Zur Theorie des Skandals

20. August 2013 • Qualität & Ethik • von

Heute geht es um Wissenschaft. Wir beschäftigen uns mit der Theorie des Skandals. Der Skandal, wie er entsteht und vergeht, ist ein Thema in Politologie und Publizistik. Ein Skandal spielt sich in  vier Phasen ab: Es gibt zuerst eine Latenzphase, dann zweitens eine Initialzündung, es folgen drittens die Kampagne und viertens der Showdown.

Das schönste aktuelle Beispiel für die Systematik des Skandals ist der Fall Bruno Frick. Ende Juni wurde der ehemalige CVP-Ständerat in den Verwaltungsrat der Finanzmarktaufsicht (Finma) der Schweiz gewählt.

Erstens die Latenzphase: Nach der Wahl des Wirtschaftsanwalts Frick reagierten vor allem linke Journalisten kritisch. „Was versteht er eigentlich von Banken?”, lästerte der Blick. Der Tages-Anzeiger sammelte gezielt negative Stimmen seiner politischen Gegner in der SP und kommentierte: „Frick hat ein Problem mit seinem Ruf.” Solch kleine Ferkeleien genügten allerdings nicht, die Latenzphase zu durchbrechen. Die Sache kam nicht in Schwung.

Zweitens die Initialzündung: Vier Tage später hatte die Schweiz am Sonntag ihren Scoop: „Strafanzeige gegen Bruno Frick”, titelte das Blatt. Es ging um einen alten Streit von 1999 zwischen dem  Hauptaktionär einer Firma und deren Verwaltungsrat Frick. Der Fall war verjährt. Die Staatsanwaltschaft Schwyz fand es darum nicht einmal nötig, Frick über die 2011 eingereichte Anzeige zu informieren. Dennoch konnte nun die Skandalisierung beginnen. Noch am Sonntag stürzten sich alle Online-Medien-Sites, alle Lokal- und SRF-Radios und die Tagesschau auf die Story. Am nächsten Tag schaffte es Frick in den rund 36 Tageszeitungen der Schweiz rund 36-mal auf die Titelseite. Damit war der Rudeljournalismus lanciert.

Drittens die Kampagne: Ziel einer Kampagne ist es, aus einem harmlosen Einzelfall ein abgründiges System zu machen. Die Journalisten mussten Frick nun mit allerlei Verdächtigungen zum Serienverbrecher hochschreiben. Das taten sie auch. Der Tages-Anzeiger versuchte ihm einen „Betrugsskandal” anzuhängen, weil ein Anwaltskollege von Frick bei einer dubiosen Firma Dokumente geprüft habe. Der Bund insinuierte, dass eine frühere Firma Fricks mit einem windigen Hedge-Fund auf den Cayman-Inseln zu tun habe.

Die Sonntagszeitung streute das Gerücht, wonach Frick „erst auf Druck” in den Finma-Verwaltungsrat gewählt worden sei. „10 vor 10″ mutmaßte, Frick habe von der Anzeige gegen ihn gewusst. Der Blick verdächtigte ihn, mit einem Russen namens Andrey Bykow unsaubere Geschäfte gemacht zu haben. Alles war auf gutem Weg. Die Journalisten waren mit Verve daran, aus dem Anwalt Frick das Verbrechersyndikat Frick zu machen.

Viertens der Showdown: Nun kommt es in der Skandalmechanik zum Klimax. Der Hinrichtungsjournalismus führt nun meist zum schnellen Rücktritt oder Rausschmiss der Zielperson, egal, ob schuldig oder nicht. Guttenberg, Hildebrand, Schavan, Nef, Béglé, Strauss-Kahn sind Beispiele auf dieser Abschussliste. Nach dem Rücktritt oder Rausschmiss ist das Thema für die Medien erledigt. Ihr Interesse bricht nun schnell zusammen.

Bei Bruno Frick hingegen geschah das Unerwartete. Der Schwyzer Staatsanwalt eröffnete kein Verfahren, aus materiellen Gründen. Frick wurde ohne Wenn und Aber entlastet. Ein Rekurs ist darum chancenlos. Der Skandal war nun innert Sekunden vorbei. Es war eine der größten Pleiten in der Geschichte des Schweizer Skandaljournalismus.

Ein Trost bleibt der Journaille in ihrer Niederlage. Ihr Rufmord an Frick ist zwar gescheitert. Aber eine Rufschädigung bleibt dennoch hängen. Besser als nichts.

Erstveröffentlichung: Weltwoche Nr. 30 / 2013

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