Business as Usual, das Leben kosten kann

10. Juli 2013 • Qualität & Ethik • von

Es ist ein uraltes Phänomen, bekannt schon seit 1774, kurz nachdem Goethes berühmter Roman um einen liebeskranken Helden erschien: Der Werther-Effekt – die Theorie, der zufolge sich nach einer öffentlichkeitswirksamen Darstellung eines Selbstmordes wie in „Die Leiden des jungen Werther“ mehr psychisch labile Personen das Leben nehmen, als dies ohne die Darstellung der Fall gewesen wäre.

In unserer heutigen durch die Medien geprägten Welt ist der Werther-Effekt noch viel stärker ausgeprägt.

In einer kürzlich veröffentlichten Analyse untersuchen die Kommunikationswissenschaftler Oliver Quiering und Markus Schäfer vom Institut für Publizistik der Universität Mainz die Auswirkungen der Berichterstattung über den Suizid des ehemaligen Nationaltorwartes Robert Enke. Sie kommen zu dem Urteil: Bei der Berichterstattung über Selbstmorde muss sich einiges ändern, denn viele Medien nehmen kaum Rücksicht darauf, ob ihre Beiträge Nachahmer animieren könnten.

Die beiden Wissenschaftler orientierten sich in ihrer Studie an Leitfäden, die verschiedene Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft zur Suizidprävention in puncto Berichterstattung über Selbsttötungen herausgegeben haben. Sie untersuchten innerhalb der drei Wochen nach dem Selbstmord Robert Enkes am 10. November 2009 alle auf den Tod des Sportlers bezogenen Artikel in den überregionalen Medien Bild, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Zeit, Bunte, Stern und Spiegel darauf, ob sie sich an die Leitlinien hielten. Zusätzlich zu den Artikeln betrachteten sie in den offiziellen Sterbestatistiken des Statistischen Bundesamtes die Zahlen der Suizide in Deutschland eine Woche vor dem Suizid sowie vier Wochen danach und verglichen diesen Zeitraum mit den Vorjahren.

Die Analyse zeigt, dass Suizide mit ähnlichem Muster – Robert Enke stürzte sich vor einen Zug – in den Wochen der überaus umfangreichen Berichterstattung über den Tod des Sportlers massiv zugenommen haben. Es nahmen sich gegenüber dem Durchschnitt, der aus den Zahlen der beiden Vorjahre und der Kontrollwoche gebildet wurde, zusätzlich 45 Menschen das Leben, indem sie sich vor ein „sich bewegendes Objekt legten oder warfen“. So umschreibt die offizielle Definition der Bundesstatistik die Selbstmordmethode Enkes. Insgesamt brachten sich im Beobachtungszeitraum 131 Menschen mehr um als im Mittel der Jahre 2008 und 2007. „In Anbetracht früherer Befunde zum Werther-Effekt scheint sich dieser Zusammenhang ohne Einfluss der Medienberichterstattung kaum zu erklären“, schreiben Quiering und Schäfer.

Die beiden Wissenschaftler stellten zudem fest, dass sich die untersuchten Medien durchweg nicht an die Empfehlungen der Präventionsorganisationen zur Suizidberichterstattung hielten. Diese durchaus bekannten aber eben nicht bindenden Empfehlungen fordern einige Einschränkungen der Berichterstattung ein, die jedoch bisher gängigen Arbeits- und Geschäftsmodellen vieler Medien diametral entgegen stehen.

Erhebliche Interessenkonflikte in Redaktionen

So sollten Journalisten über prominente Suizidenten besonders zurückhaltend berichten, da sich gefährdete Personen ein Vorbild an ihnen nehmen könnten. Zudem sollten keine Details über Selbstmorde veröffentlicht werden, insbesondere keine Hinweise auf Ort und Methode der Selbsttötung in den Überschriften geben und auch allgemeine Suizidbegriffe wie „Selbstmord“ oder „Selbsttötung“  in den Titeln vermeiden. Die Leitlinien der Organisationen halten dazu an, nicht auffällig und unnötig oft über einen Fall zu berichten und die Beiträge vor allem nicht zu prominent zu platzieren oder auffällig zu bebildern. Dies alles sind Forderungen, die Journalisten in den meisten Redaktionen innerhalb der normalen Medienmaschinerie vor erhebliche Interessenkonflikte stellen dürften.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier beschreibt den Zwiespalt, der sich aus der Überlegung ergibt, vorliegende Informationen nicht zu veröffentlichen, gegenüber dem Online-Magazin Medien Monitor so: „Ich glaube, dass das für Journalisten erstmal ganz schwer zu akzeptieren ist. Nicht nur für Boulevard-Journalisten, sondern für alle. Weil man als Journalist grundsätzlich denkt: Es ist gut, wenn ich schreibe und so etwas an die Öffentlichkeit bringe. Schon der Gedanke, dass nur das Berichten einer Tatsache – sogar unabhängig davon, ob man Namen oder andere Details nennt – erhebliche negative Folgen haben kann, ist schwierig für Journalisten. Das greift massiv die Grundlagen des eigenen Selbstverständnisses an. Aber wenn es schiefgeht, dann hat es so drastische Folgen wie im Grunde nichts anderes, was man schreiben könnte.“

Realistischer als ein kompletter Verzicht auf Berichterstattung scheint es, folgende Appelle zu beherzigen: Journalisten sollen keine Interviews mit Angehörigen führen, Hintergründe nicht vereinfachen, Suizid weder billigen noch romantisieren und schon  gar nicht als Lösung darstellen. Stattdessen sollten Journalisten demnach versuchen, andere Lösungswege aufzuzeigen, die aus psychischen Krisen führen können – etwa dadurch, dass sie Experten zu dem Thema zu Wort kommen lassen.

Dies taten die Journalisten in der Berichterstattung um Robert Enke jedoch nur in 22 Beiträgen, immerhin gab ein Viertel der Artikel Hinweise auf Risikoanzeichen bei Suizidgefährdeten. Doch weitaus höher als solche Service-Aspekte wog doch das Interesse an dem persönlichen Schicksal. „Nationaltorwart Enke beging Selbstmord: Tod im Dunkeln“. So oder ähnlich lauteten die meisten Titel der Artikel und verstießen damit gegen die fundamentalsten Ansprüche an die Suizidberichterstattung,  indem sie dem Selbstmord etwas Geheimnisvolles zuschrieben. Quiering und Schäfer zufolge erfüllt kein einziger der 193 untersuchten Artikel alle Vorgaben der Leitfäden der Organisationen.

Das Interesse in der Bevölkerung war groß, worauf die Zeitungen reagierten, indem sie dem Thema im Schnitt zwei bis fünf Artikel pro Tag widmeten. Von diesen waren die meisten (103) entgegen der Empfehlungen prominent auf der Titelseite oder im vorderen Teil der Zeitung platziert und stellten entweder den Seitenaufmacher (60) oder den Nebenaufmacher (55). Die Autoren heben auch die erstaunliche Größe der Überschriften hervor, die im Schnitt 14 Prozent der gesamten Artikellänge ausmachten.

Regelrechte Romantisierung des Suizides

Während 83 der 193 Artikel spezielle Details zum Suizidenten wie Aussehen und Charakter nannten, gaben nur 26 Artikel Informationen zur Selbstmordmethode, darunter zwölf auch Hinweise zum Hergang selbst. Bedenklich scheint allerdings, dass potenzielle Nachahmer in neun dieser Artikel quasi eine Schritt-für-Schritt Anleitung für den Selbstmord finden konnten.  In 13 Berichten wurde der Ort des Selbstmordes so konkret beschrieben, dass er dadurch für Suizidgefährdete auffindbar wurde.

Erwartungsgemäß wichen die analysierten Medien unterschiedlich stark von den Empfehlungen der Organisationen ab. Wenig überraschend ist das Ergebnis der Studie, dass die Bildzeitung sowohl im Umfang als auch in der Aufmachung ihrer Artikel besonders aus dem Rahmen fiel. Sie berichtete in 85 Beiträgen über den Selbstmord Enkes, brachte also innerhalb des Beobachtungszeitraumes durchschnittlich fünf Artikel pro Tag.

Diese enthielten laut den Autoren zudem im Vergleich zu FAZ und SZ mehr problematische Details und missachteten auch häufiger moralische Appelle wie etwa Angehörige nicht zu befragen. Besonders zurückhaltend zeigte sich dagegen die Wochenzeitung Zeit, die in allen Beiträgen weniger von den Leitlinien abwich als etwa der Stern oder die Bunte. Doch: „Keine Suizidberichterstattung ist im Sinne der Richtlinien fehlerfrei“, schreiben Quiering und Schäfer. „Verstöße gibt es bei fast allen Empfehlungen über alle Medien hinweg.“

Dabei hätten die Medien in einigen Bereichen durchaus die Möglichkeit gehabt, die Berichterstattung zu überdenken und bewusst auf bestimmte Komponenten zu verzichten, wie etwa eine abschließende Bewertung der Tat. 14 Artikel stellten den Selbstmord als alternativlos dar, was schlichtweg mangelnder Recherche über Alternativen geschuldet sein dürfte, die in 32 anderen Artikeln durchaus benannt wurden. In fünf Artikeln betrieben die Journalisten den Forschern zufolge eine regelrechte Romantisierung des Suizides, während je vier Beiträge ihn als Lösung oder zumindest als nachvollziehbar darstellten.

Nur zehn thematisierten hingegen konkret, dass ein Selbstmord niemals nachvollziehbar sein dürfte, da niemand das seelische Innenleben der betreffenden Person kenne. Bei 33 Artikeln gaben sich die Journalisten hingegen weniger reflektiert und heroisierten  Enke eher als ihn zu hinterfragen. In den Augen der Autoren ein Problem: „Robert Enke wird in der Presse sehr positiv dargestellt. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass gefährdete Personen auch das ‚Modell Enke‘ als positiv und beliebt wahrnehmen.“

Den Autoren ist klar, dass die agierenden Journalisten bei der Berichterstattung über den Suizid Enkes sich nicht im luftleeren Raum bewegten, sondern allgemeine Arbeitsgrundsätze und -muster anwendeten. Ein solches Muster könnte in Anlehnung an Stefan Niggemeiers Einschätzung lauten, im Sinne des öffentlichen Interesses alle verfügbaren Informationen zu recherchieren und zu veröffentlichen.

Presserat sieht noch keine Notwendigkeit für Leitfaden

Doch Quiering und Schäfer wollen diesen Zielkonflikt nicht als Rechtfertigung annehmen. „Es stellt sich die Frage, ob nicht insbesondere der Deutsche Presserat gefordert ist, auf die Etablierung allgemeiner Standards hinzuwirken“, schreiben sie. Sie kritisieren damit implizit, dass der Presserat bisher nur vereinzelte Rügen zu unangemessener Suizidberichterstattung ausspricht, die lediglich in einer vagen Formulierung im Pressekodex erwähnt wird: „Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände.“

Der Presserat sieht diesen Umgang mit dem Thema als angemessen an, Sprecherin Edda Kremer sagt auf Anfrage der Autorin: „Wenn die Presse zu detailliert über Art und Weise eines Suizides berichtet oder möglicherweise sogar Fotos von Suizidenten veröffentlicht, kann der Presserat dies sanktionieren.“ Doch Kremer räumt auch ein: „Voraussetzung ist jedoch auch, dass eine Beschwerde vorliegt.“ Seit 2010 habe es 28 solcher Beschwerden gegeben, auf die häufig romantisierenden Darstellungen der Zeitungen werde mit Schärfe reagiert – wobei das Instrumentarium des Presserates mit Rügen und ohne rechtliche Handhaben sicherlich beschränkt sei. Im Fall Robert Enke müsse man allerdings beachten, dass er eine Person des öffentlichen Leben gewesen sei und so auch ein gewisses Informationsinteresse der Öffentlichkeit beachtet werden musste.

„Hier besteht für die Medien eine große Verantwortung zwischen ihrem Informationsauftrag auf der einen Seite und der ethischen Verantwortung über die Wirkung einer Berichterstattung auf der anderen Seite“, sagt Kremer. Doch der Presserat sei sich der Wirkung der Massenmedien insgesamt durchaus bewusst. Wenn fünf Zeitungen über den Suizid einer bekannten Persönlichkeit berichteten und jede Berichterstattung für sich allein nicht zu beanstanden sei, so entstehe in der Gesamtwirkung am Kiosk möglicherweise dennoch ein problematischer Effekt.

Für Fälle von Amokläufen, die Reporter und Redaktionen vor ähnliche ethische Herausforderungen stellen, existiert seit einigen Jahren ein umfangreicher Leitfaden. Einen solchen fordern Quiering und Schäfer auch für Suizid-Fälle – und werden konkret: „Legt man die Erkenntnisse zum Werther-Effekt zugrunde, scheint ein entsprechender Praxis-Leitfaden zwingend. Als Vorlage könnten die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation dienen.“

Kemper entgegnet, der Presserat halte alle bisherigen Diskussionen mit Bezug auf einzelne konkrete Fälle für ausreichend. Auch wenn man mit Experten in Kontakt stehe, habe man bisher keine Notwendigkeit für eine Leitlinie gesehen. Doch die Sprecherin gibt sich offen: „Wenn neuerliche Diskussionen zeigen, dass Redaktionen mehr Leitlinien für den Umgang mit solchen Berichterstattungen benötigen, wäre natürlich auch ein spezieller Leitfaden denkbar.“

Schäfer, Markus; Quiring, Oliver (2013): Gibt es Hinweise auf einen „Enke-Effekt“? Die Presseberichterstattung über den Suizid von Robert Enke und die Entwicklung der Suizidzahlen in Deutschland. In: Publizistik, 58. Jg. 2011, H. 2 , S. 141-160.

Bildquelle: Kratka Photography / Flickr CC

 

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