Medien in Russland: Watchdogs sind nicht gefragt

8. April 2014 • Digitales, Pressefreiheit • von

Während der Revolten in einigen arabischen Ländern wie Ägypten oder Tunesien waren sich viele Beobachter einig: Das Internet verhilft den Bürgern zu unabhängiger Information und trägt zur Demokratisierung bei. In Folge fordern sie unabhängige Medien und bauen diese auf.

Doch können sich Bürger mit Netzanschluss automatisch auch gut informieren? Und schreibt das Publikum in autoritären oder weniger freien Ländern den Medien überhaupt die Rolle des Watchdog zu und fordert diese ein?

Diese Frage hat sich der Medienwissenschaftler Florian Töpfl von der London School of Economics and Political Science gestellt. Er versuchte sie am Beispiel des Medienpublikums in Russland zu beantworten, wobei das Land nach seiner Definition ein hybrider Staat mit ausgeprägter Regierungspropaganda aber eben auch freiem Internet- und Informationszugang ist.

In seinem im European Journal of Communication veröffentlichten Beitrag „Four facets of a critical news literacy in a non-democratic regime: How young Russians navigate their news“ kommt Toepfl zu folgendem Schluss: Die befragten Russen bringen höchst unterschiedliche Voraussetzungen mit, um sich aus den ihnen verfügbaren Quellen und Inhalten selbstbestimmt zu informieren. Nicht alle, die im Netz surfen, sind politisch aufgeklärte Bürger.

Um herauszufinden, wie sich die Internetnutzer in dem relativ autoritären russischen Regime durch die Nachrichten im Internet navigieren und wie sie die ihnen zugänglichen Informationsquellen nutzen, befragte Toepfl im Herbst 2011 zwanzig junge Russen zwischen 18 und 26 Jahren. Die Antworten dieser Interviewpartner, die alle studierten, zu Hause Internetanschluss sowie viel Erfahrung mit internetfähigen Mobilgeräten hatten und somit eine Avantgarde im Umgang mit digitalen Medien repräsentierten, glich Toepfl mit dem Forschungsstand zu Medienkompetenz aus westlichen Ländern ab. Sein Fokus lag dabei auf dem Umgang mit politischen Nachrichten.

Toepfl geht in seiner Studie davon aus, dass es vor allem in relativ autoritären Regimen wie Russland einer gewissen Medienkompetenz in punkto kritischer Mediennutzung bedarf. Nur dann können die Bürger die neuen Informationsmöglichkeiten im Internet auch ausschöpfen. Denn dort sind es viele Menschen nicht gewohnt, dass ihnen diverse und unabhängige Informationen zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass das Internet breitere Anforderungen an die Medienkompetenz der Nutzer stellt als die klassischen Medien. Neben der Fähigkeit, sich Zugang zu Information zu beschaffen, sie zu analysieren und einzuordnen, gehört zu einem versierten Umgang mit verschiedenen Quellen im Cyberspace noch einiges mehr: Das beginnt schon mit der Herausforderung, einen Computer oder andere digitale Endgeräte gut zu beherrschen. Ein Nutzer sollte sich außerdem sinnvoll durch verschiedene Websites navigieren, die Qualität verschiedener Informationsquellen im Netz einschätzen können und nicht zuletzt wissen, wie er den Urheber einer Information identifizieren kann.

Zunächst wendet sich der Autor der Studie den verschiedenen Interessensgruppen zu, die den russischen Mediensektor beherrschen und um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen. Er unterscheidet in Russland fünf verschiedene Sphären der Medienakteure, wobei er schätzt, dass dieses Modell auf viele hybride Staaten übertragbar sein dürfte:

Da ist zunächst einmal die offizielle Ebene, in der Staatsmedien in Form von Rundfunk, Presse und Netzpublikationen wie etwa Blogs von Politikern die Ideologie des Regimes verbreiten. Daneben treten die kommerziellen Massenmedien, die zwar teilweise Kritik an der Regierung üben, dies allerdings nie zu harsch tun, da oft regierungsnahe Oligarchen hinter den Unternehmen stehen. Meist gibt es auch eine liberal-demokratische Sphäre, die etwa Blogs von Oppositionellen oder bürgerlichen Aktivisten, Oppositionszeitungen und Oppositions-TV-Sender im Netz umfasst. Eher untergeordnete Rollen spielen Toepfl zufolge die extremistischen Gruppen. Er unterscheidet dabei die nationalistische Sphäre, in der nach seinem Modell nationalistische Medieninhalte über Spartenzeitungen, Websites und Blogs verbreitet werden, und kommunistische Gruppierungen, die eine Rückkehr zum kommunistischen System fordern und sich ähnlicher Strukturen wie die Nationalisten bedienen.

Zur Zeit der Befragung waren die drei größten TV-Sender in Russland staatliche Sender. 92 Prozent der Russen gaben an, ihre Nachrichten und Informationen häufig oder meistens aus dem Fernsehen zu bekommen, nur 23 Prozent der Befragten gaben das für Zeitungen und nur 19 Prozent für Onlinemedien an. Doch gleichzeitig weist der Autor darauf hin, dass sich die Anzahl der regelmäßig surfenden Onlinenutzer zwischen 2003 und 2012 von vier Prozent auf 48 Prozent erhöht habe. Da die verschiedenen Medien von staatlichen Rundfunksendern bis hin zu oppositionellen Blogs online nur noch einen Klick voneinander entfernt sind, gerate die Vorherrschaft der staatlichen Informationen ins Wanken: „In diesem spezifischen Umfeld hängt es fast ausschließlich von der bewussten Entscheidung des jeweiligen Individuums ab, welcher Nachrichtenquelle es folgen will – und welche es meidet. Diese bewusste Entscheidung hängt wiederum von dem spezifischen Wissen der Person über politische Massenmedien ab.“

Um dieses Wissen zu untersuchen, rekonstruierte der Forscher mit den Interviewten ihren Medienkonsum an einem gewöhnlichen Wochentag und befragte sie zu ihren Nutzungsgewohnheiten. Während einige Probanden verschiedene Segmente innerhalb der Medienlandschaft benennen und analysieren konnten, hatten andere Toepfel zufolge keinerlei Vorstellung davon, welche Medien welcher Gruppe angehören und welche Rolle sie in der russischen Medienlandschaft spielen könnten.

Wie sich die Studenten durch die Informationsangebote im Netz navigierten, hing auch davon ab, welcher Interessensgruppe sie gewisse Medien zuordneten und wie sie diese einschätzten: Einige Probanden, die eine Zweiteilung der Medienakteure in staatlich kontrollierte und unabhängige Medien sahen, neigten dazu, die staatlichen Medien zu meiden. Sie sahen sie als qualitativ minderwertig, weil nicht vertrauenswürdig an. Andere, die von verschiedenen rivalisierenden Akteuren ausgingen, sahen die staatlichen Medien hingegen nur als eine von vielen nicht vertrauenswürdigen Quellen an, wobei sie den oppositionellen Medien nicht mehr Qualität oder Objektivität zutrauten.

Was diese Zuordnung im konkreten Fall bedeuten kann, zeigt das Beispiel einer Studentin, die Toepfl folgendermaßen zitiert: Sie folge lieber einer staatlich manipulierten Quelle als einer, die von einem Oligarchen manipuliert werde, sagte die junge Frau. Sie wählte also das ideologische Staatsfernsehen bewusst als geringeres Übel. Auch Studenten, die Medien nach einer Zuordnungslogik in seriöse und weniger seriöse Quellen unterteilten, entschieden sich Toepfl zufolge eher für die staatlichen Rundfunksender. Ohne sich konkret bewusst zu sein, dass die Sender staatlich kontrolliert sind, wählten sie diese nur deshalb aus, weil sie seriöser aufgemacht sind als viele andere Angebote in der russischen Medienlandschaft. Von einer bewussten Entscheidung aufgrund von Wissen über die Medienakteure kann also auch hier keine Rede sein.

Noch weniger waren sich die Befragten über die Effekte der Besitzstrukturen auf die Arbeit der jeweiligen Medien im Klaren. Laut Toepfl hatten erstaunlich viele keine Vorstellung davon, mit welchen Instrumenten auf Journalisten in Russland regelmäßig Druck ausgeübt wird – Beispiele sind juristische Auflagen, politische Schauprozesse, Repressionen gegen Journalisten oder Manipulationsmittel wie bezahlte Blogposts. „Einigen Studenten fehlte hier das grundlegendste Basiswissen“, schreibt Toepfl.

Das mangelnde Wissen über die Produktionsprozesse und Hintergründe eines Mediums führt laut Toepfl bei vielen Studenten dazu, dass sie Nachrichten einer jeweiligen Quelle nicht optimal aufnehmen und einordnen können. Er nennt das Beispiel einer 18-jährigen Soziologiestudentin, welche die Medienlandschaft in kontrollierte und unabhängige Medien unterteilte und glaubte, dass die staatliche Kontrolle im Internet am geringsten sei, während sie in Zeitungen schon stärker greife und beim Rundfunk sehr stark ausgeprägt sei.

„Allerdings wusste sie wenig darüber, wie die Medien in den verschiedenen Bereichen produziert werden“, beschreibt Toepfl das Problem. Ohne dieses Wissen hatte die junge Frau somit auch keine Argumente für oder wider die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit einer Quelle. Im Verlauf des Interviews erkannte sie das selbst und sagte, sie sehe die Hintergründe der verschiedenen Medien als sehr undurchsichtig an und wisse nicht, wem sie vertrauen könne – dies gelte auch für die Websites, die sie für gewöhnlich besuche.

Als Gegenbeispiel führt der Forscher einen zum Zeitpunkt der Befragung 22-jährigen Studenten der Journalistik und Soziologie an. Dieser konnte ganz detailliert begründen, warum er welche Medien konsultierte und erklären, wie er die dort verfügbaren Informationen einordnete. So vertraute er etwa zum Zeitpunkt der Untersuchung Ekho Moskvy, einen als oppositionell geltenden Radiosender, der allerdings zu zwei Dritteln dem staatlichen Rohstoffkonzern Gazprom gehört. Der Student wusste um diese problematische Besitzstruktur und entschied sich dennoch bewusst für den Sender, da er den Chefredakteur Alexei Venediktov für vertrauenswürdig hielt. Denn dieser hatte angegeben, Ekho Moskvy bei zu starker Einflussnahme zu verlassen.

Heute  würde sich der Student vielleicht anders äußern: Erst Anfang des Jahres wurde der langjährige Direktor des Radiosenders, Yuri Fedutinov, durch eine kremltreue Journalistin ersetzt. Chefredakteur Alexei Venediktov bezeichnete die Maßnahme, die von einem von Gazprom dominierten Gremium durchgesetzt wurde, als ungerechtfertigt und höchst politisch motiviert. Er selbst dürfte bei der nötigen Wiederwahl in einigen Monaten ebenfalls nicht sicher gesetzt sein.

In Bezug auf das Bewusstsein der Studenten, dass Medieninhalte in der Regel keine Wirklichkeit abbilden, zeigte sich die Lage schon differenzierter. Einige Studenten waren sich durchaus bewusst, dass die politischen Nachrichten, die sie sahen, niemals ein wahres Geschehnis abbildeten. Sie verschafften sich selbst ein objektiveres Bild, indem sie sich verschiedener Quellen bedienten. So las ein 21-jähriger Wirtschaftsstudent, den Toepfl befragte, neben den staatlichen Medien Russlands auch zwölf internationale Presseprodukte online, darunter die New York Times, The Atlantic und 50 Blogs, die er über einen RSS-Feed abonnierte. Der junge Mann erkannte anhand der unterschiedlichen Berichterstattung, dass unterschiedliche Bewertungskriterien bei den Medienhäusern zu unterschiedlichen Themen und Interpretationen führten.

Eine 18-jährige Soziologiestudentin hingegen hielt Berichte im TV, die mit Bildern belegt waren, für ein Abbild der Realität und vertraute dem staatlichen Fernsehen deshalb eher als allen anderen Quellen – weil sie glaubte, dort weniger manipuliert zu werden. Wie problematisch dies ist, zeigte sich erst kürzlich während der Krimkrise. Das russische Fernsehen versuchte mit falschen Bildern vorzutäuschen, es gebe Flüchtlingsströme aus der Ukraine nach Russland. Toepfl kommentiert den Glauben in die Wahrhaftigkeit von Bildern so: „Probanden (…), die in dieser Dimension des Medienkonsums keine Kompetenzen hatten, konnten sich in der ideologisch stark fragmentierten russischen Medienlandschaft nur schwerlich (…) selbstbestimmt orientieren.“

Abschließend wollte Toepfl auch herausfinden, ob sich die junge digitale Avantgarde in Russland nach unabhängigen, kritischen Medien sehnt, oder welche Funktion sie den Medien statt dieses westlichen Ideals zuschreibt. Einige Studenten sprachen ungefragt über gesellschaftliche Funktionen der Medien und des Journalismus, am häufigsten wünschten sich die Interviewten mehr Transparenz, unabhängige Information und Bildung für die Öffentlichkeit durch die Medien. Dagegen konnten andere Probanden selbst bei expliziter Nachfrage keine andere Funktion benennen, als dass Medien „informieren“ sollten.

Einige Funktionen, die Medien im westlichen Gesellschaftsverständnis oft zugeordnet werden, waren hingegen kaum präsent oder wichtig: Nur sehr wenige Befragte gaben an, dass die Medien die Regierung kontrollieren sollten und als vierte Gewalt im Staat nötig seien, keiner sah Medien als eine Plattform für einen freien Gedanken- und Ideenaustausch an. Statt des westlichen Idealbildes von den Medien als Watchdog benannten einige Studenten auf Nachfrage alternative Konzepte, die allerdings mit demokratischen Medienideen wenig zu tun haben: So sah ein Student die Aufgabe der Medien darin, den gesellschaftlichen Eliten als Sprachrohr zu dienen. Andere ließen durchblicken, dass sie die russische Gesellschaft noch nicht in der Lage sehen, mehr als zwanzig Jahre nach Ende der Sowjetunion eine vollkommen freie Presse und Meinungsäußerung zu händeln – dann breche Chaos und Anarchie aus und der staatliche Zusammenhalt sei gefährdet, wie einige Antworten der Studenten suggerierten. Deshalb seien die Medien dazu da, für Kontinuität und Stabilität zu sorgen.

Vor allem diese normative Vorstellung, dass Medien für Stabilität sorgen sollen, hatte starke Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Studenten Medien konsumierten. So sah ein 21-jähriger Wirtschaftsstudent das Staatsfernsehen als brauchbare Quelle an, obwohl er sich über die Einflussnahme und einige Manipulation der Berichterstattung im Klaren war. Er hielt es jedoch für die Aufgabe der Journalisten, ideologisch eingefärbte Nachrichten zu verbreiten, welche die nationale Einheit befördern und die sichere Lage im Land gewährleisten. So gab er etwa an, die untertreibende Berichterstattung über die Folgen der Weltfinanzkrise ab 2009 im russischen Fernsehen sei doch im Sinne der Bevölkerung gewesen, da sie sonst zu beunruhigend gewesen wäre.

Toepfl bilanziert, dass insgesamt doch deutliche Lücken in der Medienkompetenz der befragten jungen Russen klafften. Zwar seien die Ergebnisse höchst unterschiedlich, doch an vielen Stellen schockiere es, wie wenig die Studenten mit den ihnen verfügbaren Inhalten im Netz anfangen könnten, weil sie diese nicht einordnen könnten.

Eine Erkenntnis, die aus der Studie folgt, dürfte die folgende sein: In weniger liberalen Gesellschaften wie Russland muss Medienkompetenz noch viel stärker und umfassender aufgebaut werden als in Ländern wie Deutschland. Denn die Herausforderungen, vor denen junge Personen in Russland stehen – nämlich zwischen ideologischen und unabhängigen Quellen zu unterscheiden – stellen sich vielen scheinbar kompetenten Mediennutzern in westlichen Ländern gar nicht. Nur wenn die Menschen damit umzugehen lernen, können demokratieförderliche Potenziale des Internets überhaupt greifen.

Toepfl, Florian (2014): Four facets of critical news literacy in a non-democratic regime: How young Russians navigate their news. In: European Journal of Communication, 29. Jg., H. 1, S. 68-82.

Bildquelle: Felix Neiss / Flickr Cc

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