Absurder Infoporno

7. Dezember 2015 • Qualität & Ethik • von

Der Massenmord im kalifornischen San Bernardino verweist auf mediale Fehlleistungen, auf die viele Studien bereits aufmerksam machten. Dazu zählt das Phänomen der „Propaganda der Tat“, also Verbrechern oder Terroristen in die Hände zu arbeiten, indem man durch die Art der Berichte das verbreitet, was diese beabsichtigen: Angst und Schrecken.

San BernardinoPeter Neumann, ehedem Journalist und nun Forscher am King´s College in London, schildert in seinem Buch „Die neuen Dschihadisten“ die Zusammenhänge – historisch sowie am Beispiel der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Die Morde von San Bernardino zeigen zudem ein bizarres Rangeln um die Deutung, eine Art „Instrumentalisierung der Tat“, die auch Medien betreiben. Die New York Times startete parallel zur erneuerten Forderung des amerikanischen Präsidenten nach schärferen Waffengesetzen eine Medienkampagne. Ähnlich die New York Daily News. Das Blatt gestaltete ein Cover „God isn´t Fixing it“ (Gott bringt das nicht in Ordnung) mit vier Politikervoten, in denen diese für die Opfer beten.

Andere Medien bringen sich in Gegenposition, indem sie beispielsweise den Weihnachtsgruß einer Politikerin aus Nevada veröffentlichen, wo diese und ihre Familie mit Waffen posieren und für lockerere Bestimmungen plädieren. Und wiederum andere befeuern die Angst vor Anschlägen, deuten globale Terrorismusbekämpfung in Krieg um und schreiben den Militäreinsatz in Syrien geradezu schön. Dabei hat die Forschung des norwegischen Friedens- und Konfliktforschers Johan Galtung und anderer längst gezeigt, wie wichtig deeskalierende Berichterstattung gerade in Krisenzeiten wäre.

Vollends bizarr wirken Bilder aus der Wohnung der Täter. Der Vermieter öffnete die Tür, MSNBC und andere Sender kamen in Heerscharen. Wir sehen deshalb, dass das Kind der toten Massenmörder ein rosafarbenes Jäckchen hatte und in einem weißen Gitterbettchen schlief. Wir erfahren, an einer Wand hänge ein Gebetsteppich, auch Gebetsketten habe man gesehen. Das geht so nicht. Hier wird eine Form der „Banalität des Bösen“ inszeniert als absurder Infoporno, bei dem nur Draufhalten zählt. Der Zuschauer wird Voyeur und Zeuge, er soll sich gefälligst selber ein Bild machen, der Journalist lehnt sich zurück. Eine Bankrotterklärung.

Denn es bleibt Auftrag von Journalismus, bewusst zu entscheiden, was öffentlich relevant ist und was nicht, Kontexte herzustellen, zu relativieren, einzuordnen. Ein religiöses Symbol in der Wohnung macht die Religion nicht zwangsläufig zum Motiv für dieses Verbrechen. Solche Zuschreibungen erzeugen Kausalzusammenhänge, die nicht belegt, aber brandgefährlich sind: Zurzeit ist nicht erwiesen, ob das Verbrechen auf einen Streit am Arbeitsplatz zurückgeht, ob die Täter „lone wolves“ sind, die im Alleingang mordeten, oder, wie ein IS-Terrorist via Propagandasender verlauten ließ, wirklich „zwei Getreue“. Solche Sachstände sind Nachrichtenwerte, nicht der Seifenspender, den Syed Farook und Tashfeen Malik beim Händewaschen drückten.

Erstveröffentlichung: Der Tagesspiegel vom 6. Dezember 2015 (für das EJO leicht modifiziert)

Bildquelle: Screenshot New York Daily News

 

 

 

 

 

New York Daily News

 

 

 

 

 

 

 

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