Das Prinzip Sepp

21. Oktober 2015 • Qualität & Ethik • von

Warum drehen Journalisten derart durch, wenn einer ihrer Bösewichte nicht zurücktreten will?

Blatter

Sepp Blatter

Der Titel zum Kommentar in der NZZ war aggressiv: „Blatter muss schnellstens gehen“. Der Titel zum Kommentar in der Sonntagszeitung war ebenso aggressiv: „Jetzt hilft Sepp Blatter nur noch der sofortige Rücktritt“. Schnellstens. Sofortig.

Der Gebrauch von Temporaladverbien ist linguistisch gesehen stets interessant. Schnellstens. Sofortig. Es kann mit dem definitiven Rücktritt Blatters nicht rasch genug gehen. Es ist eine Frage von Sekunden.

Vergleichbar verlief auch die Medienkampagne gegen VW-Chef Martin Winterkorn. Die Journalisten forderten desgleichen den sekundenschnellen und sofortigen Abgang. Winterkorn hielt keine Woche durch.

Fifa-Präsident Sepp Blatter hält seit Jahren durch. Jahrelang haben Journalisten tausendfach seinen Rücktritt verlangt, jahrelang und tausendfach vergeblich.

Blatter wurde damit zur großen Ausnahme im Waidrevier. Er ist der einzige Langzeitüberlebende unter den gejagten Großtieren auf der Mediensafari. Andere
Elefantenbullen wie Philipp Hildebrand, Karl-Theodor zu Guttenberg und Joe Ackermann verbluteten allesamt im Rücktrittstrommelfeuer. Blatter wurde dadurch zur Hassfigur der Journalisten. Denn er zerstörte ihr einziges Erfolgsmodell. Für Journalisten ist der einzige zählbare Erfolg ein Rücktritt.

Medien haben sehr beschränkten Einfluss auf gesellschaftliche Entscheide. Journalisten können Wahlen nicht groß beeinflussen, sonst wäre Links-Grün bei  fünfzig Prozent. Sie können Volksabstimmungen nicht steuern, sonst würde die Schweiz heute von Asylsuchenden überrannt. Sie können nicht entscheiden, wer Chef von Firmen und Verbänden wird, sonst wäre Eveline Widmer-Schlumpf längst Fifa-Präsidentin. Journalisten haben wenig konkrete Erfolgserlebnisse. Als einzig zählbares Erfolgserlebnis bleibt ihnen der Abschuss einer Person, die unter Mediendruck zurücktreten muss. Andere, objektiv messbare  Gewinnsituationen gibt es für Journalisten nicht.

Dies liegt daran, dass Medien keine langfristigen Prozesse beeinflussen können. Das ist nicht ihre Stärke, weil sie zu sehr im Tagesgeschäft verhaftet sind. Ihre Stärke ist vielmehr die Emotionalisierung von Kurzfristigkeit. Medien bewirtschaften die Empörung aus dem Augenblick. Wenn nun zeitweilig ein Verband oder ein Unternehmen in die Bredouille gerät, dann erleben wir jeweils diesen episodischen Ausbruch an Rücktrittshysterie. Die Forderung nach dem schnellen Aus für den Spitzenmann ist die verkürzte Problemlösung für einen Problemfall, den die Medien intellektuell gar nicht bewältigen wollen.

Eine Fifa und ein Volkswagen-Konzern sind sehr komplexe Gebilde, mit komplexen Prozessen und komplexen Strukturen, die fast zwangsläufig zu systemischen Krisen führen. Dies aber überfordert ein normales Journalistengehirn. Es sucht darum nach einer einfachen Formel zur Reduktion der Komplexität. Es findet sie beim Ruf nach der Guillotine.

Der Rücktritt ist dann – von Elisabeth Kopp bis Oswald Grübel – jeweils ein gefeierter journalistischer Triumph. Die Personalrotation ist der Bewegungsmelder, der zeigt, dass die Medien doch noch ein Machtfaktor sind. Sepp Blatter entzieht sich diesem Mechanismus. Er ist der Einzige aus den obersten Führungskreisen dieser Welt, der trotz feindseligster Medienattacken so lange im Amt blieb, wie es ihm beliebt. Die Journaille dreht darum durch. Ihre Beschimpfungen gegen Blatter reichten zuletzt von Betrüger bis Bandit. Ich denke auch, dass der Bursche einiges auf dem Kerbholz hat. Aber aus Journalistensicht muss man sagen: Aus härterem Holz ist keiner.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 8. Oktober 2015

Bildquelle: PAN Photo / Flickr CC

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