Gegenpropaganda oder objektive Berichterstattung?

3. Dezember 2015 • Internationales, Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Nicht lange nach dem Euromaidan wurde der private Fernsehsender „Ukraine Today“ ins Leben gerufen. Am 24. August 2014, dem Tag, an dem die Ukraine seit 1991 ihre Unabhängigkeit feiert, wurde der Sender gegründet.  

Ukraine TodayUkraine Today“ gehört zur Mediengruppe 1+1, die seit 2010 in der Hand des Oligarchen Ihor Kolomojskyj ist. Er gilt als einer der reichsten Menschen der Ukraine. Der Sender mit Sitz in der Hauptstadt Kiew umfasst eine Nachrichtenredaktion und ein TV-Studio. Die Journalisten kommen aus der Ukraine, Großbritannien, Amerika und Kanada.

Kooperationen bestehen mit anderen Rundfunksendern wie 1+1, First National Channel und Hromadske International. Rund um die Uhr werden Nachrichten aus der Ukraine und generell Osteuropa auf Englisch gesendet. Themen sind außerdem Entwicklungen in der Europäischen Union und die Beziehung zwischen den USA und Russland.

Fraglich ist einerseits, wie ein Sender, der in der Hand eines Oligarchen ist, unabhängig journalistisch arbeiten kann. Und andererseits, ob ein Sender, der „Ukraine Today“ heißt, wirklich objektiv berichtet.

Solohub_Ukraine Today

Volodymyr Solohub

Wir haben Volodymyr Solohub, Nachrichtensprecher bei „Ukraine Today“, gefragt, was hinter dem Sender steckt.

EJO: Herr Solohub, eigentlich sind Sie Jurist und haben auch als solcher gearbeitet. Wie sind Sie Nachrichtensprecher bei „Ukraine Today“ geworden?

Volodymyr Solohub: Das stimmt. Während des Euromaidans habe ich für das „International Press Center“ der Revolution gearbeitet und das hat mich irgendwie in die Welt des Journalismus gebracht. Ich fand es richtig und wichtig zur Wahrheit beizutragen, in dem wir über die Ukraine berichten.

Warum wurde „Ukraine Today“ gegründet?

Wir wollen der russischen Propaganda entgegentreten und objektive Nachrichten nicht nur über die Ukraine, sondern auch über ganz Mittel- und Osteuropa bringen. Es besteht ein massiver Informationskrieg zwischen Russland und dem Rest der Welt. Unser Ziel ist es deswegen, unsere Version dessen, was hier in der Ukraine vor sich geht, bereitzustellen – eine alternative Perspektive von den Menschen, die hier wirklich leben, zu bieten.

Welche Zielgruppe wollen Sie mit Ihren Nachrichten erreichen?

Wir richten uns vor allem an Zuschauer in Europa, Nordamerika, Nordafrika und im Nahen Osten. Dabei wollen wir aber nicht gewöhnliche Haushalte ansprechen, sondern besonders politisch interessierte Menschen. Zuschauer in Deutschland, England und Amerika können „Ukraine Today“ über Kabel schauen. Wir können nicht genau sagen, wie viele Menschen wir wirklich erreichen. Viele verfolgen unsere Nachrichten auch online.

Wie kommt es gerade zu dem Namen „Ukraine Today“? Ist Ihr Sender die ukrainische Version von „Russia Today“?

Es gibt natürlich eine Ähnlichkeit zwischen unserem Namen und dem von „Russia Today“. Mit dem Namen wollten wir „Russia Today” ein wenig provozieren, aber vor allem einen alternativen Blick auf die Dinge geben. Es gibt ja zum Beispiel auch „USA Today“. Unser Name hat also beides: eine ernste und eine nicht so ernste Bedeutung.

Sie sagten aber gerade, Sie wollen der russischen Propaganda bezüglich der Ukraine-Berichterstattung trotzen. Sie wollen Ihre Version darlegen. Kann man da nicht schon von ukrainischer Propaganda sprechen?

In unserer Berichterstattung versuchen wir, stets objektiv und ausbalanciert zu sein. Unsere Inhalte sollen keine Propaganda sein. Bei uns arbeiten viele ausländische Journalisten, die keine Partei für irgendeine Seite ergreifen.

Da kommt die Frage auf, inwieweit es überhaupt möglich ist, unabhängigen Journalismus zu machen, wenn die oberste Instanz des Senders ein einflussreicher Oligarch ist. Was ist Ihre Meinung dazu?

Wir wissen, dass wir, was die Unabhängigkeit der Journalisten in der Ukraine angeht, noch viel nachzuholen haben. Jeder größere Medienkonzern hier wird von einem Oligarchen kontrolliert. Natürlich gibt es teilweise Einschränkungen, aber das betrifft hauptsächlich die lokalen Nachrichten, nicht die internationalen. Manchmal müssen Journalisten, die für ein von einem Oligarchen kontrolliertes Medium arbeiten, über bestimmte Nachrichten aus einem gewissen Blickwinkel berichten oder die ganze Geschichte gar ignorieren. Aber das betrifft wie gesagt vor allem Nachrichten für ein lokales Publikum. Wir, die für eine ausländische Zielgruppe arbeiten, fühlen uns in keinster Weise unter Druck gesetzt oder beeinflusst.

Bildquellen: Lyngsat Logo / Volodymyr Solohub

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer dreitägigen Exkursion nach Kiew mit Studierenden des Instituts für Journalistik der TU Dortmund unter der Leitung von Tina Bettels-Schwabbauer, leitende Redakteurin der deutschen EJO-Seite, und Dariya Orlova, leitende Redakteurin der ukrainischen EJO-Seite.

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  • Hans

    Blödsinn, als würde von deren Seite keine Propaganda kommen. Wie naiv ist man hier eigentlich? Oder nur stramm linientreu russophob??

  • Wlad Sankin

    sie sind nicht russophob, sie sind einfach dumm.

  • Hans

    Sagt ein Honk?

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