Was die Presse für die Öffentlichkeit heute noch leistet

14. Juli 2011 • Qualität & Ethik, Ressorts • von

Was die Presse heute noch leistet – das Beiwort „noch“ lädt in meinem Verständnis zur Kritik ein, lässt anklingen, früher sei alles besser gewesen, wobei man nun keinen historischen Vergleich erwarten darf.

Aber ein paar Streiflichter auf das, was Presse für die Information ihres Publikums leistet, und das dankenswerter Weise, was sie beiträgt zur öffentlichen Meinungsbildung in der Demokratie, und auf das, was sie besser machen und zusätzlich leisten könnte.
Das wären dann die normativen Erwartungen. Klargestellt sei: Mein Thema ist die Presse, d.h. ich gehe nur auf die guten alten Holzmedien ein und auf Online-Journalismus oder Blogs nur am Rande. Die elektronischen Medien sind nicht mein Thema. Ich setze vier Schwerpunkte:

  • Leistungsbilanz der Pressevielfalt
  • Zustand des Politischen Journalismus
  • Zustand des Lokaljournalismus, den ich im Übrigen in großen Teilen dem Politischen Journalismus hinzuzähle.
  • Schließlich komme ich zu zwei normativen Setzungen. Die Stichwörter dafür lauten: Integration und Interpretation.

Was ich auch liefere, sind einige „Brühwürfel des Denkens“, wie Thomas Steinfeld, der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ die Präsentationsunkultur von Powerpoint genannt hat. Manchmal werden im Folgenden Denkbilder aufscheinen, die ich nicht immer erläutere, sondern die einen Hintergrund abgeben sollen, der – so glaube ich – selbsterklärend ist.

Trotz des jahrelangen Geredes über die Pressekrise, trotz der momentanen Streiks in der Zeitungsbranche mit der Folge von Notausgaben oder Nichterscheinen sind unsere Zeitungen (und Zeitschriften) noch immer tagtäglich verfügbar. Sie erscheinen mit großer Verlässlichkeit und bieten ihren Lesern im Großen und Ganzen alltäglich zusammenfassende Informationen über das aktuelle Geschehen in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Sie bringen Themen und auch Konflikte zur Sprache, sie tragen mit Kommentierungen bei zur Meinungsbildung ihrer Leser, und manche von ihnen machen sich auch die Mühe, durch investigative Recherche bislang unentdeckte Skandale auszugraben und damit das Zeitgespräch der Gesellschaft zu bereichern mit wirklich Neuem.

Kein Grund zur pauschalen Kritik

Wer wie ich der Jury eines Journalistenpreises angehört (Otto Brenner Preis; Anm. der Red.) und also Jahr für Jahr Hunderte Beiträge im Vergleich liest, weiß nur zu gut, viel Gutes deutsche Journalisten hervorbringen, wie stark Kompetenz und Engagement oft sind. Wo Redaktionen ihre Kräfte bündeln und ihr Recht zum öffentlichen Wächteramt ernstnehmen, kommt manchmal sogar Erstaunliches zustande. Ich möchte beispielhaft die umfangreiche Recherche des „General-Anzeigers“ über die Machenschaften rund um das World Conference Center Bonn erwähnen, eine Enthüllungsserie, die es auf inzwischen 63 Folgen gebracht hat, gesammelt erschienen unter dem Titel „Die Millionenfalle“.[1]

Das alles gibt es, und es gibt also keinen Grund zu der pauschalen Kritik, die deutsche Presse sei leistungsschwach. Aber die Frage ist vielleicht erlaubt, ob die kritischen Interventionen der Presse in Fehlentwicklungen und Erstarrungen unseres gesellschaftlichen Systems hinreichend kontinuierlich sind, damit sich der Journalismus als Movens in die Demokratie und fortlaufende Modernisierung unserer Lebensverhältnisse einbringen kann.

Doch bleiben wir fürs erste bei der positiven Bestandsaufnahme. An die Pressevielfalt darf man noch mal erinnern, die ja nicht nur eine Vielzahl von „Kopfblättern“, sondern eine infrastrukturelle Voraussetzung von demokratischer Vielstimmigkeit darstellt.

351 Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von fast 20 Millionen Exemplaren – das ist die Leistungsbilanz, die der BDZV gern vorzeigt. Aber, wir wissen: Es gibt auch Verluste, es gibt Pressekonzentration, Schließung von Lokalredaktionen, z.B. im Riesenreich der WAZ, es gibt in ihrer Existenz bedrohte Traditionsblätter wie die „Frankfurter Rundschau“.

Diese Krisensymptome haben mit vielem zu tun; ich werde nicht auf alle Gründe eingehen. Unbestreitbar ist, dass die Deutschen seit vielen Jahren immer weniger Zeitungen abonnieren oder sonst kaufen.

Rund sieben Millionen Exemplare weniger in zehn Jahren – das hat wie gesagt viele Ursachen, die Konkurrenz des Internets ist nur eine davon. Eine weitere könnte auch in Leistungsschwächen zu suchen sein, die Leser möglicherweise bemerkt haben, weswegen sie sich als Abonnenten abwendeten. Das ist eine Vermutung, empirisch nicht abgesichert. Aber verschiedene Umfragen, die einen Ansehensverlust von Journalisten in der Bevölkerung dokumentieren, sind doch ein Indiz. Zusammengefasst kann man sagen: Den Journalisten wird nicht zugetraut, dass sie einlösen, was ihr Beruf doch verspricht: neutral zu informieren, intensiv zu recherchieren, kritisch zu kommentieren ohne Rücksicht auf Freunde und Verwandte.

Bissige Schoßhunde

Das Misstrauen bezieht sich z.B. auf den Politischen Journalismus. Der kränkelt schon seit einigen Jahren. Es scheint, als teile er das Schicksal der politischen Klasse, über die er berichtet. Sein Publikum misstraut ihm oder hat sich schon abgewendet. Auf Politikverdrossenheit folgte Journalistenverdrossenheit. Diese Leidensgenossenschaft von Politikern und ihren (kritischen?) Beobachtern lässt vermuten, der politische Journalismus sei längst Teil der politischen Klasse geworden und habe somit seinen notwendig unabhängigen Beobachterstandpunkt verloren. Eine mögliche Erklärung, aber bestimmt nicht das ganze Bild.

Doch es stimmt schon: Politische Journalisten suchen und brauchen die Nähe zur Macht, sonst könnten sie nicht intim und distanziert zugleich – ein Paradoxon! – über Politik berichten. Der Berliner Büroleiter und stellvertretende Chefredakteur des „stern“, Hans-Ulrich Jörges, hat sehr anschaulich beschrieben, wie das ist: „embedded“ zu sein in den Berliner Politikbetrieb (www.bpb.de/files/H4EPZS.pdf). Der Schweizer Journalist und Emeritus der Journalistik, Roger Blum, drückt es so aus: „Politische Journalisten müssen die paradoxe Kunst beherrschen, bissige Schoßhunde zu sein, nämlich die politische Macht gleichzeitig zu kritisieren und zu hofieren. Die Frage ist, auf welche Seite das Pendel ausschlägt.“

Zu den Befunden der Krise gehört die Tatsache, dass seit Mitte der 2000er Jahre immer wieder Kritik am Politischen Journalismus laut geworden ist. Die  Kritiker kommen aus der Medienkritik und der Kommunikationswissenschaft, sie kommen auch aus der Politik, wie man am beredten Beispiel von Bundestagspräsident Norbert Lammert sieht, und sie kommen, schlimmer noch, aus den eigenen Reihen.

Tom Schimmeck, auch er ein politischer Journalist, Mitbegründer der „taz“, beschreibt in seinem Buch „Am besten nichts Neues“ (2010) die Medien als erodierende Kontrollinstanz, die im Zeichen des Neoliberalismus längst zu Handlangern derer geworden sei, die sie eigentlich kontrollieren sollte. Der „Spiegel“, das einst so selbstbewusste „Sturmgeschütz der Demokratie“ von Rudolf Augstein, sei zur „Spritzpistole Angela Merkels“ umgerüstet worden.

Wenn Schimmeck weniger personalisiert, wird seine Kritik treffend: „Die Entpolitisierung der Betrachtung entwertet den politischen Journalismus. Es fehlt eine Sprache, die zu mehr taugt als zur mittelprächtigen Theaterkritik. Eine Sprache, die einen größeren Kontext herzustellen vermag, die eingebettet ist in eine Vorstellung einer anzustrebenden Gesellschaft.“

„Mittelprächtige Theaterkritik“ – damit könnte ein „ZEIT“-Leitartikel wie dieser gemeint sein: „Die CDU weiß nicht mehr recht, wofür sie Politik betreibt, und die Kanzlerin ist ihr dabei keine Hilfe. Im Gegenteil. (…) Sie verwirrt, statt Orientierung zu geben. Und sie nährt den Verdacht, im Bedarfsfall opportunistisch zu entscheiden. Das immunisiert die Öffentlichkeit inzwischen sogar gegen echte Erfolgsmeldungen.“

Oder ein „Spiegel“-Essay von Dirk Kurbjuweit, „Ackermanns Herrschaft“, in dem das verlorene Primat des Politischen beklagt wird: „Die Regierenden sind nun die Regierten der Banken.“ Bei der Ursachenforschung werden in hohem moralischen Ton „Gier und Lotterleben“ ausgemacht, und am Ende appelliert der Leiter des Hauptstadtbüros des „Spiegels“ gar an christliche Tugenden: „Wenn jetzt ein Kapitalschnitt notwendig ist, verlangt es der Anstand, dass die Banken klaglos auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Ihre Rolle ist die von Beteiligten, nicht von Oberaufsehern und Strafrichtern. Demut ist gefordert.“

Rechtfertigungsdruck für Journalisten steigt

Alles nicht falsch, aber es bleibt doch die Frage, ob der Ton verfängt, ob diese Art Gardinenpredigt kritische Evidenz bei den Adressaten entfalten wird. Adressaten sind aber eben nicht nur die Objekte journalistischen Kritik – Adressaten sind vor allem die eigenen Leser. Hier lässt sich eine verstärkte Publikumsorientierung zu neueren Leistungen zählen. Für eine Studie, entstanden an der FU Berlin unter Leitung der Journalistik-Professorin Margreth Lünenborg, haben rund 1000 Korrespondenten und Redakteure in einem Online-Fragebogen Auskunft über ihr Selbstbild und ihre Berufspraxis im Wandel gegeben. „Mindestens eine positive Entwicklung“ glaubt Lünenborg ausgemacht zu haben: „Die Orientierung am Publikum ist deutlich stärker ausgeprägt.“

Demnach sei es Politikjournalisten heute wichtiger als früher, „komplexe Sachverhalte zu erklären und zu vermitteln“, sie kommunizieren intensiver und häufiger mit ihren Lesern und Zuschauern. „Sie schreiben und senden weniger für Kollegen und Experten, als sie das früher getan haben“, sagt Lünenborg und führt dies auch auf die neuen digitalen Publikationswege für das Publikum selbst zurück. In der Tat: Wo sich Leser in Onlineforen oder gar in eigenen Blogs einmischen und die Kommentierungen der journalistischen Profis vor aller Augen in Zweifel ziehen können, steigt der Rechtfertigungsdruck für die Journalisten. Wer sich dem Dialog verweigert, wirkt gestrig und verliert an Ansehen.

Es gibt inzwischen einige angesehene Blogs in Deutschland, die sich ausschließlich mit Politik befassen und die wenn auch keine Massenreichweite, so doch eine treue Fangemeinde haben. Natürlich wird durch jeden dieser Blogs die bisherige Definitionsmacht von Journalisten (und Politikern), was Politik sei und was politisches Urteilsvermögen, in Frage gestellt. Das bisherige Oligopol der Meinungsbildung wird erweitert. Dieser Prozess relativiert die bisherige Hegemonie der Medien in der politischen Information und Kommentierung. Aber es macht sie nicht überflüssig. Denn die Leistungen eines reflektierten und kritischen Journalismus können Laien nicht übernehmen.

Und sie wollen es auch gar nicht, jedenfalls nicht in der Breite: Der jüngsten ARD/ZDF-Online-Studie zufolge wollen nur sieben Prozent der Befragten aktiv etwas zu den Inhalten des Web beitragen – bei der Vorjahresbefragung waren es noch 13 Prozent gewesen. Die Halbierung binnen Jahresfrist beweist: Die digitale Technik ermöglicht zwar einen Zuwachs an demokratischer Partizipation, aber eben nur rein theoretisch. Zudem: Wollen wir uns lieber von einer von einer Handvoll Bloggern als von einer Vielzahl professioneller Medien informieren lassen? Zum neuen Pluralismus in dieser Gesellschaft gehören aber zweifelsohne beide Gruppen von politischen Kommunikatoren.

Die Rede von der Krise des Politischen Journalismus leidet an einer Überschätzung sowohl von mutmaßlichen negativen Medienwirkungen als auch der digitalen Alternative, der Blogosphäre. Die Diskussion konzentrierte sich bislang auf den Hauptstadtjournalismus – und wurde damit viel zu eng geführt. Journalismus, der das ehrenvolle Beiwort „politisch“ verdient, braucht es gerade im Lokalen, in den kleineren Städten und Kreisen, wo Journalismus noch immer vor der Aufgabe steht, sich von den lokalen Eliten zu emanzipieren und das Interesse der Bürger an politischer Mitwirkung wachzuhalten. Und der Journalismus muss antizipativ in dem Sinne sein, dass er neue Politiken schon während ihrer Entstehung in der Zivilgesellschaft entdeckt und thematisiert.

Lokaljournalismus müsste tiefer bohren

Es ist oft gesagt worden: Demokratie wird erlebbar nicht in Berlin (oder früher in Bonn), Demokratie beginnt in der Kommune als Keimzelle, in Stadt und Land. So war es früher und hat u.a. zu hoher Beteiligung an Wahlen geführt. Funktioniert nicht mehr so wie früher. Wir haben folgende Probleme an der Basis unseres demokratischen Systems zu konstatieren: Wahlbeteiligungen auf amerikanischem, also niedrigem Niveau und in den Kommunen das chronische Problem, überhaupt noch Bürger zu finden, die bereit sind, sich für die öffentlichen Belange zu engagieren. Ehrenämter in Gemeinderäten sind wichtig. Da wird entschieden auch über ganz Praktisches: woher die Gemeinde ihren Strom bezieht oder wer ihren Müll entsorgen soll. Doch da gibt es vielerorts ernste Nachwuchssorgen.

Das bringt uns zu der Frage: Vermittelt eigentlich der Lokaljournalismus hinreichend, dass Politik wichtig ist, dass es sich lohnt, sich in ihr und für das Gemeinwesen zu engagieren? Nimmt der Journalismus seine Thematisierungsfunktion auch für kontroverse Sachverhalte ernst – für Sachverhalte, die die lokalen Eliten eben nicht auf die Tagesordnung setzen wollen? (Weil es ihr eigenes Funktionsversagen zeigen würde.) Hier müsste der Lokaljournalismus tiefer bohren und recherchierend das ans Tageslicht heben, was im Terminkalender offizieller Pressekonferenzen nicht auftaucht.

Ich glaube, wenn die Tageszeitungen noch zehn gute Jahre haben wollen, müssen sie jetzt sexy werden – sexy werden, indem sie auch mal Krawall schlagen, wenn Korruption in die Stadt einzieht, sexy, weil sie sich als ehrlicher Fürsprecher von Bürgerinteressen wieder glaubhaft machen. Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Schönbach hat dafür die schöne, leicht paradoxe Formel der „zuverlässigen Überraschungen“ gefunden.

Doch zum gewöhnlichen Lokaljournalismus gehört traditionell dessen Gläubigkeit gegenüber den Repräsentanten der lokalen Elite. Der Lokalchef einer kleinen Zeitung im ländlichen Raum hat kürzlich in einer wissenschaftlichen Befragung geäußert: Wenn der Lokaljournalist auch mal Kritik äußere, müsse er das so tun, dass man bei dem Betroffenen hinterher „immer noch auf den Hof fahren“ kann. Daran ist so viel richtig, als der Lokaljournalist in der Tat das Kunststück fertigbringen muss, auch nach öffentlich geäußerter Kritik und nachfolgender Verstimmung bei den Objekten seiner Berichterstattung mit diesen dann doch wieder ins Gespräch zu kommen. Aber unter diesen sog. Partnern im öffentlichen Feld könnten ja auch Leute sein, über die man so viel Negatives erfahren (und berichtet) hat, dass man bei ihnen nun wirklich nicht mehr auf den Hof fahren möchte…

Krisen bergen bekanntlich auch Chancen – so auch hier. Unter politischen Journalisten hat ein selbstkritisches Nachdenken eingesetzt. Weiterdenker wie der stellvertretende Chefredakteur der „ZEIT“, Bernd Ulrich, fragen, ob Kritik an Politikern auch Verächtlichkeit beinhalten darf. „Warum verhalten sich Journalisten gegenüber der politischen Klasse so verächtlich, als hätten sie eine zweite im Kofferraum. (…) Wir stellen uns an die Spitze der Politikverdrossenheit und weisen immerzu nach, dass die Politiker von niedrigen Motiven getrieben sind, süchtig nach Aufmerksamkeit, gierig nach Macht, dem Volk entfremdet und reden können sie auch nicht. Das funktioniert, der politische Journalismus kann von den Verfallsgasen des Politischen leidlich leben. Aber wie lange? Nachhaltiger Journalismus ist das jedenfalls nicht.“

Neue Haltung politischer Journalisten

Ulrichs Alternative: „Politischer Journalismus sollte kein gemeinsames Interesse haben – außer die Erhaltung der Reproduktionsmöglichkeiten demokratischer Politik. Konkret bedeutet das, dass wir gegen jede konkrete Politik anschreiben können, nur nicht gegen alle Politik. Dass wir die Kriterien der Kritik offenlegen müssen und diese Kriterien nicht so anlegen dürfen, dass die Politik immer nur verlieren kann. Auf die Dauer liest sich das auch besser.“

Ulrich ist nicht der einzige, der diese Verantwortungsfrage aufwirft. Sein Chefredakteur Giovanni di Lorenzo tut es ihm gleich, ebenso der Chefpublizist des Ringier-Verlags, Frank A. Meyer. Was hier aufscheint, ist eine neue Haltung politischer Journalisten: eine Haltung im Geiste völliger journalistischer Freiheit, aber auch der Verantwortung gegenüber schützenswerten Gütern wie Demokratie, Frieden und Menschenrechte.

Diese neue Nachdenklichkeit läuft für mich hinaus auf Folgendes: Was ehedem ein Programmauftrag nur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk war, nämlich beizutragen zur Integration der Gesamtgesellschaft, könnte und sollte ein Mandat für alle Medien werden. Denn Fliehkräfte, Segregationstendenzen haben wir fürwahr genug in dieser pluralen Gesellschaft. Und entsprechend viele Integrationsaufgaben, nicht nur, aber auch die multikulturelle.

In diese Richtung denkt offenbar auch BDZV-Präsident Helmut Heinen, wenn er sagt: „Zeitungen sind der Kitt unserer Gesellschaft.“ Über Heinen hinaus sind vor allem Dirk Ippen und Bodo Hombach als Verleger zu nennen, die ihre Zeitungen nicht nur als Geschäft betreiben, sondern sie in den Dienst an der Demokratie gestellt sehen wollen – und die auch das intellektuelle Vermögen haben, darüber nachzudenken. Der streitbare Verleger Dirk Ippen deutet auf einen wichtigen Punkt, wenn er sagt: „Die größte Gefahr für die gelebte Pressefreiheit aber kommt von innen her. Ich meine den Hang zum Konformismus und zu einer gewissen Hörigkeit gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist. Da täte manchmal eine geistige Ohrfeige ganz gut.“

Die Frage nach der Verantwortung

Insbesondere WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach macht seit längerem mit mannigfaltigen Reden voller Ethos von sich reden. Ich finde, ein Sammelband ist überfällig. Ein etwas längeres Zitat aus einer Rede, die Hombach Ende vergangenen Jahres in Frankfurt hielt:

„Eine kleine Dosis Gewissenserforschung kann nicht schaden. Ahnen wir nicht, dass auch uns der Bürger abhandenkommt? Haben wir denn nachgefragt, wenn immer mehr Staat weite Teile der Gesellschaft besetzte, wenn er regelte, was Bürger selber regeln können, wenn er bevormundete, wo Bürger selber den Mund aufmachen können? Mit welchem Recht nennen wir unsere Produkte „Bürgerzeitung“, wenn uns die Bürger davonlaufen? Weil wir Politikern, Wirtschafts-, Gewerkschafts- und Kirchenführern in die Falle gingen. Weil wir ihre Designer-Statements ungeprüft übernommen haben. Weil wir gern mit den Würdenträgern in der ersten Reihe saßen. Weil wir das Volk buchstäblich hinter uns ließen. Die Bürger wollen die Politik zurückerobern. Die Politik muss die Bürger gewinnen. Das kann nur vor Ort beginnen. Die Rekonstruktion unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts steht auf der  Tagesordnung. Das ist der große Auftrag an den bürgernahen Journalismus vor Ort. Sachlich informieren. Moderieren, Abwägen, aber auch Mobilisieren und Partei ergreifen. Nicht für eine Partei, sondern für Bürgerinteressen.“

Dem kann man ohne weiteres zustimmen. Aber es bleibt doch die Frage, ob denn die Zeitungen des WAZ-Konzerns das einlösen, was dem Großen Meister vorschwebt, ob die Redaktionen die hehren Ziele (noch) einlösen können, nachdem eine von Hombach gemanagte Sparwelle mit drastischem Stellen und Redaktionsschließungen über sie hinweggerollt ist. Der stellvertretende WAZ-Chefredakteur, Wilhelm Klümper, hat vor einiger Zeit bei einem Besuch an der Universität Hamburg sinngemäß gesagt, die eine oder andere Lokalredaktion weniger sei kein Problem. Dann schicke er halt einen Volontär dorthin. Der schneide dann halt die Ratssitzung mit einem kleinen Recorder mit, und das Audio werde ins Netz gestellt. Wo es sich jeder interessierte Bürger abrufen könne. Nein, so einfach geht es eben nicht. Da verabschiedet sich der Lokaljournalismus aus seiner Vermittlungsaufgabe, dem Bürger zu sagen, was relevant ist und wo welche Politikeräußerungen interessengeleitet ist, wie sie also eingeordnet werden muss.

Das alles wirft Verantwortungsfragen auf, denen sich Verleger wie Journalisten stellen müssen. Die Frage nach der Verantwortung richtet sich vermehrt auch an die „Bild“-Zeitung. Das Boulevardblatt hat in den vergangenen Jahren immer wieder seine Kampagnenfähigkeit unter Beweis gestellt – und das trotz fallender Auflage. „Bild“ liegt inzwischen deutlich unter drei Millionen Exemplaren täglich (2.855.893, minus 5,25 Prozent binnen Jahresfrist) und kann doch Regierungen, Parteien, Politiker, Gewerkschaften unter Druck setzen und Karrieren beenden. Oder versuchen, die eigenen Lieblinge auch noch in aussichtsloser Lage im Amt zu halten, wie zuletzt die gescheiterte In Treue fest-Kampagne für Guttenberg in der Plagiatsaffäre gezeigt hat.

“Dienstleistung des Erklärens” als journalistische Hauptaufgabe

Es gibt Kritiker, die solche Aktionen der einflussreichen Springer-Zeitung für eine Amtsanmaßung halten. Doch ist der dergleichen vom Grundrecht der Pressefreiheit gedeckt. Allerdings sind kritische Anfragen nicht nur erlaubt, sondern notwendig, wenn „Bild“ z.B. in der Eurokrise ideologisierend die nationale Karte spielt und „die Griechen“ pauschal für schuldig erklärt – eine schlichte populistische Sichtweise, die auch bei „Focus“ zu lesen war. Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben diese Kampagne kritisch rekonstruiert, nachzulesen im Internet: www.bild-studie.de.

„Bild“ skandalisiert Politik, sie nährt die Empörung der Vielen über Missstände, moralische Verfehlungen und Bereicherung. Die Frage ist aber, ob die Zeitung bei alledem auch für einen Rest an Loyalität für diese Demokratie und ihr politisches System zu sorgen vermag. Die allgemein zurückgehende Wahlbeteiligung ist ein Krisenphänomen, das nicht nur mit der mangelnden Überzeugungskraft von Politikern erklärt werden kann. Auch nach der Mitverantwortung der Medien sollte hier gefragt werden.

Integration ist meine erste normative Setzung gewesen. Jetzt kommt die zweite. Im Begriff der Interpretation, die sich in reiner Kommentierung bei Weitem nicht erschöpft, scheint m.E. eine renovierte Funktionsbestimmung für den Journalismus von morgen auf. Er ist es, der ein vollständiges Bild der Wirklichkeit zusammensetzt, der die Komplexität von Aufgaben und Problemen ohne Verkürzung beschreibt und die widerstreitenden Strömungen und die allgegenwärtigen Interessen- und Zielkonflikte bei der Problemlösung dokumentiert. Er ist es, der das Gesamtbild dann auch wieder auf das Wesentliche verständlich reduziert, der die Phänomene im Zusammenhang auslegt, erklärt und deutet – kurz: interpretiert. „Was hat es zu bedeuten?“ – gültige Antworten auf diese Frage zu geben ist die unverzichtbare und bis auf weiteres durch keine Alternative zu substituierende Verständnis- und Verständigungsleistung des Journalismus.

Die reine Nachricht, die pure Meldung vom Ereignis, ist heute infolge des Internets im Handumdrehen entwertet – der Hauptgrund für die momentane Krise im Geschäftsmodell der Nachrichtenagenturen. Wenn aber die Nachricht nicht mehr genügt, weil es sie gratis an jeder virtuellen Ecke im World Wide Web gibt, dann müssen andere Leistungen her, um den Begriff „Journalismus“ mit Leben zu füllen. Der FAZ-Mitherausgeber Werner D’Inka hat die „Dienstleistung des Erklärens“ zu einer journalistischen Hauptaufgabe von morgen erhoben. In die gleiche Richtung denkt der Innenpolitik-Chef der „Süddeutschen Zeitung“, Heribert Prantl, wenn er dafür plädiert, die Zeitung zu re-intellektualisieren. Ihre Zukunft liege weniger im Reportieren als in der Reflexion des Zeitgeschehens, sie solle ein „Generalschlüssel“ zum Verständnis der Wirklichkeit werden. Eigenschaften, wie sie alle Medien gut gebrauchen können.[2]

Wie sieht ein zufriedener Zeitungleser aus? Vielleicht wie Vater Hesselbach aus der gleichnamigen Fernsehserie von 1961. Eine altdeutsche Idylle. In anderen Ländern, selbst in europäischen, ist die Pressefreiheit bedroht. In Italien z.B. sind 2009 viele Demonstranten für die Pressefreiheit auf die Straße gegangen.

Können Sie sich vorstellen, dass in Deutschland so viele Leute für Pressefreiheit, sollte sie bedroht sein, auf die Straße gehen? Und wenn nein, warum nicht?


[1] http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10918

[2] Heribert Prantl, Die Zeitung ist tot. Es lebe die Zeitung, in: jetzt.de (Süddeutsche Zeitung online) <http://jetzt.sueddeutsche.de> [Stand: 13. 9. 2010, siehe dort unter „Archiv“].

Leicht geänderte Fassung des Vortrags zum Symposion “Medien und Demokratie”, veranstaltet am 4. Juli 2011 in Bonn von der Demokratie-Stiftung an der Universität zu Köln.

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