Wie Journalisten Zensoren hinters Licht führen

25. November 2014 • Pressefreiheit • von

Alle Diktaturen und autoritären Regime zensieren Medien in irgendeiner Form. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Freie Presse untersucht für gewöhnlich die Handlung von Regierungsmitarbeitern, schafft der Opposition ein Forum und veröffentlicht Ideen, die denen der offiziellen Ideologie entgegenstehen. Dennoch gelingt es Journalisten selbst unter schwierigsten Bedingungen, Zensoren hinters Licht zu führen.

Unterschiedliche Grade an Autoritarismus führen zu unterschiedlichen Graden der Zensur. Vom totalitären Nordkorea, wo der gesamte Journalismus staatlich kontrolliert ist, bis hin zu halb-funktionellen Demokratien wie der Türkei, in der eine unabhängige Presse zwar existiert, Journalisten jedoch häufig schikaniert oder verhaftet werden, sollten sie die Regierung kritisieren.

In einem Forschungsaufsatz für das Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford (Evading the Censors: Critical Journalism in Authoritarian States) habe ich die Arbeitsweise von Journalisten in einer von Zensur geprägten Umgebung untersucht. Dabei habe ich in vier Ländern mit Journalisten und anderen Personen gesprochen, die mit Medien zu tun haben: Singapur, Malaysia, Russland und Venezuela.

Diese Länder wurden ausgewählt, da sie alle offiziell Demokratien sind, es aber dennoch Restriktionen gibt. Alle vier Länder haben gewählte Regierungen, die von großen Teilen der Bevölkerung Zuspruch erhalten. Alle vier garantieren ihren Bürgern in ihren jeweiligen Verfassungen Rede- und Pressefreiheit, aber kein einziges von ihnen hat wirklich freie Medien. Malaysia, Singapur, Russland und Venezuela üben sowohl offizielle als auch inoffizielle Zensur aus. Alle vier werden in Verzeichnissen zur Medienfreiheit niedrig eingestuft, die durch Nicht-Regierungs-Organisationen wie beispielsweise Reporter ohne Grenzen und Freedom House veröffentlicht werden.

Die Zensur-Bedingungen unterscheiden sich zwar in den vier Ländern – und Journalisten nutzen unterschiedliche Methoden, um sie zu umgehen – jedoch gibt es auch gemeinsame Merkmale der Zensur-Umgehung in diesen Ländern. Ich habe die folgenden sechs Methoden identifiziert, die Journalisten einsetzen, um Zensur zu umgehen:

1. Sensiblen Inhalt verbergen

Journalisten können sensiblen Inhalt verbergen, indem sie ihn derart präsentieren, dass die wahre Bedeutung vor dem Zensor verschleiert wird. Dies kann entweder dadurch geschehen, dass bestimmte Formulierungen verwendet werden, oder dass der Inhalt erst ans Ende eines langen Artikels gestellt wird. Diese Methode wird in Malaysia und Singapur angewandt. Obwohl sie in der Sowjetunion von Journalisten perfektioniert wurde, findet sie heute in Russland kaum Anwendung.

2. Auf Pressekonferenzen kritische Fragen stellen

Für Journalisten bieten Pressekonferenzen eine Möglichkeit, Informationen oder Kritik publik zu machen, indem Funktionären kritische Fragen gestellt werden. Wenn die Konferenz live übertragen wird, kann die Zielgruppe die Fragen hören. Ist sie nicht live, besteht immerhin die Möglichkeit, dass andere Journalisten die Fragen aufgreifen und die betreffende Angelegenheit in Blogs oder Sozialen Medien weiter diskutieren, in denen Zensur unter Umständen weniger streng Anwendung findet.

3. Sensibles Material in politikfernen Medien publizieren

Medien, die nicht grundsätzlich politische Themen abdecken, kommen manchmal mit kritischen politischen Beiträgen davon. Einzelne meiner Interviewpartner nannten Wirtschaftsmedien in Malaysia und Lifestyle-Medien in Russland als beispielhafte Kanäle, die gelegentlich mit Kritik davon kommen.

4. Medien aus dem Ausland betreiben

Diese Methode wird wahrscheinlich eher gegen totalitäre Länder angewandt. In den von mir untersuchten Ländern fand ich als Beispiel nur venezolanische Journalisten, die aus dem Ausland arbeiten und online veröffentlichen.

5. Inhalt über Kanäle verbreiten, die mit niedriger Wahrscheinlichkeit von Zensur betroffen sind

Unter Umständen kann eine durch einen Redakteur abgelehnte Story an ein Medium gesandt werden, das mit geringerer Wahrscheinlichkeit zensiert wird oder bereitwilliger ein Risiko eingeht. Für diese Praxis existieren Beispiele aus Russland. Laut eines Informanten aus Venezuela reicht seine Zeitung manchmal Geschichten bei anderen Medien ein, um dann daraufhin eben diese Medien zu zitieren.

6. Online Medien

Das Internet hat sowohl Journalisten als auch der breiten Öffentlichkeit neue Möglichkeiten für Veröffentlichungen geschaffen. In Malaysia und Singapur haben Online-Journalisten größeren Spielraum als ihre Kollegen in traditionellen Medien. In Venezuela verlassen sich Menschen für Informationen, die sie über traditionelle Medien nicht erreichen, auf Soziale Medien. Journalisten nutzen manchmal Soziale Medien, um Nachrichten oder Kommentare zu veröffentlichen, die ihre Herausgeber nicht zulassen.

Diese Aufzählung ist nicht erschöpfend. Staatliche Zensur unterscheidet sich von Land zu Land, weshalb Journalisten ihre Methoden auf ihre jeweilige Arbeitswelt hin maßschneidern müssen.

Die beschränkten Kanäle für kritischen Journalismus in den von mir untersuchten Ländern dienen nicht als Ersatz für volle Medienfreiheit. Freimütigere Medien haben in der Regel eine geringere Reichweite als die restlichen Medien, weshalb ihr Einfluss begrenzt ist. Überdies besteht die Gefahr, dass – sollten sie ein zu großes Publikum erreichen – die Regierung beunruhigt wird und hart gegen sie vorgeht. Dennoch bietet allein die Tatsache, dass sie existieren und kritischen Journalismus für diejenigen betreiben, die danach suchen, eine Grundlage für eine facettenreiche politische Diskussion, die die Regierung häufig zu vermeiden versucht.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, finden Journalisten Möglichkeiten, sensibles Material zu veröffentlichen, und zeigen Kreativität und Einfallsreichtum darin, wie sie Informationen zugänglich machen.

 

Übersetzung: Kathrin Gatzen

Bildquelle: inmediahk/flickr.com

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  • Skandinavier

    Die Zeitung heißt Verdens Gang (‘Verlauf der Welt’), nicht Verdenk Gang.

  • Mariella Bastian

    Vielen Dank für den Hinweis!

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