Gemeinnützig und investigativ

8. April 2016 • Internationales, Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Journalismus-Organisationen, die aus Spendengeldern finanziert werden, spielen für investigative Recherche-Projekte eine immer wichtigere Rolle. Auch an der Veröffentlichung der Panama Papers war eine Nonprofit-Organisation für investigativen Journalismus maßgeblich beteiligt.

money-652560_1280Investigative Recherche braucht Zeit und fähige Köpfe, darin sind sich eigentlich alle Journalisten einig. Und das ist gleichbedeutend mit Geld. Geld, das immer weniger Redaktionen sowohl in Deutschland als auch weltweit für langwierige Recherchen ausgeben können oder wollen. Bei sinkenden Werbe- und Abonnenteneinnahmen und der Kostenloskultur im Internet wird es für Qualitätsmedien immer schwieriger, aufwendige journalistische Inhalte zu refinanzieren. Selbst große Medienhäuser wie die Süddeutsche (SZ), der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und Norddeutsche Rundfunk (NDR) sind vor anderthalb Jahren eine Recherchekooperation eingegangen. Dabei ist die Kritikfunktion der Medien für eine Demokratie essentiell – in etablierten Demokratien wie in Ländern, die sich auf eine Demokratie hinbewegen. Diese Kritikfunktion können die Medien nur erfüllen, wenn sie auch komplexe Strukturen durchleuchten. Dafür braucht es Geld, Zeit, Kompetenz, Unabhängigkeit und Mut.

Immer seltener lassen sich all diese Eigenschaften in einer Hand bündeln. Sei es aufgrund der schwierigen finanziellen Situation der Presse in Ländern wie Deutschland oder den USA oder aufgrund mangelnder Unabhängigkeit der Organisation wie in einigen ehemaligen Ostblock-Staaten oder aufgrund der immer komplexer werdenden Sachverhalte, die es zu durchleuchten gilt. Nonprofit-Organisationen, die sich auf investigatives Recherchieren fokussiert haben, spielen deshalb zunehmend eine wichtige Rolle, die je nach nationalem Kontext unterschiedlich ausfallen kann:

So hat die Kooperation von NDR und SZ im Jahr 2013 mit Offshore-Leaks geheime Offshore-Konten der chinesischen Eliten und des ehemaligen Playboys Gunther Sachs enthüllt. Doch weder die Idee noch das Datenmaterial kamen aus den beiden Medienhäusern. Sie stammten von der Nonprofit-Journalismus-Organisation „International Consortium for Investigative Journalism (ICIJ)“ des „Center for Public Integrity“. Diese NPJ-Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Demokratie zu dienen, indem sie Machtmissbrauch, Korruption und den Missbrauch öffentlichen Vertrauens durch mächtige öffentliche und private Institutionen mit den Mitteln des investigativen Journalismus aufdeckt und anprangert. Die Enthüllungen der Offshore-Leaks war der Beginn der erfolgreichen internationalen Zusammenarbeit von Investigativ-Journalisten unter der Koordination des ICIJ: Es folgten unter anderem Swiss-Leaks, Luxembourg-Leaks und zuletzt die Panama-Papers, deren Daten der Süddeutschen Zeitung zugespielt wurden und die diese mit den Kollegen vom ICIJ teilte. Am Ende arbeiten über 400 Reporter von über 100 Medien an der Aufarbeitung der 2,6 Terrabyte – 11,5 Millionen Daten, die kein Medienunternehmen allein hätte verarbeiten können.

Aufdeckung von Korruption und Machtmissbrauch

In Ländern, die sich gerade noch in der Entwicklung zu einer Demokratie befinden, kämpfen investigativ arbeitende Journalisten laut Angaben des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) häufig mit der mangelnden Pressefreiheit, der mangelnden Unabhängigkeit der Medien, schlechten Verwaltungen, den fehlenden Anti-Korruptionsgesetzen und der schlechten Durchsetzung von Rechten und Gerechtigkeit.

In vielen Ländern, in denen BIRN arbeitet, gibt es keinen geeigneten Medienmarkt, an den es seine Recherchen verkaufen oder weitergeben kann, deswegen müssen die Mitarbeiter dieses Projekts sehr viel mehr für die eigene Öffentlichkeitswirksamkeit tun als beispielsweise das ICIJ, das starke Medienpartner hat. Sie veröffentlichen und verbreiten ihre eigenen Geschichten, weil es außer ihnen in vielen Fällen niemand tun würde. Als Beispiel dafür kann die Artikel-Serie Power Brookers aus dem Jahr 2006 gelten: Drei der Investigativen Reporting Centers des BIRN hatten sich damals nach einer Preisexplosion und vielen Stromausfällen zusammengeschlossen, um gemeinsam zu den Energie-Verträgen ihrer Länder zu recherchieren. Das Ergebnis der Recherche war die Aufdeckung von Korruption und Machtmissbrauch und wurde mit dem Global Shining a Light Award belohnt. Außerdem sorgten die Recherchen des BIRN in den vergangenen Jahren für die Versetzung oder den Rücktritt von Staatsbeamten, sie gaben den Anstoß zu Regierungshandlungen hinsichtlich Korruption, öffentlicher Rechenschaft und Umweltschutz und waren einer Studie von Spiller und Degen zufolge indirekt für den Rücktritt des bosnischen Premierministers Nedzad Brankovic verantwortlich.

Diese Recherchen hätten auch vielen kommerziellen Medienunternehmen gut zu Gesicht gestanden, doch in vielen Ländern des Balkan ist die Besitzstruktur schon ein Teil des Problems und Grund für die Anstrengungen des BIRN: In Rumänien, so haben investigative Recherchen des Romanian Center for Investigative Journalism ergeben, stehen mehr als die Hälfte der Medienbesitzer selbst unter dem Verdacht der Geldwäsche und organisierten Kriminalität. Auch das Bosnian Center for Investigative Reporting hat ähnliche Befunde dokumentiert. Und Besitzer mit einem solchen Hintergrund werden wohl kaum dafür sorgen, dass ihre Journalisten darin ausgebildet werden, Verbrechen und Korruptionsfälle genauer und systematischer zu analysieren und die Ergebnisse dann groß publizieren. Deswegen spielt bei allen BIRN-Projekten auch die Aus- und Weiterbildung von Journalisten neben der Aufdeckung von Missständen eine zentrale Rolle.

Investigativer Journalismus auf den Philippinen

Auch außerhalb der westlichen Welt, beispielsweise in Asien, werden seit Jahren mutige Journalisten zu investigativen Reportern ausgebildet. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Philippine Center for Investigative Reporting. Es ist mittlerweile in ganz Asien für seine Ausbildung berühmt und gilt in vielen asiatischen Ländern als Vorbild, wie man investigative Recherche betreiben sollte. David E. Kaplan geht in seiner Studie „Global Investigative Journalism: Strategies for Support“ sogar so weit zu behaupten, dass die Trainer des PCIJs fast im Alleingang eine komplette Generation von investigativen Journalisten auf den Philippinen ausgebildet hätten, die nun wiederum in gehobenen Positionen in ganz Asien dieses Wissen weiterverbreiteten.

Ein Indiz für den Erfolg des Modells des PCIJs sind neben den zahlreichen gewonnen Preisen sicherlich die Auswirkungen, die die Geschichten hatten: Ihre weit über 1000 Beiträge in philippinischen Zeitungen und ihre Dokumentationen haben unter anderem die Regierung unter Druck gesetzt, Reformen im Bereich des Umweltschutzes, der öffentlichen Rechenschaft und der Korruption auf die Agenda zu setzen. Des Weiteren waren sie für die Rücktritte oder Versetzung von Staatsbeamten verantwortlich und haben Beweise für das Amtsenthebungsverfahren des philippinischen Präsidenten Joseph Estrada im Jahr 2000 gesammelt. Besonders letzteres gilt als großer Coup des PCIJs: Acht Monate lang sammelten die Journalisten Beweise zu Estradas geheimen Luxushäusern, dem Vermögen, das er für seine heimliche Geliebte ausgab und seinen Beteiligungen an über einem Dutzend Firmen.

Dieser Erfolg sei laut PJICs Mitbegründerin und langjähriger Direktorin Sheila Coronel aus drei Gründen möglich gewesen: Die lange Tradition einer lebhaften und konkurrenzfähigen Presse in der Hand vieler verschiedener Besitzer habe dem PCIJ die Möglichkeit geboten, die eigenen Geschichten zu verkaufen. Außerdem gebe es auf den Philippinen große Unterstützung von der Öffentlichkeit. „Die Leute waren unheimlich aufmerksam. Es gab genug Unterstützung, so dass unsere investigativen Geschichten entweder sogar eine Reform oder aber zumindest einzelne Handlungen anstoßen konnten“, erinnert sich Coronel. Neben diesen externen Faktoren gilt aber auch noch ein weiterer, interner. „Wenn du so etwas machst, brauchst du einen ziemlich hohen Standard, denn du kannst dir keine Fehler erlauben. Wir haben uns hohe Standards gesetzt für das, was wir publizieren: Unsere Geschichten müssen mehrfach durch die Redigatur und werden geprüft. Wir haben Monate darauf gewartet, auch die andere Seite der Geschichte zu hören – auch Estradas”, erklärt Coronel. Bei dieser Fallhöhe müsse man sich absolut sicher sein, sonst verliere man seine Glaubwürdigkeit und damit auch seine Daseinsberechtigung.

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Ist es wichtig, wer die Journalisten bezahlt?

In Regionen wie dem Balkan oder auch Osteuropa und Zentralasien, in denen die Medienlandschaft von sich aus solche Recherchen aufgrund des restriktiven Systems und den Besitzverhältnissen nicht hervorbringen kann, sind die oben beschriebenen Projekte nicht nur nützlich, sondern essentiell, wenn man davon ausgeht, dass die Medien Kritik und Kontrolle ausüben sollen. Irgendjemand sollte auch in diesen Staaten den Job übernehmen und solange sich das System noch nicht in die Richtung entwickelt hat, dass die Medienunternehmen es selbst tun, leisten Nonprofit-Journalismus-Organisationen einen wichtigen Beitrag. Diese Form der finanziellen Zuwendung sollte jedoch grundsätzlich nicht mehr sein als eine Krücke, auf die man sich stützt, solange man noch keine passende Prothese gefunden hat, mit der man wieder richtig laufen kann. Man kann mit ihr die Zeit überbrücken und weiterhin beweglich bleiben, doch es sollte für den Journalismus nicht zur Gewohnheit werden, sich auf eine solche Hilfe zu verlassen.

Anders sieht die Bewertung der NPJ-Organisationen in Nordamerika und Europa aus: Dort lassen die Mediensysteme kritische, investigative Recherchen zu und die Medienorganisationen hätten die finanziellen Mittel, solche Recherchen zu finanzieren. In diesem Zusammenhang bieten NPJ-Organisationen ihnen eine billige Ausrede, um sich aus ihrem Kernbereich – der Kritik und Kontrolle – zurückzuziehen und die zeitaufwändigen und teuren Geschichten billig einzukaufen. Die Mehrheit des Publikums wird die Recherchen am Ende allgemein dem etablierten Medium zurechnen, das die Geschichte publiziert hat. Und nicht dem gemeinnützigen Journalistenbüro.

Aber spielt am Ende für die Gesellschaft überhaupt eine Rolle, wer denjenigen bezahlt, der den Missstand aufdeckt? Ist es nicht nur wichtig, dass der Missstand aufdeckt wurde? Ja und nein. Nein, es nicht wichtig, wer den Journalisten bezahlt hat, der den Missstand aufgedeckt hat, wenn man die Glaubwürdigkeit geprüft und die Geldgeber transparent gemacht hat. Denn die Gesellschaft ist schließlich ein kleines bisschen besser geworden. Aber ja, es ist wichtig, wenn man immer noch daran glaubt, dass Kritik und Kontrolle Kernaufgaben der Medien sind, die nicht davon abhängen dürfen, ob sich Stiftungen und Mäzene für ein Themengebiet interessieren und die absolut nicht irgendwo andershin auslagerbar sind.

 

Bildquelle: pixabay.com

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