Blinde Flecken in der Berichterstattung

7. März 2016 • Qualität & Ethik • von

Seit knapp 20 Jahren veröffentlicht die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) eine Liste mit zehn in den Medien vergessenen Themen. Im Februar einigte sich eine Jury aus Wissenschaftlern, Journalisten und Studierenden auf die Top Ten für das Jahr 2016. Im EJO-Interview mit Susann Eberlein spricht Geschäftsführer Prof. Dr. Hektor Haarkötter über die Arbeit des Vereins, die Auswahl der Themen und den Einfluss der Liste auf die Medienberichterstattung.

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Prof. Dr. Hektor Haarkötter / Foto: HMKW

Herr Professor Haarkötter, seit 19 Jahren kürt die Initiative Nachrichtenaufklärung die Top Ten der am meisten vernachlässigten Themen. Welche haben es 2016 auf das Treppchen geschafft?

Die INA-Jury war sich in diesem Jahr so einig wie selten: Die ersten beiden Plätze belegen zwei buchstäblich bombige Themen, nämlich die Finanzierung von Nuklearwaffen durch deutsche Finanzinstitute sowie der EURATOM-Vertrag, ein europäisches Abkommen zur Förderung der Atomkraft, das jährlich mit Millionensummen aufgepolstert wird, obwohl Länder wie Deutschland oder Österreich sich längst von der Atomkraft losgesagt haben. Platz 3 belegt die Story, dass K.O.-Tropfen nahezu unkontrolliert über das Internet bestellt und gekauft werden können, obwohl es sich um einen hochgradig süchtig machenden und auch toxischen Stoff handelt.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum gerade diese Themen vernachlässigt werden?

Spardruck in Redaktionen, zu wenig Zeit für Recherche, die Komplexität der Thematiken, Vorurteile der Journalisten, die politischen Tendenzen von Redaktionen, Verlegern und Medienhäusern und die fehlende Diversität unter den Journalisten sind einige der Gründe, warum manche Themen es sehr schwer haben, veröffentlicht zu werden.

Warum ist es der INA so wichtig, Lücken in der Berichterstattung aufzudecken?

Es geht der INA um die Relevanz von Geschichten und Themen und nicht darum, dass jede noch so abseitige Geschichte Gehör finden sollte. Wenn gesellschaftlich relevante Themen – wozu wir die Finanzierung von Massenvernichtungswaffen mal zählen wollen – einfach unter den Tisch fallen, sollte die Gesellschaft darauf hingewiesen werden.

Wie und vom wem werden die Themen ermittelt? Welche Kriterien müssen sie erfüllen, um als vernachlässigt zu gelten?

Themen kann jedermann über unsere Website einreichen. Jury- und Vereinsmitglieder der INA machen aber auch selbst Vorschläge, wo nach den blinden Flecken in der Berichterstattung gesucht werden sollte. Um die eigentlichen Nachforschungen kümmern sich dann studentische Teams an mehreren Hochschulen in Deutschland, unter anderem in Hamburg, Bremen, Köln und München. Im Rahmen der Recherchen prüfen wir erst die Sachverhalte und machen anschließend Medienanalysen, bei denen wir die großen Pressearchive und Informationsdiente abfragen. Im einen oder anderen Fall sprechen wir auch noch mit Experten oder Fachjournalisten über eine mögliche Vernachlässigung der Themen.

Statt eigene Themen zu setzen, kann man im Journalismus ein gewisses „Kopieren“ beobachten. Berichtet z.B. die Bild über ein Thema, ziehen andere Medien nach.

Das ist das typische journalistische Rudelverhalten: Man berichtet über das, worüber alle berichten. In der Kommunikationswissenschaft nennen wir das den Nachrichtenfaktor Konsonanz. Journalist/innen lassen sich damit natürlich einige wirklich exklusive Geschichten durch die Lappen gehen, was unter Umständen nicht nur journalistisch, sondern auch medienökonomisch unsinnig ist.

Die INA gilt als ein wichtiges Instrument der deutschen Medien- und Journalismuskritik. Immerhin legen Sie mit Ihrer Liste den Finger in die Wunde und zeigen Schwächen der Berichterstattung auf.

Die INA ist vermutlich sogar die größte und nachhaltigste Organisation in Deutschland, die systematisch und seit schon fast zwei Jahrzehnten diese Form von Medienkritik anstellt. Wir haben in Kooperation mit dem Deutschlandfunk zudem eine regelmäßige Konferenz gegründet, das Kölner Forum für Journalismuskritik. Dort wollen wir in größerem Rahmen auf die Schwachstellen journalistischer Berichterstattung hinweisen.

Wie wirkt sich Ihre Top-Ten-Liste auf die Medienberichterstattung aus? Rücken die Themen anschließend stärker in den Mittelpunkt?

Wir können mit der punktuellen Veröffentlichung der Top Ten der vergessenen Nachrichten nicht die strukturellen Probleme des Journalismus heilen. Darum stellen wir fest, dass leider immer noch zu selten die Storys unserer Top Ten anschließend den Weg zu einem größeren Publikum finden. Wir arbeiten deshalb daran, selbst Foren und Podien für diese Geschichten zu finden. Seit einigen Monaten kooperieren wir beispielsweise mit dem Fachmagazin Der Journalist und veröffentlichen dort unter der Rubrik „Vergessen“ ein „Thema des Monats“.

Gibt es im Ausland ähnliche Initiativen?

Ja, wir haben ein Schwesterprojekt in den USA, das Project Censored, das es schon seit 40 Jahren gibt. Die sind mittlerweile zu einer großen Institution herangewachsen und veröffentlichen mit deutlich politischerem Zungenschlag als die INA jedes Jahr 25 unterdrückte Themen, die sie auch als Buch herausbringen. Außerdem kooperieren wir mit Kollegen in Rumänien, Pakistan und Skandinavien.

Im kommenden Jahr feiert die INA ihr 20-jähriges Bestehen. Was ist für die Zukunft geplant?

Wir möchten unsere Medienkooperationen ausbauen, um noch mehr Publizität für die vergessenen Nachrichten zu finden. Außerdem überlegen wir, ob wir nicht – ähnlich wie unsere amerikanische Schwesterorganisation – neben den vernachlässigten Themen auch eine Liste mit den „junk news“ des Jahres veröffentlichen sollten, also jene nichtsagenden und irrelevanten Storys, die viele Nachrichtenkanäle verstopfen und den Blick aufs Wesentliche verstellen. Schließlich wollen wir im Jubeljahr unsere Tagung mit dem Deutschlandfunk weiter ausbauen und ein Buch zu 20 Jahren Nachrichtenaufklärung herausbringen.

Die Top Ten der vergessenen Nachrichten inklusive ausführliche Berichte sind auf der Website der Initiative Nachrichtenaufklärung zu finden: www.nachrichtenaufklaerung.de

Bildquelle (Lupe): pixabay.com

 

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  • Klaus

    Das Foto ist lustig, aber ich dachte sofort: kann man diesen lustigen jungen Mann bei diesem Thema wirklich ernst nehmen? Ich hab’ schon beim Anblick gedanklich sofort Gänsefüßchen beim Wort “Professor” (Bienlein?) gemacht.

  • r3verend

    Nun ja, warum sollte das Aussehen eine großartige Rolle spielen?

    Das ist eher wie ein Filter um zu schauen welche Beiträge man schon gleich mal ignorieren kann. “Beschäftigt sich mit Aussehen der Person und nicht mit den Inhalten? Next. Regt sich auf über formale Fehler statt über den Inhalt? Next. etc”. Die Strategie hat Fefe beispielsweise mal ausführlich in Alternativlos heruntergebetet.

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