Polnische Medienreform forderte ihre Opfer

31. August 2017 • Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Mehr als 200 Journalisten haben seit 2015 den öffentlich-rechtlichen Fernsehsender TVP verlassen. Den meisten wurde gekündigt, weil sie der Regierung kritisch gegenüberstanden.  

Mit Inkrafttreten des neuen Mediengesetzes Ende 2015 haben laut polnischem Journalistenverband „Towarzystwo Dziennikarskie“ 228 Journalisten den polnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlassen. Manche gingen freiwillig, der Großteil jedoch – 136 um genau zu sein – wurde entlassen und durch regierungsnahe Journalisten ersetzt. Mit vier Journalisten wurden die Verträge aufgelöst, fünf wurden ihre Sendungen entzogen und 12 Journalisten wurden andere Stellen zugewiesen. Die restlichen 71 reichten ihre Kündigung selbst ein.

Eine der zahlreichen Entlassenen ist die langjährige TVP-Reporterin Ewa Wolniewicz. „Der amtierende Leiter des Senders TVP sah für eine Zusammenarbeit keine Möglichkeit mehr. Wirkliche Gründe dafür gab es keine“, sagt sie. Wolniewicz hatte 1993 ihre journalistische Karriere bei TVP begonnen. Zur aktuellen Situation der polnischen öffentlich-rechtlichen Medien äußert sich die Journalistin betrübt: „Ich habe über viele Jahre hinweg für sie gearbeitet, viele Dinge gelernt und viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt. Mittlerweile erkenne ich die Menschen bei TVP nicht mehr, weil die, mit denen ich kooperiert habe, nicht mehr dort arbeiten. Ich bedauere, dass sich die über Jahre entwickelten journalistischen Standards bei TVP und die wunderbaren Teams nicht halten konnten.“ Wolniewicz arbeitet nun als Chefredakteurin des Breslauer Lokalfernsehsenders Echo24.tv.

Wojciech Biedak, ehemaliger Journalist und Kommentator von Radio Merkury S.S. in Pozen, wollte im März 2016 seine Kündigung einreichen, jedoch ist man ihm um wenige Stunden zuvorgekommen, wie er sagt: „Hätte man mich nicht entlassen, hätte ich selbst gekündigt, aus Protest gegen die Politisierung des Rundfunks. Ich nahm in Kauf arbeitslos zu sein, auch auf längere Sicht.“

Nach 38 Jahren bei öffentlich-rechtlichen Medien ist er nicht mehr bereit, dort zu arbeiten. Seiner Meinung nach gibt es seit anderthalb Jahren keine öffentlich-rechtlichen Medien mehr. Aus ihnen seien vielmehr staatliche und parteieigene Medien geworden, die Propagandazielen der regierenden Partei untergeordnet seien.

Auch die Journalistin Dorota Ceran nimmt finanzielle Einschränkungen in Kauf. Sie verdient mit ihrer Arbeit für das Online-Portal Koduj24.pl weniger als zuvor bei TVP. „Für kein Geld der Welt könnte man meine Unterwürfigkeit kaufen“, sagt sie. 26 Jahre war sie als Redakteurin beim TVP-Regionalsender in Lodz angestellt und schrieb nebenher immer wieder für die Gazeta Wyborcza.  „Im Juni 2016 rief mich der Direktor des Regionalsenders zu sich und sagte mir, dass die Beiträge, die ich für die Gazeta Wyborcza schreibe, Verbotenes enthalten und er mir nicht erlaubt, als Journalistin des TVP dafür zu schreiben“, sagt sie. „Weil ich mir meine Äußerungsfreiheit nicht nehmen lassen wollte, die ich als grundlegenden Wert der journalistischen Tätigkeit ansehe, hat man meinen Vertrag nicht verlängert.“

Zur aktuellen Situation der polnischen Medien äußert sich Dorota Ceran verärgert. „Die öffentlichen Medien wurden schlichtweg eingenommen.  Ich glaube, sie sind in einer schlechteren Verfassung als zu Zeiten des Kommunismus. Noch offener als damals bricht man Menschen das Rückgrat, noch dreister wird auf Sendung gelogen. Ich fühle mich, als würde ein ungebetener Gast in mein wunderschönes Zuhause eindringen, und seine dreckigen Schuhe an meinen schönen Teppichen abwischen. Horror.“

Die Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen zeigt, dass es Polen innerhalb von wenigen Jahren gelang, von Platz 58 im Jahr 2006 auf den 22. Platz im Jahr 2013 aufzusteigen. Doch viel schneller noch stürzte das Land wieder ab. Aktuell liegt Polen auf Platz 54 der Rangliste.

Die Meinungen zu den zahlreichen Entlassungen gehen weit auseinander. Es gibt auch Stimmen, die von berechtigten Entlassungen aus unpolitischen Gründen sprechen. Journalisten seien beispielsweise betrunken zur Arbeit erschienen. Generell ist die polnische Gesellschaft mittlerweile ziemlich gespalten. „Die aktuelle Situation der polnischen Medien ist fatal für das Land und die Gesellschaft, da die Qualität öffentlich-rechtlicher Medien eine entscheidende Rolle bei der politischen und kulturellen Bildung spielt“, so der ehemalige Radiojournalist Biedak.

Wie sich die Journalisten ideale Medien vorstellen, stimmt nicht mit der aktuellen Situation überein.  Wenn es nach Ewa Wolniewicz geht, sollten sie „komplett unpolitisch, zuverlässig, professionell und objektiv“ sein.

„Öffentlich-rechtliche Medien sollten objektiv sein“, sagt auch Dorota Ceran,  „das heißt aber nicht, dass der Journalist selbst objektiv sein sollte. Er hat ein Recht auf seine Ansichten.“ Bei einem öffentlich-rechtlichen Sender wie TVP müsse sich Platz für beide Seiten finden. „Kurz gesagt, es sollte Platz für jemanden wie Lis geben und für jemanden wie Pospieszalski. Damit der Zuschauer sich selbst ein Bild machen und für sich selbst entscheiden kann.“ Früher sei das im öffentlich-rechtlichen Rundfunk so gewesen, sagt Ceran.

Während Jan Pospieszalski noch für TVP arbeitet, dort die Sendung „Warto Rozmawiać“ moderiert und zudem seit 2016 auch für den öffentlich-rechtlichen Radiosender „Radio Jedynka“ tätig ist, wurde die Sendung von Tomasz Lis abgesetzt. Lis hatte seit 1990 für TVP gearbeitet, 2008 war seine Sendung „Tomasz Lis na żywo“ an den Start gegangen. 2016 wurde sie abgesetzt – auch Lis war mit seiner direkten und regierungskritischen Art angeeckt.

Seine letzte Sendung beendete er mit den Worten: „Was ist nur los mit Polen? Furchtbar schnell gewöhnt man sich an alles, was gut und schön ist, und es schien, als hätten wir für immer Freiheit und Demokratie. Aber es zeigte sich, dass nichts für immer ist. Die nächsten Jahre werden für viele bestimmt nicht leicht werden. Es werden Zweifel aufkommen, Resignation aber auch, und das ist die beste Nachricht, das Schicksal Polens wird nicht von einem Politiker oder einer Partei abhängen und wir werden so viel Freiheit haben, wie wir uns erkämpfen. Es werden die Werte gewinnen, für die sich die Mehrheit aussprechen wird. Alles liegt in unserer Hand, in unseren Köpfen und in unseren Herzen. Polen wird wieder demokratisch und tolerant sein und lächeln. Deshalb, Kopf hoch, alles wird gut, bis bald!“

Bildquelle: pixabay.com

 

Dieser Beitrag ist Teil unseres deutsch-polnischen Themenspezials, das von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftssstiftung (DPWS) gefördert wird. Er ist im Rahmen eines Workshops mit deutschen und polnischen Studierenden an der Universität Wroclaw unter Leitung von Tina Bettels-Schwabbauer (Erich-Brost-Institut, TU Dortmund) und Michał Kuś (Universität Wroclaw) entstanden. 

 

Bislang im deutsch-polnischen Themenspezial auf der deutschen Seite erschienen:

Im Fokus: deutsche und polnische Medien

Polnische Medien im Wandel

Der Einfluss der polnischen Regierung auf die Medien

Starke Kritik an Polens Medienreformen

Kampf gegen deutsche Dominanz

Polnische Medien und Flüchtlinge: viele Fake News

Politikthemen waren tabu – Medien im Kommunismus 

Katholische Medien in Polen – nah am Staat?

 

Hier geht es zum deutsch-polnischen Themenspezial auf der polnischen EJO-Seite:

http://pl.ejo-online.eu/tag/niemcy-polska-temat-specjalny

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