Es droht

26. Januar 2015 • Qualität & Ethik • von

Wenn Journalisten hemmungslos spekulieren wollen, erfinden sie eine Drohkulisse.

 

Es droht wieder einmal gewaltig. Derzeit droht es vor allem in Frankreich und in Griechenland.

“Es droht die Gefahr, dass ein autoritäres Gesellschaftsmodell das freiheitliche verdrängt”, schreibt die NZZ über Frankreich. “Es droht ein ähnliches Szenario wie nach 9/11”, schreibt die Südostschweiz über Frankreich.

“Es droht eine neue Eurokrise”, schreibt die Basler Zeitung zu Griechenland. “Es droht der totale Absturz”, schreibt die Aargauer Zeitung zu Griechenland.

Es droht. Es droht permanent. Wir sind bei einem der zentralsten, aber auch heitersten Aspekte der modernen Journalistenmechanik. Es geht um den Zwang zur unablässigen Bedrohungslage.

Am liebsten spekulieren Journalisten über die Zukunft und ihre Schrecken. Natürlich malen sie, wie es ihrem Berufsbild entspricht, diese Zukunft möglichst schwarz. Gefahren, Krisen und Abstürze müssen hinter jeder Ecke lauern. Das Problem all dieser kommenden Katastrophen ist nur, dass sie noch nicht real existieren, sondern nur denkbar sind. Damit man die nicht existierenden Katastrophen dennoch finster beschreiben kann, helfen zwei kleine Worte: “Es droht”.

Schauen wir mal, was zusätzlich so droht.

“Es droht die totale Isolation” (der Blick über die Verhandlungen mit der EU).

“Es droht eine Flut von Birnensaft” (der Tages-Anzeiger über die Obsternte).

“Es droht eine humanitäre Katastrophe” (“10 vor 10” über die Ukraine).

“Es droht eine Mückenplage” (Schweiz am Sonntag über die Hochwasserfolgen).

Dieselbe Katastrophenbeschwörung wie bei Sachfragen funktioniert auch bei Personen.

“Berset droht ein Totalabsturz” (die Handelszeitung über die Rentenreform).

“Sommaruga droht ein Scherbenhaufen” (die Berner Zeitung über das Bürgerrechtsgesetz).

“Leuthard droht eine Niederlage” (das St. Galler Tagblatt über das Umweltgesetz).

Entscheidend für die Konstruktion der Bedrohungslage sind die Hilfstruppen der Redaktionen. Es sind die sogenannten Experten. Sie müssen den kommenden Untergang in Interviews eskalierend anliefern. Manchmal ist es ein Kinderspiel, die passenden Experten zu finden, die das nahende Desaster prophezeien. Manchmal ist es harte Arbeit.

Die Mückenplage zum Beispiel, die wir erwähnt haben, war schwierig zu konstruieren. Es gab in der ganzen Schweiz nur einen einzigen Experten, der ihre Bedrohung kommen sah. Die Journalisten mussten lange suchen, bis sie ihn fanden. Sie fanden schließlich einen ehemaligen ETH-Professor, der bereits pensioniert war. Er tat den Journalisten den Gefallen und schaffte es dann in Dutzende von Zeitungen, Radios und Online-Sites.

Rund um Charlie Hebdo hingegen haben nun die Journalisten ein Herrenleben. Tausende von Terrorexperten, Sozialexperten, Geheimdienstexperten, Immigrationsexperten und Jihad-Experten rennen ihnen freiwillig die Studios und die Redaktionen ein. Die meisten von ihnen, wie erwünscht, prophezeien eine weitere Eskalation des Terrors und eine einschneidende Umwälzung der französischen Gesellschaft.

Ähnlich komfortabel ist die Lage rund um Athen. Tausende von Währungsexperten, Finanzexperten, EU-Experten, Euro-Experten und Wirtschaftsexperten rennen die Studios und Redaktionen ein. Sie orakeln düster.

Die bedrohliche Mückenplage, übrigens, trat nie ein. Wir können darum recht getrost sein, dass es auch Frankreich nicht zerreißt und dass Griechenland nicht untergeht.

Es droht nur, es ist nicht.

 

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 15. Januar 2015, S.19

Bildquelle: Andreas Levers.flickr.com

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