Das Ende der Außenantennen

1. Dezember 2016 • Qualität & Ethik • von

Die Trump-Blamage der Medien zeigt auf, wie sich die Medienkrise auf den Journalismus auswirkt.

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Früher redeten die Journalisten auch mit Bäckern, Eisenlegern und Bauern. Heute verlassen sie nur selten ihre abgeschlossenen, klimatisierten Newsrooms.

Manchmal braucht es einen Blick in die individuelle Sphäre, um den gesellschaftlichen Zusammenhang zu erhellen.

Eric Gujer etwa, der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, ist mit einer Journalistin verheiratet. Peter Röthlisberger, der Chefredaktor des Blicks, lebt ebenfalls mit einer Journalistin zusammen. Susanne Wille, die SRF-Moderatorin, ist mit einem Journalisten verheiratet. Auch die Ehefrau von Markus Somm, dem Chefredaktor der Basler Zeitung, ist Journalistin.

Man könnte weitere Beispiele im Dutzend finden.

Wenn man in Zürich bei Journalisten zu einem größeren Abendessen eingeladen ist, dann sind mindestens die Hälfte der Gäste ebenfalls Journalisten, manchmal sind es auch mehr. Berufsleute wie einen Bäcker, einen Bauern oder einen Bauzeichner habe ich da noch nie angetroffen.

Doch, einmal war ein Eisenleger beim Abendessen dabei. Die Journalisten in der Runde stürzten sich natürlich sofort auf den Eisenleger, weil sie die Chance nutzen wollten, auch einmal einen genuinen Proletarier näher kennenzulernen. Das Blöde war nur, dass sich dann herausstellte, dass der Eisenleger zwei Jahre zuvor sein Politologiestudium hingeschmissen hatte, weil er die Universität derart langweilig fand.

In Berlin oder in Washington kenne ich mich weniger gut aus als in Zürich, aber ich habe mir sagen lassen, dass es dort nicht viel anders ist.

Warum erzähle ich Ihnen das? Sie vermuten nun, dass ich Ihnen erklären will, warum kein Journalist mit einem Wahlsieg von Donald Trump gerechnet hat. Wir wären damit bei der derzeit schicken Salonthese, dass Journalisten in einer künstlichen Blase fernab vom Volksempfinden leben.

Nach der Trump-Blamage ging die Zunft darum in sich und schwor sich, nun der schweigenden Mehrheit wieder Ohr und Notizblock zu leihen. Das ist natürlich pure Sozialromantik und wird darum nicht lange halten. Die Starreporter aus New York werden auch in Zukunft nicht durch die Vororte in Ohio ziehen, genauso wenig wie die Edelfedern aus Zürich durch die Thurgauer SVP-Hochburgen streunen werden.

Das Problem lässt sich nicht mit guten Vorsätzen beheben. Es liegt anderswo. Es ist ein Industrieproblem.

Bei den US-Wahlen wurde der Strukturwandel bei den Zeitungen auch inhaltlich sichtbar. Die großen US-Blätter hatten in den letzten Jahren aus finanziellen Gründen die Zahl ihrer field reporters massiv reduziert, die draußen in den Straßen ihre Storys suchen. Stark ausgebaut wurde hingegen der Trupp der Online-Journalisten, die ihre abgeschlossenen, klimatisierten Newsrooms kaum je verlassen.

In der Schweiz ist es ebenso. Zeitungen wie Blick und Tages-Anzeiger hielten sich früher ein hübsches Geschwader an regionalen Reportern und Korrespondenten. Die Reporter saßen selten im Büro, trieben sich stattdessen auf Polizeistationen und vor Gerichten herum und hingen in Bars und Bahnhöfen. Sie waren die Außenantennen der Redaktion zur Bevölkerung. Sie redeten auch mit Eisenlegern.

Reporter waren durch diesen Stil jedoch nicht sehr produktiv. Sie wurden weitgehend abgebaut, als die Verlagshäuser zunehmend unter Kostendruck kamen.

Mit dem Verzicht auf Reporter und Korrespondenten und dem Fokus auf Online-Journalismus wandelten sich die Medienhäuser von einer vormals nach außen gerichteten zu einer stärker nach innen gerichteten Unternehmenskultur. Sie taten es in der Medienkrise aus Kostengründen, aber sie verloren dadurch deutlich an Volksnähe.

Bei der Wahl von Donald Trump wirkte sich diese Medienkrise erstmals politisch aus.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 24. November 2016

Bildquelle: pixabay.com

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