3 Euro für die Medienvielfalt

28. Januar 2015 • Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Ein enges Korsett aus staatlichen Subventionen, strengen Gesetzen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Selbstzensur schnürt sich um die französischen Medien. Da spielen Satiremagazine wie Charlie Hebdo eine besondere Rolle. In der öffentlichen Debatte nach dem Anschlag auf die Redaktion in Paris dürfen die Gefahren und Herausforderungen für die Meinungsvielfalt nicht auf eine einzige reduziert werden.

Die erste Ausgabe nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo kommt in Grün, im Islam die Farbe des Propheten. Eine Karikatur von genau ihm, weinend mit einem „Je suis Charlie“-Plakat in den Händen, prangt auf dem grünen Untergrund: „Alles ist vergeben“. Unter dem Magazin-Titel steht wie gewohnt „journal irresponsable“, zu Deutsch: „verantwortungslose Zeitung“. Der Slogan steht im ironischen Gegensatz zu der wichtigen Rolle, die Charlie Hebdo – stellvertretend für andere Satire-Magazine – in der Medienlandschaft Frankreichs einnimmt. Satireformate erreichen dort oft ein großes Publikum. Sie sind ein etabliertes Mittel für ernste Kritik, denn anders als die allgemeine Berichterstattung genießt Satire Narrenfreiheit, die ihr selbst Gerichte schon ganz offiziell zusprachen. So etwa 1999, als die beliebte satirische Sendung „Les Guignols de l’Info“ (Die Nachrichten-Marionetten) Gegenstand eines Gerichtsverfahrens war.

Unter den humorvoll-ernsthaften Print-Veröffentlichungen galt bisher Le Canard Enchaîné (Die angekettete Ente) als das Parade-Beispiel, dessen Auflage mit 700.000 die von Charlie Hebdo um das mehr als Zehnfache übersteigt. Größere Aufmerksamkeit brachten letzterer vor allem die Provokationen, die islamischen Bürgern Toleranz abverlangten, etwa als die Redaktion die Muhammad-Karikaturen der dänischen Jyllands Posten nachdruckte oder 2011 den Sondertitel „Charia Hebdo“ herausbrachte. Auf dem Recht der Satire, Tabus zu brechen, bestand Charlie Hebdo aber nicht nur gegenüber dem Islam, sondern gegenüber allen. Auf dem Titel umarmte etwa schon Papst Benedikt XVI. innig einen mädchenhaft erröteten Schweizer Gardisten. „Endlich frei!“ freute sich die Papst-Karikatur über seine Abdankung.

In der Kritik gesellschaftlicher, religiöser oder politischer Geschehnisse spielt die französische Satire eine besondere Rolle. In der nur bedingt etablierten Medienselbstregulierung hat sie ebenso ihren festen Platz. Der französische Medienwissenschaftler Claude-Jean Bertrand hat das Konzept der M*A*S*, der “media accountability systems”, entworfen und versteht darunter die „nicht-staatlichen Mittel, die die gesellschaftliche Verantwortung von Journalisten gewährleisten.” Es ist geradezu ironisch, dass dieses Konzept ausgerechnet von einem Franzosen stammt, denn in Bertrands Heimatland gibt es nur wenige institutionalisierte Instrumente der Medienselbstregulierung. Bestes Beispiel: Die zahlreichen Versuche, einen Presserat als unabhängige Regulierungsinstanz zwischen Medien und Gesetz zu etablieren, scheiterten bislang. Es sei zynisch, aber im französischen Journalismus glaube man nicht an Selbstregulierung, hielt Betrand selbst fest.

Demgegenüber ist die externe Regulierung vergleichsweise hoch: Der französische Staatschef kann über die Rundfunkaufsichtsbehörde die Intendanten mehrerer öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten benennen. Die Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) ähnelt in ihrem Status dem der öffentlich-rechtlichen Medien, was die Unabhängigkeit von Staat und Privateigentümern garantieren soll. Tatsächlich ist sie aber über die vielen Abonnements staatlicher Einrichtungen finanziell vom Staat abhängig. Schließlich schränken strenge Gesetze etwa zum Schutz der Privatsphäre die Arbeit von Journalisten ein. Auch den Informantenschutz bezeichnen Kritiker immer wieder als unzureichend.

Zudem sind in Frankreich die Beziehungen zwischen Politik und Journalismus verhältnismäßig eng. Die Franzosen bezeichnen das Phänomen dieser Vertraulichkeit als „Connivence“, was als „geheimes Einverständnis“ übersetzt werden kann. Es meint nicht etwa die politische Einflussnahme auf den Journalismus, sondern vielmehr die Bereitschaft von Journalisten, mit der politischen Elite zu kollaborieren. Gemeinsame Werte und Freundschaften begründen die „Connivence“, denn Politiker und Journalisten haben oft dieselben Elite-Hochschulen besucht und verkehren in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen, die in Paris zentralisiert sind. In der Republik des off the record ist dies eine heikle Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Die Satire will sich von einer allzu großen Politiknähe emanzipieren, nimmt diese immer wieder aufs Korn und leistet so einen wichtigen Beitrag zur innerjournalistischen Medienkritik.

Die Entstehungsgeschichte von Charlie Hebdo unterstreicht diese medienkritische Bedeutung. Das Magazin verdankt seine Existenz einem Skandal gegenüber dem Vater der V. Republik, Charles de Gaulle. Die Vorgänger-Zeitschrift schrieb sich den schwarzen Humor auf die Fahnen und dafür war ihr Titel Hara-Kiri bezeichnend. Im Französischen klingen die letzten beiden Silben des Begriffs für die rituelle Selbsttötung wie der Relativsatz „qui rit“, zu Deutsch: „der lacht“. Die Gaullisten brachte ein Hara-Kiri-Witz zum Tod des Generals alles andere als zum Lachen und das Magazin wurde von Amts wegen verboten. Die Redaktion gründete daraufhin Charlie Hebdo, dessen Name sich von der Peanuts-Figur Charlie Brown ableite, sagen die einen. Andere meinen, es sei ein Gruß an Charles de Gaulle.

Seit 1970 bis 81 und dann wieder von 1992 an gibt es Charlie Hebdo mittwochs am Kiosk – immer mit Aufreger, aber ohne Werbung. Der Verzicht auf Anzeigen demonstriert die Unabhängigkeit von Werbekunden, welche im französischen Printsektor sonst eine so dominante Rolle einnehmen. Fast die gesamte Presse ist in den Händen von Industriekonzernen bzw. Finanzinvestoren, die größtenteils auch Anteile an audiovisuellen Medien halten und gleichzeitig die größten Auftraggeber der Werbewirtschaft sind. Ihre Beziehungen zum Staat sind im Zeichen der Unabhängigkeit problematisch, wenn sie von Staatsaufträgen profitieren. So ist beispielsweise der Rüstungsunternehmer und EADS-Aktionär, Arnaud Lagadère, gleichzeitig Inhaber des Großverlags Hachette-Filipacchi Médias, zu dem zahlreiche Illustrierte und der meistgehörte Pariser Rundfunksender Europe 1 gehören. Er machte nie einen Hehl daraus, den ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy seinen „Bruder“ zu nennen.

Charlie Hebdo hingegen kämpft ohne Anzeigen ums Überleben, kann sich allein mit Verkäufen aber nur schwer über Wasser halten. Der finanziell angeschlagene Verlag verkauft laut Spiegel Online gewöhnlich nur die Hälfte seiner 60.000 Druckexemplare. Anders nach dem Attentat, als die Nachfrage in die Höhe schnellte und die Zeitungen in kurzer Zeit alle vergriffen waren. Mehrmals steigerte der Verlag die Auflage auf zunächst drei Millionen, dann auf fünf und schließlich auf sieben Millionen Exemplare. Die 3 Euro Heftpreis in Frankreich (4 Euro in Deutschland) dürften in der Summe entscheidend sein für das Fortbestehen. „Charlie Hebdo braucht Ihre Unterstützung zum Überleben“, heißt es unter dem Spendenaufruf, den die Redaktion auf ihrer Homepage geschaltet hat. „Presse und Pluralismus“ steht über der Maske für die Banküberweisung. Der Kauf des Heftes soll also mehr sein als symbolische Solidaritätsbekundung mit den Opfern.

Dem Massenansturm auf die historische Charlie-Ausgabe No. 1178 kam die gesteigerte Auflage auch im Ausland kaum hinterher, in Deutschland mit zunächst knapp 5000, dann weiteren rund 50.000 Exemplaren. Die Solidarität mit den Opfern ist groß und bekam mit den Millionen Demonstranten bei den Schweigemärschen eine weitere zählbare Größenordnung. Einen schlechten Beigeschmack bekommt sie indes, wenn Politiker und Interessengruppen wie hierzulande Pegida die „Je suis Charlie“-Welle für ihre PR-Kampagnen reiten. In Frankreich nutzt die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen den Schatten der Anschläge für ihre ausländerfeindlichen Parolen und forderte, die Todesstrafe wiedereinzuführen. Dabei ist die Front-National-Chefin selbst Zielscheibe der spitzen Feder der Karikaturisten und brachte es regelmäßig auf den Titel von Charlie Hebdo: als gefräßiger Fisch umringt von ertrinkenden Lampedusa-Flüchtlingen, bei einer Intimrasur oder einfach als Kothaufen. Sie hätte nie erwartet, dass ihr ausgerechnet Charlie Hebdo einen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 2017 einbringen würde, soll sie einem Vertrauten nach den Anschlägen gesagt haben.

Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ein Erdbeben. Doch damit die massenhaften Solidaritätsbekundungen nicht als bloße Freiheitsfolklore verpuffen, müssen sie in eine medienethische Diskussion über die Zukunft der Medienvielfalt münden. Das terroristische Attentat auf die Redaktion war in seiner Grausamkeit ohne Frage unvergleichlich. Doch jenseits der Tat zeigen sich die Herausforderungen und Gefahren für den Journalismus vielgestaltiger als in Form einer Kalaschnikow – in Frankreich und anderswo. Die besondere Rolle, die Satire in der französischen Medienlandschaft spielt, bestätigt das nur. Charlie Hebdo wolle sich neu erfinden, sagte der neue Chefredakteur Laurent Sourisseau, der unter dem Kürzel Riss seit Jahren für die Redaktion zeichnet und bei dem Anschlag selbst verletzt wurde. „Wir müssen die Prüfung in etwas Kreatives umwandeln, das liegt auf der Hand“, sagte Sourisseau in einem Interview mit Le Monde. Welche Auflage die nächste Ausgabe haben wird, ist noch so unklar wie ihr Veröffentlichungsdatum. In der Redaktion dürfte allen klar sein, dass die Zahl der Leser rasch wieder schrumpfen wird, wenn die Erinnerung an die Anschläge verblasst, teilte die Nachrichtenagentur AFP mit. Tatsächlich scheint die Solidaritätswelle schon jetzt allmählich ins Tagesgeschäft auszurollen. Bunte Selfies ersetzen langsam wieder die unzähligen schwarzen „Je suis Charlie“-Slogans in der Liste der Facebook-Profilbilder. Sie waren in den Tagen nach dem Anschlag der Minimalpreis für die Medienvielfalt, doch die sollte uns mehr wert sein.

 

Quellen

Baisnée, Olivier & Ludivine Balland (2011) France: Much ado about (almost) nothing? In: Fengler, Susanne et al. (Hrsg.): Maping Media Accountability – in Europe and Beyond. Köln: Harlem Verlag, S. 63–76.

Bertrand, Claude-Jean (2000) Media Ethics and Accountability Systems. New Brunswick u.a., Transaction Publisher.

Bourgeois, Isabelle & Alfred Grosser (2000) Frankreich – eine komplexe Informationskultur. Der brillante Kommentar hat den Vorrang vor Fakten und Quellen. In: Gerhardt, Rudolf et al. (Hrsg.): Wer die Medien bewacht. Medienfreiheit und ihre Grenzen im internationalen Vergleich. Frankfurt: Verlag Evangelische Publizistik, S. 53–65.

Burgert, Denise (2010) Politisch-mediale Beziehungsgeflechte. Ein Vergleich politikfeldspezifischer Kommunikationskulturen in Deutschland und Frankreich. Berlin: LIT Verlag.

Neveu, Erik (2003) Beziehungen zwischen Journalismus und Politik in Frankreich. In: Kopper, Gerd et al. (Hrsg.): Kulturen des Journalismus und politische Systeme – Probleme internationaler Vergleichbarkeit des Journalismus in Europa. Dortmund: Vistas Verlag, S. 61–92.

Preisinger, Irene (2004) Das Berufsverständnis politischer Journalisten in Deutschland und Frankreich. Ein Vergleich. In: Frenkel, Cornelia et al. (Hrsg.): Deutsche und französische Medien im Wandel. Landau: Verlag Markus Knecht, S. 23–30.

Seggelke, Sabin (2007) Frankreichs Staatspräsident in der politischen Kommunikation – Öffentlichkeitsarbeit in der V. Republik. Berlin: LIT Verlag.

Trombert-Grivel, Adeline (2006): Politische Kommunikation: Verleumderisch handeln und geschickt formulieren. In: Deutsch-Französisches Institut (Hrsg.): Frankreich Jahrbuch 2006 – Politik und Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag, S. 85–98.

 

Bildquelle: Florian Plag/flickr

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