Lettische Medien 2012: Ein Jahr voller Höhen und Tiefen

30. Januar 2013 • Qualität & Ethik • von

Lettische Medienunternehmen haben ein turbulentes Jahr 2012 hinter sich, geprägt von finanzieller Instabilität, Eigentümerwechseln und Konzentrationstrends. Aber es wurden auch Erfolge im Journalismus erzielt und ehrgeizige Medienprojekte verwirklicht.

Der Erfolg des Jahres – öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

Der nationale Rat für elektronische Medien (NEPLP) hat der  Weiterentwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Lettland zugestimmt. Das Lettische Radio (Latvijas Radio) und das Lettische Fernsehen (Latvijas Televīzija) sollen zusammengeführt werden, wobei die redaktionelle Unabhängigkeit bestehen bleiben, aber die Verwaltung, die technischen Funktionen und das Management vereint werden sollen. So sollen Finanzen ressourcenbewusster verwendet und effizienter gearbeitet werden. Auslöser für die Entwicklung des neuen Konzepts war die schwache Stellung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Lettland.

Die Übernahme des Jahres – Aufkauf von LNT:

Im Juni 2012 hat der schwedische Fernsehkonzern Modern Times Group (MTG), der in Lettland durch TV3 Latvia vertreten ist, den lettischen Fernsehsender  Latvijas Neatkarīgā Televīzija (LNT) vollständig übernommen. Laut des lettischen Marktforschungsunternehmens TNS haben die Fernsehsender von MTG (TV3, LNT, TV3+, TV6, Channel2) im Dezember 2012 einen Marktanteil von 37 Prozent erreicht und damit Sorge über Konzentration auf dem lettischen Fernsehmarkt ausgelöst.

Der Verlust des Jahres – russischsprachige Zeitungen:

Ständige Eigentümerwechsel, räumliche Zusammenlegung und schließlich Ende 2012 die redaktionelle Zusammenlegung und damit das Aus für zwei der drei größten russischsprachigen Zeitungen: Cas und Telegraf  wurden eingestellt, der Titel Vesti Sevodnja blieb bestehen. Laut Informationen aus der lettischen Datenbank Lursoft ist eine Briefkastenfirma namens Lanchrome Limited, die auf Zypern gemeldet ist, der neue Eigentümer. Sie wird vom russischen Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Zeitung, Andrejs  Caregorodcevs, und zwei weiteren Mitgliedern, Sergejs Baranovskis und Tatjana Belousenko, betrieben.

Die Gewinner des Jahres – neue Medienunternehmen:

Der Ende 2011 gegründete regionale Fernsehsender Re:TV hat sich im Lauf des Jahres 2012 gut entwickelt und sich mit 15 weiteren regionalen TV-Sendern in einem Verbund zusammengeschlossen – auch wenn das digitale Fernsehen eine große Konkurrenz darstellt. Ende 2012 wurde zudem die neue Radiostation Riga Radio gestartet.

Der Wettstreit des Jahres – Draugiem.lv gegen Facebook:

Das lettische soziale Netzwerk Draugiem.lv hat Facebook in Lettland enorme Konkurrenz gemacht. Ende vergangenen Jahres hatte Draugiem.lv laut der Latvian Internet Association 1,2 Millionen Nutzer; das sind 58,4 Prozent der gesamten lettischen Bevölkerung und 83,5 Prozent der lettischen Internetnutzer. Facebook dagegen hatte nur 400.000 lettische Nutzer; das sind 19,3 Prozent der Bevölkerung und 27,6 Prozent der lettischen Internetnutzer.

Die Leidenschaft des Jahres – Smart Phone Apps:

Mit der weltweit steigenden Popularität von Smart Phones und Tablet PCs hat auch in Lettland die Entwicklung von Apps einen positiven Verlauf genommen. So hat z.B. die überregionale Tageszeitung Diena (der Tag) ein Magazin für iPad-Nutzer mit dem Titel 5Diena (der Freitag) und die App Kino Diena, die einen Überblick über das Kinoprogramm gibt, entwickelt. Andere interessante lettische App-Projekte sind Vardenite, eine App, die den lettischen Sprachwortschatz erweitert, und Sēnes, eine App für Pilzesammler.

Das Mysterium des Jahres – Angriff auf den Journalisten Leonids Jakobsons:

Im März 2012 wurde der Besitzer des unabhängigen Nachrichtenportals Kompromat.lv,  Leonids Jakobsons, von zwei Unbekannten mit einem Messer attackiert.
Der Journalist nahm an, dass der Angriff ein Racheakt für seine journalistischen Aktivitäten war – auf Kompromat.lv werden investigative Artikel veröffentlicht, die einflussreichen Personen des öffentlichen Lebens schaden könnten. Allerdings hat die Glaubwürdigkeit des Nachrichtenportals im Lauf des letzten Jahres stark abgenommen, da Jakobsons sich weigert, seine Einnahmequelle zu nennen.

Der Schock des Jahres – der Einfluss des sozialen Netzwerks Ask.fm:

Ask.fm ist stark in die Kritik geraten, nachdem zwei irische jugendliche Nutzer des lettischen sozialen Netzwerks Selbstmord begangen haben, da sie von anderen Nutzern auf Ask.fm gemobbt wurden. Frances Fitzgerald, irische Ministerin für Kinder- und Jugendangelegenheiten, forderte daraufhin die lettische Regierung auf, die Sicherheitsstandards auf der  Website zu untersuchen. Das 2010 in Lettland gegründete soziale Netzwerk hat weltweit etwa 21 Millionen – meist jugendliche – Nutzer.

Originalbeitrag auf Lettisch: 2012 – ieilgušas mediju nestabilitātes gads

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels

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