Die vier Schimpfwörter der Medienkritik

13. Juli 2015 • Qualität & Ethik • von

Medienkritik war noch nie so populär und so aggressiv wie heute. Doch die alten Medienhäuser unterschätzen die gewaltige Vertrauenskrise, die sich in der digitalen Welt manifestiert.

Schimpfwörter gegen die Medien im Netz sind mehr als ein Spiel

Im Netzt kursieren Schimpfwörter wie “Lügenpresse” oder “Systemmedien”. Das ist mehr als nur ein Spiel.

In den offiziellen News war Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras der verfemte Bösewicht. Der Bösewicht war eine “Zumutung” (Frankfurter Allgemeine). Der Bösewicht war ein “Hasardeur” (Aargauer Zeitung). Der Bösewicht war ein “Amateur” (Stern).

Die offiziellen News stammen aus den alten Medien, den Zeitungsverlagen.

In den weniger offiziellen News war Alexis Tsipras der bewunderte Opferheld. Er war ein Opfer davon, dass “die Systemmedien ausflippen”. Er war ein Opfer der “Hasswelle der Mainstreammedien”. Er war ein Opfer der “gleichgeschalteten Lizenzmedien”.

Die nicht offiziellen News stammen aus den neuen Medien, aus Twitter, Facebook, Blogs und Online-Foren.

In den nicht offiziellen News gibt es vier Schimpfwörter, mit denen die offiziellen Medien pauschal beschrieben werden. Man nennt sie die Systemmedien (SM), die Mainstreammedien (MSM) und die Lizenzmedien (LM). Dazu kommt neuerdings wieder die gute alte Lügenpresse (LP).

Der Protest gegen SM, MSM, LM und LP ist Systemkritik. Die Medien, so der Vorwurf, vertreten heute geschlossen die ideologische Position des herrschenden Systems.

Der Protest gegen die Einheitsmeinung kocht im Netz nicht nur bei politischen Fragen wie dem kollektiven Griechenland-Bashing hoch. Auch beim Absturz der Germanwings-Maschine war die Kritik an der monokonformen Darstellung der Systemmedien vehement.

Die Disziplin der Medienkritik war noch nie so populär wie heute. Doch sie findet fast ausschließlich in den digitalen Medien statt.

Sind die Medien tatsächlich gleichgeschaltet? Richtig daran ist, dass vor allem in der gedruckten Presse die Meinungsvielfalt bei großen Themen eher reduziert ist. In den meisten Ländern gibt es nur eine oder zwei prominente Stimmen, die eine dezidierte Gegenposition zur obrigkeitlichen Meinung vertreten.

Beim großen Thema Deutschlands, EU und Euro, schwimmen beispielsweise die Bild-Zeitung und der Spiegel gegen den Strom. Beim großen Schweizer Thema, der Immigration, übernehmen seit je die Weltwoche und neuerdings der Blick die Rolle des Störenfrieds.

Ansonsten neigen die etablierten Medien zu staatsnahen Positionen. Es gibt in der Schweiz und in Deutschland keine größere Tageszeitung, die eine prinzipiell EU-kritische Haltung verfolgt. Es gibt beiderorts auch keine Tageszeitung, die beim Thema Einwanderung einen grundsätzlichen Gegenkurs zur Regierungspolitik steuern würde. In der traditionellen Presse ist der Mainstream noch nicht ausgetrocknet.

Im Internet hat sich darum eine aggressive Gegenöffentlichkeit entwickelt. Die Glaubwürdigkeit der Journalisten ist hier unter Druck wie nie zuvor. Ob Ukraine, Euro, Syrien oder Fifa – wenn es in den Zeitungen steht, ist es gelogen.

Oder wie es ein aktueller Blog sagt: “Früher: Melden es die Mainstreammedien, könnte es wahr sein. Heute: Melden es die Mainstreammedien, ist es manipuliert.”

Doch diese digitale Gegenöffentlichkeit wird von der traditionellen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Wenn ein Politiker in einer Rede die Glaubwürdigkeit der Medien anzweifelt, dann heulen alle Zeitungen auf. Wenn täglich Tausende im Netz dasselbe tun, dringt dies nicht bis in die Redaktionsräume vor.

Ich glaube, die alten Medienhäuser unterschätzen die gewaltige Vertrauenskrise, die sich in der digitalen Welt manifestiert.

Als ich mich heute Morgen bei Twitter einloggte, stand zuoberst ein Satz, der die neue Weltordnung hübsch zusammenfasst: “Im Netz steht die Wahrheit, während die Systemmedien lügen.”

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 2. Juli 2015, S. 27

 

Bildquelle: Antenne Düsseldorf/flickr.com

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  • Anja Boettcher

    Was bei Facebook & Twitter direkt=vulgär daherkommen mag, habe bereits seit über zehn Jahren Medienwissenschaftler in empirischer Detailgetreue dagnostiziert. Falls Journalisten hierzu Nachhilfe brauchen, werden ihnen wissenschaftliche Mitarbeiter der entsprechenden Institute sicher gerne Literaturverzeichnisse zukommen lassen.

    Einen guten & eventuell durchschnittliche Journalisten nicht überfordernden Einstieg mag der 180 Seiten umfassende Essay “Die Unbelangbaren” von Thomas Meyer (Suhrkamp) bieten.

    Allerdings ist dennoch die Ignoranz der massenhaften Leserkritik in den Foren der Zeitungen & die Kündigungen von Abonnements als Nachweis einer Selbstimmunisierung von Journalisten, die sich nicht scheuen, auch den eigenen wirtschaftlichen Niedergang herbeizuschreiben, wirklich bemerkenswert. Spätestens seit der unfassbaren Feindpropaganda gegen Russland im Zuge der Ukraine-Bericherstattung, die alle Alarmglocken politisch wacher Menschen schrillen ließ, ist das Vertrauen zu den Lesern derart zerstört, dass die Branche ohne eine saftige Abrechnung mit den eigenen Unzulänglichkeiten & einer spürbaren Veränderung ihrer inzwischen beschämenden Bereitschaft, bloß den jeweils durch die stärkste politische Kraft diktierten Hegemonialdiskurs in schrille Kampagnenrhetorik umzusetzen, auch nicht wieder zurückgewinnen können wird.

    Journalismus war einmal identisch mit dem kämpfenden Blick von unten. Er forderte einst die Legitimation von Herrschaftshandeln heraus. Als ideologische Unterweisungspraxis ist er kein Gut mehr, das ein Bürger erwerben möchte & dem er bereit ist, seine Freizeit zu opfern.

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