es jetzt der Fall ist. Die Art der versuchten Meinungsbeeinflussung würde ich als suboptimal bezeichnen – selbst wenn man nur den Kern nimmt.

Welche weiteren Strategien verfolgt Putin mit dem Ausbau seiner internationalen Sendergruppe?

Dahinter stehen mehrere Ziele. Zum einen geht es darum, einfach eine gewichtige Stimme in den internationalen Medienlandschaften zu haben. Einen Einfluss, der von der Form her – und nur von der Form – einem sehr professionell, sehr flott gemachten Sender entspricht. Dabei gibt es einen wichtigen Punkt, der auch für RT Deutsch gilt: Es werden deutlich jüngere Moderatorinnen eingesetzt als man sie bei ARD und ZDF im politischen Bereich findet. Das ist übrigens auch durchaus ein Schwachpunkt der deutschen öffentlich-rechtlichen Medien: Man findet eigentlich unter 40 keine relativ bekannten Moderatoren im Politischen.

Außerdem ist so ein professionell gemachter Sender grundsätzlich auch immer ein Prestigeobjekt. Man kommt so selbst in das Konzert internationaler Sender wie France 24 oder zum Beispiel natürlich CNN oder BBC World. Die Deutsche Welle ist da – wirklich nur von der Form – doch sehr viel traditioneller gemacht als jetzt zum Beispiel RT Deutsch oder Russia Today insgesamt. Mit anderen Worten: Man definiert sich selbst als eine gewichtige Stimme in der großen Landschaft der Auslandsrundfunkanstalten und man hat damit auch die eigene Bedeutung kommunikativ herausgestellt. Dann geht es natürlich auch darum, an der internationalen, globalen „Klimatisierung“ von bestimmten Ereignissen teilzuhaben. Und bei einem regierungsgesteuerten Sender versucht man natürlich sehr wohl auch, Meinungen zu beeinflussen.

Das sind die Strategien dahinter, wobei ich noch eine interne sehe: Als Sender kann man natürlich dann auch mal die Kommentatoren einladen, die weit über die diplomatischen Grenzen oder auch weit über das hinausgehen, was Putin selber an Drohgebärden aufbauen kann. Man kann natürlich auch ab und zu mal Stimmen laut werden lassen, die noch sehr viel extremer und radikaler sind als zum Beispiel Putin oder auch ein russischer Politiker aus der Regierungsecke.

Russia Today oder RT Deutsch sind letztlich eben nicht in erster Linie Informationssender, die man als eine von mehreren Informationsquellen nutzen kann. Es geht eher um die Meinung, es geht um die Emotionen, es geht auch um die Zuspitzung. Leider aber fehlt dann auf der anderen Seite der Pluralismus der Meinungswiedergabe, der Binnen-Pluralismus in der Berichterstattung. Es fehlt die andere Seite, bei der man sagt: Der Auslandsrundfunk – wie es zum Beispiel die Deutsche Welle sein will – ist auch dazu da, das Bild des eigenen Landes in alle Länder zu bringen und das ohne gleichzeitige Meinungsbeeinflussung.

RT gilt in den Medien als neue Stufe im „Wettrüsten“, also im Kampf um die öffentliche Meinung. Wie denken Sie sollte darauf reagiert werden?

Wenn man jetzt wirklich aus der eigenen Logik heraus denkt, also sich einen Moment lang in die Situation hineinversetzt, würde ich sagen: Das Programm ist zu polemisch, zu naiv gemacht, um wirklich auf breiter Ebene in Deutschland beeinflussen zu können. Außer natürlich diejenigen, die sowieso schon der Meinung sind, dass Russland Recht hat und der Westen negativ ist. Insofern würde ich mich da also gelassen zurücklehnen.

Trotzdem gibt es aber ein paar Lektionen, die man von RT Deutsch tatsächlich lernen kann. Eine davon ist, dass eine zugespitzte Meinung innerhalb einer pluralistischen Berichterstattung auch durchaus eine Debatte anregen kann. Nur wenn diese Meinung immer lautet „Putin hat Recht und alle anderen haben Unrecht“, dann ist es langweilig, dann interessiert es auch ganz schnell keinen mehr.

Ein pluralistisch sozialisiertes Publikum wie es das deutsche zu 90 Prozent ist, wird sich von einer einseitigen Meinungsbeeinflussung gar nicht beeinflussen lassen. Wenn Pro- und Contra-Argumente auch auftauchen würden, dann könnte man sehr viel subtiler versuchen, Meinungen und Menschen zu überzeugen, aber auf so einer Ebene ist das eigentlich ganz schwierig.

Im Zusammenhang mit dem Start von RT Deutsch hat der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg, mehr Geld gefordert, um „Putins Propaganda“ entgegenwirken zu können. Wie sehen Sie das?

Das ist schon richtig. Ich würde es jetzt aber gar nicht als Reaktion auf RT Deutsch oder Russia Today nehmen. Ich sehe die Deutsche Welle auch nicht als Gegensprachrohr gegen RT Deutsch oder Russia Today. Es ist eine generelle Notwendigkeit, den Auslandsrundfunk gut zu finanzieren. Ein so wichtiges internationales Land wie Deutschland braucht gerade im Sinne von Demokratie, von Meinungsvielfalt und von Pluralismus auf internationalem Parkett einen professionellen Sender. Und das kostet Geld. Insofern würde ich sagen: Die Deutsche Welle braucht das nicht erst jetzt als Reaktion, sondern hätte es schon lange gebraucht und braucht es in Zukunft natürlich noch mehr, um auf dem internationalen Parkett konkurrenzfähig zu bleiben. Und es kostet nun mal richtig viel Geld, bei den internationalen Flüssen der Meinungsbildung mitzumischen.

Wie haben Sie die Reaktionen der Medien auf RT wahrgenommen?

Es ist zu offensichtlich gemacht gewesen, um größere Reaktionen hervorzurufen. Ich würde mal süffisant sagen: Genau das bestätigt dann natürlich wieder den Vorwurf von RT Deutsch, dass die Medien alle an der gleichen Strippe ziehen. Mein Gegenargument ist: Leute, wenn ihr ein pluralistisches Programm machen würdet, würdet ihr auch sehr viel mehr Zuspruch bekommen. Wenn man Meinungsbeeinflussung wie in den 50er Jahren – nur mit modernen Mitteln – macht, kann man keine andere Reaktion erwarten, wenn man sich in einem pluralistischen Mediensystem und in einer pluralistischen Gesellschaft bewegt, die viele Meinungen zulässt. Dann wird RT Deutsch gar nicht mehr ernst genommen. Das ist bedauerlich, denn es wäre ja prinzipiell ein Instrument, um den Deutschen ein bisschen mehr über Russland zu vermitteln. Aber wenn es eine zum Teil unfreiwillig komische Meinungsbeeinflussung von zum Teil nicht ernstzunehmenden Verschwörungstheoretikern ist, dann wird man eben nicht ernstgenommen. Insofern ist die Reaktion der Medien dann auch insgesamt verständlich.

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Zur Person

Prof. Dr. Franz-Josef „Jo“ Gröbel, 64, ist Ehrenvorsitzender des Fachbereichs Kommunikation Medien und Journalismus der BSP Business School Berlin Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Medienpsychologie, Medienwirkung und Medienpolitik. Für die Europäische Kommission hat er bereits Medien Monitoring während der russischen DUMA- und Präsidentschaftswahlen betrieben.

 

Bildquelle: James Cridland/flickr.com

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  • ottogeorg LUDWIG

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