Zu heikel, zu heiß

2. März 2015 • Internationales, Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Missstände zu enthüllen ist eine zentrale Aufgabe des Journalismus. Nur haben US-Journalisten immer häufiger Angst vor investigativen Recherchen. Hoffnung geben indes der Oscar für “Citizenfour” und ein Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Das Pew Research Center, ein Meinungsforschungsinstitut in Washington, befragte 671 Investigativ-Journalisten und erfuhr, dass zwei von drei sich von der amerikanischen Regierung überwacht fühlen. Aber jeder zweite findet auch, dass die Medienhäuser wenig unternehmen, um sie besser abzusichern. Diese Entwicklung färbt sich bereits auf die Arbeitsweisen ab. Jeder dritte kommunizierte vorsichtiger mit Kollegen, jeder zweite ging mit heiklen Dokumenten zurückhaltender und vorsichtiger um als früher. Das kann man auch positiv sehen. Nicht hingegen diese Befunde: 13 Prozent verzichten aus Furcht vor Folgen offenbar auf bestimmte Quellen. Fünf Prozent ließen von bereits begonnenen, heiklen Geschichten ab und fragten sich, ob investigatives Arbeiten nicht zu heiß für sie sei.

Die Studie beschreibt eine beunruhigende Entwicklung in den USA. In deutschen Medienhäusern sind Übergriffe wie die des amerikanischen Geheimdienstes NSA noch nicht bekannt. Die Lage in den USA ist aber oft Vorbote für Entwicklungen in Medien und im Journalismus hierzulande.

Es gibt auch zwei Ermutigungen: Die Oscar-Prämierung von Laura Poitras Dokumentarfilm „Citizenfour“ über Edward Snowden und damit die Anerkennung für die journalistische Leistung, Bedrohungen unseres Privatlebens und der Demokratie abwehren zu helfen. Zudem das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das Schweizer Fernsehjournalisten Recht gab, die sich gegen das Verbot des versteckten Filmens wehrten. Die Richter schützen ein wichtiges Instrument, stellen aber keinen Freibrief aus: Wer Film- oder Tonbandaufnahmen heimlich vornimmt, macht sich persönlich strafbar. Es sei denn, er kann als Journalist ein überragendes öffentliches Interesse und deutliche Anhaltspunkte für einen Missstand plausibel machen, für den Belege anders nicht zu beschaffen sind.

Medienhäuser müssen ihre Redaktionen bei Investigationen schützen und stützen und den ethischen Kompass an der Sachlage ausrichten. Vor diesem Hintergrund sind auch #szleaks – die heimlichen Aufnahmen zur Käuflichkeit in der Süddeutschen Zeitung – und #tazgate – die ausgespähten Computer in der taz-Redaktion – zu bewerten.

Eine leicht modifizierte Version des Beitrags erschien im Tagesspiegel am 1. März 2015.

Literatur:

Pew Research Center (2015) Investigative Journalists and Digital Security. Perceptions of Vulnerability and Changes in Behavior.

Bildquelle: André Hofmeister/flickr.com

 

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