Der Papst und die Medien

20. September 2017 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Ein Interview mit Pater Bernd Hagenkord, Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan, über die öffentliche Wirkung von Papst Franziskus, die katholische Kirche in den Medien und die Umstrukturierung der Vatikanmedien. 

Papst Franziskus ist eine echte mediale „Trumpfkarte“. Das zumindest findet der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Bei den Salzburger Hochschulwochen erinnerte er daran, wie scheinbar mühelos der Papst beim 60. Jubiläum der Römischen Verträge die versammelten internationalen Politiker unter Michelangelos „Jüngstem Gericht“  in der Sixtinischen Kapelle drapierte, wo dann ein aussagekräftiges Pressefoto entstand. Beim Besuch Donald Trumps im Vatikan habe der sonst ständig lächelnde Papst durch seine versteinerte Miene ein optisches Statement gegeben. Tatsächlich ist die öffentliche Wirkung dieses Papstes eine andere als die seiner Vorgänger. Auf Twitter hat er inzwischen 37 Millionen Follower, mehr als US-Präsident Donald Trump und annähernd so viele wie Multimilliardär Bill Gates.

Pater Bernd Hagenkord SJ hat als Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan den Papst zugleich als Arbeitgeber und als tägliches Thema der Berichterstattung. Im Gespräch mit dem EJO erklärt er, was dieser Papst anders macht, warum die katholische Kirche in den Medien so einen schweren Stand hat und wie der Vatikan seine eigenen Medien organisiert.

EJO: Ist Papst Franziskus eine mediale Trumpfkarte?

Bernd Hagenkord: „Jeder Papst ist anders. Johannes Paul war ein großer Medienpapst, aber anders als Franziskus. Er konnte mit einer Umarmung 60.000 Menschen umarmen. Er war im besten Sinne des Wortes ein Schauspieler. Er konnte etwas darstellen. Franziskus ist anders, er ist eher jemand, der die Kleingruppen mag. Die fünf Leute, die  um ihn herum sind, sind die fünf wichtigsten Menschen auf dem Planeten, in dem Augenblick, in dem er sie umarmt. Während sich Johannes Paul seiner Rolle sehr stark bewusst war und sie einsetzen konnte, kümmert sich Franziskus nicht um Effekte, die seine Auftritte haben könnten. Da ist er wirklich in einer Weise uneitel und damit auch authentisch, das ist brilliant.“

Wie unterscheidet ihn das von seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI, dem bayrischen Kardinal Joseph Ratzinger?

B.H.: „Benedikt hatte eine ganz andere Medienpräsenz. Dieser etwas professorale, schüchterne Typ,  der doch an seinem Amt gewachsen ist. Das passte überhaupt nicht zu diesem schüchternen Menschen. Seine Auftritte mit Gold oder roten Schuhen haben manchmal für Dissonanzen gesorgt. Wenn jemand über Entweltlichung spricht, was eine starke Botschaft ist, und zugleich mit Hermelinbesatz herumläuft, ist da ein Widerspruch. Den sieht man, schon bevor man ihn versteht. Diese kognitive Dissonanz hat sich natürlich auch in die Berichterstattung übersetzt.“

Pater Bernd Hagenkord SJ, Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan (Bild: privat)

Papst Franziskus macht immer mal wieder Schlagzeilen durch scheinbar sehr spontane Äußerungen. Ein Beispiel: Die Pressekonferenzen im Flugzeug, wenn er von seinen Auslandsreisen zurückkommt. 2015, auf der Rückreise von den Philippinen, sprach er etwa davon, dass Katholiken sich nicht „wie Karnickel“ vermehren müssten.

B.H.: „Das hat sich so entwickelt. Johannes Paul II hat ganz frei im Flieger mit den Leuten geredet. Bei Benedikt hat es eins, zwei „Textunfälle“ gegeben, wo er ein halb falsches Wort benutzt hat, wie man das eben macht, wenn man live redet, und daraus wurde ein Riesenskandal. Daraufhin hat man festgelegt, dass die Journalisten ihre Fragen einreichen müssen; Lombardi (Anm.: Federico Lombardi SJ, damals Leiter des vatikanischen Presseamtes) stellt sie dem Papst und er beantwortet sie. Jetzt hat Franziskus das wieder geändert: Er beantwortet die Fragen der Presse nach der Reise, auf dem Rückflug. Früher hat man das vorher gemacht, um sozusagen schon einmal die schwierigen Themen aus dem Weg zu räumen. Das ist ein bisschen schwierig, weil es dann natürlich die Berichterstattung dominiert. Und er redet einfach ein bisschen. Ich war noch nie dabei, aber die Leute, die dabei waren, sagen das ist wirklich spontan. Die Journalisten setzen sich vorher in Sprachgruppen zusammen, einigen sich, wer welche Frage stellt, einigen sich auf das Embargo und dann redet der Papst.“

Hat der Papst selbst sich zu seiner Medienstrategie geäußert?

B.H.: „Das tut er regelmäßig. Aber er ist jemand, der sich nicht kontrollieren lässt. Das macht ihn ja auch aus und hat mit seinem Reformansatz zu tun. Er lässt sich die Nähe zu den Leuten nicht nehmen und macht, was seiner Meinung nach gemacht werden muss.

EJO: In den Medien wird Papst Franziskus oft als Revolutionär dargestellt, als ob unter ihm alles anders würde. Ist das eine oberflächliche Darstellung?

B.H.: „Er packt vieles an. Er hat mal gesagt, er sei dazu da, Unruhe zu schaffen und das tut er auch. Das ist auch nötig, zumindest in der europäischen Kirche brauchen wir ein bisschen Unruhe, um aus dieser sehr bürgerlichen Fixierung herauszukommen. Auch die Strukturen im Vatikan können durchaus mal ein bisschen Wackeln vertragen, um zu fragen: dient der Vatikan auf diese Art noch der weltweiten Kirche oder ist er nicht zum Selbstläufer geworden? Müssen wir nicht etwas ändern? Ein Beispiel ist die Medienreform. Die Medien funktionieren heute komplett anders als zu der Zeit, als Radio Vatikan gegründet wurde. Darauf muss man sich auch strukturell einstellen und da ist der Papst derjenige, der den Freiraum schafft, damit das passieren kann. Das schafft natürlich Unruhe und auch ein bisschen Widerspruch. Es ist nicht allen Leuten gleich recht. Aber er schafft Unruhe und damit Raum für Veränderung. Revolutionär? Was mir an dem Wort nicht gefällt ist, dass bei einem Revolutionär alles vom Revolutionär abhängt. Aber die sogenannte Revolution von Papst Franziskus hängt ja nicht von ihm allein ab, sondern von uns. Das Ganze funktioniert nur, wenn wir alle mitmachen.“

Der Vatikan, aber auch die katholische Kirche im Allgemeinen, sind nicht unbedingt für ihre gute Beziehung zu den Medien bekannt. Erst im Jahr 2010 erhielt die katholische Kirche in Deutschland vom Netzwerk Recherche den Negativ-Preis „Verschlossene Auster“. Grund dafür war die Verschlossenheit bei dem Skandal um Bischof Tebartz von Elst und bezüglich der Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen. Warum tut sich die Kirche mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit so schwer? Liegt das an den Hierarchien?

B.H.: „Ja, ich glaube Kirche – egal ob Vatikan, Ortskirche oder Pfarrei – hat vielfach noch den Instinkt, die Kommunikation kontrollieren zu wollen. Die kann man aber nicht mehr kontrollieren. Der Negativpreis ist ja dann auch mit sehr viel Selbstironie entgegen genommen worden, es ist nicht so, als ob wir das ignoriert hätten. Sehen wir uns zum Beispiel mal die Deutsche Bischofskonferenz an: Sie besteht aus 27 Bistümern und die Bischofskonferenz ist keine übergeordnete Ebene. Das heißt, es bedarf immer der Absprache, es müssen 27 Bischöfe koordiniert werden, die sich nicht immer einig sind. Das geht nicht so einfach. Da kann man nicht schon nach 15 Sekunden ein perfektes Statement für Talkshows oder einen Tweet erwarten.”

Hinzu kommt, dass das Vertrauen in die Medien generell sinkt. Der Vatikan hat seine eigenen Medien: Radio Vatikan sendet seit 1931 die „Stimme des Papstes und der Weltkirche“ um den Globus, inzwischen in 41 Sprachen. Daneben gibt es auch die Vatikanzeitung Osservatore Romano und das päpstliche Fernsehzentrum Centro Televisivo Vaticano. Welche Bedeutung haben die Vatikanmedien für die öffentliche Wahrnehmung von Kirche und Papst?

B.H.: „Wir werden schon gelesen. Vor allem die Multiplikatoren – Journalisten, Blogger, Kirchenmenschen – lesen, was wir machen. Wahrscheinlich lesen sie eher, als dass sie hören. Kirchenintern spielt auch der Osservatore Romano eine Rolle. Wir bei Radio Vatikan haben zwar ein kleines Publikum, aber was wir machen wird unter den kirchlich Interessierten schon wahrgenommen. Dass es nicht unwichtig ist, merke ich immer wieder, wenn ich in Deutschland unterwegs bin und viele Leute mich ansprechen, die uns noch Wochen später zitieren können.“

Jetzt stehen in den vatikanischen Medien einige Umstrukturierungen bevor. Radio, Fernsehen und Zeitung sollen unter einer Dachmarke zusammengefasst werden.

B.H.: „Die Frage ist: Wie bringen wir das, worüber wir beichten wollen, zu den Leuten? Dann überlegen wir: Radio ist in Europa nicht mehr das Medium, das die meisten Leute erreicht. Niemand schaltet heute um 16 Uhr das Radio an, um uns zu hören. Entweder wird durchgehört, oder gezielt per Podcast, Streaming, Tuning gehört. Die Leute, die durchhören, hören kein Radio, das alle 15 Minuten die Sprache wechselt. Deshalb müssen wir vielleicht vom Audio mehr zum Podcast hin und überlegen, wie kommen wir ins Netz und auf die Mobiltelefone. Da brauchen wir eine Struktur, die das kann. Es lohnt sich nicht, Fernsehbilder, Standbilder, Radiowebseiten getrennt zu erstellen, sondern alles unter einem Dach. Deshalb koordinieren wir gerade auch die Content-Erstellung.“

Welche Voraussetzungen müssen die Journalisten neben ihrer beruflichen Qualifikation mitbringen?

B.H.: „Sie müssen katholisch sein. Das hilft auch, um zu verstehen, was hier passiert. Man muss wissen, wie eine Messe funktioniert, um darüber berichten zu können und zu merken, wenn sich etwas verändert. Eine Journalistenausbildung gibt es im Vatikan nicht.“

Das Interview führte Johanna Mack

Bildquelle: Alfredo Borba / Wikimedia Commons: Pope Francis in St Peter’s square – Vatican; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

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