Das Publikum vergisst rasch

18. Februar 2014 • Qualität & Ethik • von

„Denunzierung!“, schimpfte Alice Schwarzer, „eine Schande für den Journalismus!“, empörte sich ein ADAC-Funktionär – beide just, als Medien Fehlverhalten aufgedeckt hatten. Ist Angriff die beste Verteidigung? Wer öffentlich attackiert wird, folgt am Besten Befunden aus der Medienforschung.

Barbara Pfetsch, Kommunikationsprofessorin an der Freien Universität Berlin, zeigte: Ist ein Thema in der Welt, lässt es sich schwer „dethematisieren“, speziell unerwünschte Themen lassen sich kaum stoppen. Ihr Kollege Wolfgang Donsbach (Dresden) fand heraus, dass Journalisten im Fall einer Krise mehr nachbohren und sich weniger auf Selbstdarstellungen verlassen.

Das heißt: Wenn der Spiegel öffentlich macht, dass die Gerechtigkeitskämpferin und Journalistin Schwarzer in der Schweiz ein schwarzes Konto unterhielt, lässt sich das so wenig „wegschimpfen“ wie die Enthüllung der Süddeutschen Zeitung, dass der ADAC-Kommunikationschef beim Autopreis „Gelber Engel“ Zahlen geschönt hat – und auch nicht schönreden.

In der Krise nutzen nur Einsicht und Entschuldigung. Je früher, desto schadloser bleibt der Betroffene. Denken wir an die Ex-Vorsitzende der deutschen Evangelischen Kirche, Margot Kässmann. Die mediale Skandalisierung ihres öffentlich gewordenen Fehlers, der „Alkoholfahrt“, bewirkte eine Selbstreinigung. Weil sie sich rasch bußfertig zeigte, blieb sie hochangesehen.

Doch die Grenzen fließen, warnt der Mainzer Forscher Hans Mathias Kepplinger in seiner aktualisierten Skandaltheorie, oft reagiere das Publikum auch mit Misstrauen und Resignation: Die hinterziehen ja alle Steuern, die lügen alle.

Wer in der Öffentlichkeit steht, muss auch öffentlich zu seinen Fehlern stehen; ein Fehler bedeutet aber nicht ewige Verdammnis. Von Übel hingegen ist, andere für eigene Fehler verantwortlich zu machen, wie das Schwarzer und auch der ADAC versuchten. Sie sind Öffentlichkeitsprofis, ihr Goldstandard ist die Glaubwürdigkeit. Dadurch erreichte der ADAC hohe Mitgliederzahlen; so erwarb sich Schwarzer ihren Ruf als Idol ausgebeuteter Frauen und als moralische Instanz. Ausgerechnet sie holt aus zum Doppelschlag: Sie deutet ihre Fehler um, redet sie klein, prangert an, wenn Journalisten Missstände aufdecken – und beschädigt so das in sie gesetzte Vertrauen sowie die Reputation von Qualitätsjournalismus.

Erneut tröstet der Blick in die (Skandal-)Forschung: Das Publikum vergisst zwar rasch, aber zugleich sinkt seine Empörung erst bei spürbarer Hoffnung auf Neuausrichtung. Der ADAC entlässt jetzt die Drahtzieher seiner Krise; Alice Schwarzers Zeit dürfte um sein. Sie fielen über sich selbst, aber die Anliegen, für die sie standen, bleiben – wachen Journalisten sei Dank.

Leicht modifizierte Erstveröffentlichung im Tagesspiegel vom 17. Februar 2014

Der Beitrag ist Teil einer Serie – alle 14 Tage präsentieren drei Medienforscher im Tagesspiegel Ergebnisse und Streitfragen ihres Fachs, die das EJO zweitveröffentlicht.

Teil 1: Lauter, bitte!

Bildquelle: geralt / pixabay.com

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