Darf man das?

23. April 2012 • Qualität & Ethik, Ressorts • von

Die Kunst des Titelbilds ist die Kunst der maximalen Reduktion. Nur Reduktion führt zu Reaktion.

Im Juli 1977 erschien der Spiegel mit dem berühmtesten Titelbild seiner Geschichte. Es zeigte einen Teller Spaghetti. Auf den Spaghetti lag ein schwarzer Trommelrevolver. Darunter stand: „Urlaubsland Italien“. Die Italiener heulten auf. Es kam zu öffentlichen Protesten. Der Spiegel wurde mit Strafklagen wegen Volksverhetzung eingedeckt. Die italienischen Auslandorganisationen demonstrierten. Politiker bis zu Premierminister Giulio Andreotti gaben ihrer Empörung Ausdruck. Es war aus journalistischer Sicht ein perfektes Titelbild. Das sogenannte Cover, so die Regel der Zeitschriftenbranche, muss das Thema der Story verdichten, einkochen, maximal reduzieren. Mit der maximalen Reduktion auf Spaghetti und Schusswaffe wurde diese Vor­gabe zielgenau erreicht.

Damit sind wir bei der Weltwoche. Auch sie hat das Prinzip der Reduktion umgesetzt und auf dem Cover ein Roma-Kind mit Pistole abgebildet. Auch sie sieht sich nun einem Proteststurm gegenüber, auch hier flankiert von den üblichen Strafklagen. Und natürlich springen Politiker auf den Zug auf. Aus medientheoretischer Sicht ist an diesen Fällen immer die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt interessant. Die Spiegel-Titelgeschichte thematisierte seinerzeit die Unfähigkeit Italiens, gegen Terrorismus und Mafia vorzugehen. Niemand mochte über ­diese Missstände diskutieren. Alle stürzten sich nur auf das Titelbild. Bei der Weltwoche, wenig erstaunlich, spielt genau derselbe Effekt.

Bei Magazinen sorgt die Optik für die Emotionen. Das Bild kann heftige Abwehrreflexe auslösen. Der Text, weil zu faktennah, erbringt den schnellen Schockeffekt der Fotografie in der Regel nicht. Der Effekt gelingt am besten bei Themen wie Verbrechen, Sex und Religion. Besonders gut funktioniert die optische Reduktion, wenn sie eine unterschwellige Dosis an politischer Unkorrektheit mittransportiert.

Darf man das? Das ist die aufwühlende ­Frage bei Titelbildern. Es gibt viele Beispiele in der Mediengeschichte, die mit diesem Mechanismus für Skandale sorgten. Riesig war etwa die Aufregung, als Demi Moore 1991 auf dem Titelbild von Vanity Fair posierte. Sie war nackt und hochgradig schwanger und streckte ihren kugelrunden Bauch in die Kamera. Diesmal drehten die konservativen Organisationen durch und reagierten mit den üblichen Protesten und Strafklagen.

Ein ähnlicher Hammer auf Seite eins gelang 1987 dem Stern. Ein Reporter fotografierte im Hotel „Beau Rivage“ in Genf den deutschen CDU-Politiker Uwe Barschel, der tot in der Badewanne lag. Darf man das? Die Protestwelle war jedenfalls gewaltig. Esquire brachte 1968 Muhammad Ali auf dem Titelblatt, nachdem der Boxweltmeister den Militärdienst in Vietnam verweigert hatte. Es zeigte ihn von Pfeilen durchbohrt, wie den heiligen Sebastian, den christlichen Märtyrer. Der Aufschrei war gewaltig.

Nicht viel besser war es schon Time ergangen, als das Blatt Ende 1938 Adolf Hitler als „Man oft the Year“ aufs Titelblatt hob. Die vorletzte vergleichbare Aufregung gelang dem Magazin Ok, als es 2009 das letzte Bild des toten Michael Jackson aufs Cover pflanzte. Meist verfliegt die vermeintliche Schock­wirkung der starken Bilder aber sehr schnell. Am besten kann man das daran aufzeigen, wie sich der gewaltige Skandal um Demi Moore weiterentwickelte. Nach ihr posierten unter anderem Britney Spears, Christina Aguilera, Jessica Simpson und Mariah Carey genauso nackt und genauso hochschwanger auf den Titelblättern.

Als Letzte zeigte Claudia Schiffer ihren nackten Kugelbauch 2010 vorn auf der ­deutschen Vogue. Es war nur noch zum ­ Gähnen.

Erstveröffentlichung: Weltwoche Nr. 16/2012

Mehr zum Thema “Roma-Kind mit Pistole” auf dem Titelbild der Weltwoche Nr. 14/2012

http://www.weltwoche.ch/no_cache/die-weltwoche/aktuelle-ausgabe/ausgabe_jahr/2012/ausgabe_nummer/14.html

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2012-15/editorial-roma-die-weltwoche-ausgabe-152012.html

http://www.infosperber.ch/Artikel/Medien/Das-Roma-Kind-gehort-in-ein-CARITAS-Projekt

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/rassismusvorwurf-gegen-zeitung-weltwoche-roma-mit-pistole-11713234.html

http://www.sueddeutsche.de/medien/zentralrat-der-roma-und-sinti-zeigt-weltwoche-an-wie-im-nationalsozialismus-1.1329509

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  • Stephan Russ-Mohl

    Trotz aller erhellenden Einsichten von KWZ, wie schlampig oder ja auch wissentlich-desinformierend Journalisten immer wieder mit Bildern umgehen: Man darf das weiterhin nicht! Und tut es eben immer wieder trotzdem, sei es um die Auflage zu steigern, sei es um politische Botschaften zu streuen…

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