Der Rockstar-Finanzminister

9. Januar 2017 • Aktuelle Beiträge, Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Eine Studie untersucht, wie deutsche und französische Medien über den griechischen Finanzminister Varoufakis berichteten, der während seiner Amtszeit von Januar bis Juli 2015 zum Medienphänomen avancierte.

varoufakis1„Der Lügen-Grieche“, „Der Stinkefinger-Schwur“,„Kontroverse um den Mittelfinger“: Mitte März 2015 drehten sich viele Schlagzeilen in Deutschland um die Frage, ob Yanis Varoufakis Deutschland den Mittelfinger entgegen gereckt hat oder nicht.

Auch in Frankreich war Varoufakis in jenen Tagen Thema. Dort wurde eine Homestory aus der Zeitschrift Paris Match diskutiert, für die Varoufakis die Reporter in sein Loft mit Blick auf die Akropolis gebeten hatte.

Varoufakis war zwar nur ein knappes halbes Jahr lang griechischer Finanzminister, von Ende Januar bis Anfang Juli 2015. In dieser kurzen Zeit avancierte der Ökonomie-Professor jedoch zum Medienphänomen, während sich die griechische Staatsschuldenkrise und der Konflikt des Landes mit der Eurozone weiter zuspitzte.

Diese Konzentration der Berichterstattung auf die Person Varoufakis rief Medienkritiker auf den Plan. Die wohl durchschlagendste Form der Kritik brachte der Satiriker Jan Böhmermann mit seiner Persiflage der „Stinkefinger-Debatte“. Andere werteten die Berichterstattung über Varoufakis als ein Anzeichen gestiegener Personalisierung und Boulevardisierung. Diese hätten einen Grad erreicht, der „[…] nur noch mit Dämonisierung zu beschreiben“ sei, urteilte das Online-Portal heise.de am Tag von Varoufakis‘ Rücktritt.

Personalisierung und Boulevardisierung – beides Begriffe, die irgendwie anrüchig klingen und dem Politikjournalismus eine Entfremdung von politischen Inhalten unterstellen. Und beides Begriffe, die auch die Kommunikationswissenschaft beschäftigen.

An dieser Stelle setzte eine an der TU Dortmund entstandene Bachelorarbeit an: Wie personalisiert war die Berichterstattung über Varoufakis wirklich? Wie bewerteten Qualitätsmedien die Persönlichkeit des Politikers? Wegen Varoufakis‘ transnationaler Bedeutung wurde nicht nur die deutsche, sondern auch die französische Berichterstattung über Varoufakis unter die Lupe genommen. Die Frage war also auch, ob sich die Bewertung von Varoufakis in den Medien der beiden Länder unterscheidet.

In die Inhaltsanalyse gelangten schließlich 190 Artikel aus je zwei deutschen und zwei französischen Qualitätstageszeitungen: Le Monde und Le Figaro, Süddeutsche Zeitung (SZ) und Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Alle Artikel erschienen zwischen dem 27. Januar und dem 10. Juli 2015 und nannten Varoufakis mindestens drei Mal.

Das Phänomen der Personalisierung wurde dabei in Anlehnung an ein Forscherteam um den belgischen Politikwissenschaftler Peter Van Aelst in zwei Dimensionen unterteilt: Personalisierung und Privatisierung. Personalisierung heißt, dass sich die Berichterstattung auf einzelne Politiker konzentriert statt auf politische Kollektive wie die Regierung oder Parteien. Das steht aber nicht – wie oft vorgeworfen – automatisch im Widerspruch zu Berichterstattung mit seriösem Inhalt. Politiker werden zwar als Individuen ins Zentrum gerückt, aber eben mit Blick auf ihre öffentliche Rolle und ihre dafür relevanten Eigenschaften charakterisiert und bewertet.

Privatisierung bedeutet dagegen, dass eben diese öffentliche Rolle bei der Berichterstattung über Politiker in den Hintergrund rückt. Stattdessen berichten Medien über apolitische Lebensbereiche. Hier kann sich durchaus ein Widerspruch zu Politikberichterstattung mit substantiellem Inhalt ergeben.

Die Inhaltsanalyse zeigt: Die untersuchten Zeitungen personalisierten in fast einem Viertel der untersuchten Artikel auf Varoufakis. Das mag nach viel klingen. Zum einen aber fand sich Privatisierung in lediglich drei Artikeln. Zum anderen war ein Viertel der Artikel eher sachorientiert und ein weiteres Viertel eindeutig sachorientiert.

Der Blick auf die Akteure der Varoufakis-Berichterstattung zeigt ebenfalls: Das private Umfeld des Ministers spielte trotz potentieller Anreize wie der Homestory in Paris Match eine verschwindend geringe Rolle. Familie oder Freunde des Finanzministers kamen sehr selten in der Berichterstattung vor, lediglich ein einziges Mal war ein Akteur aus dem privaten Umfeld Hauptakteur eines Artikels.

Wenn die Zeitungen auf Varoufakis personalisierten, dann legten sie den Fokus in der Regel auf seine öffentlichen Aufgaben und seine öffentliche Rolle. Insbesondere das als ungewöhnlich empfundene Auftreten des Finanzministers wurde bewertet. In beiden Ländern fanden sich in über der Hälfte der untersuchten Artikel Wertungen über den griechischen Finanzminister, die in den meisten Fällen von den Autoren selbst gefällt wurden.

Alle vier Zeitungen bewerteten den griechischen Finanzminister überwiegend negativ. Sie charakterisierten ihn häufig als nervenden Paradiesvogel, als Eindringling in Brüsseler Routinen, als Minister mit Rockstar-Allüren. Eine positive Bewertungstendenz zeigten nur sehr wenige Artikel. Das gilt auch für die französischen Zeitungen. Die in Deutschland und Frankreich unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Traditionen spiegelten sich in der Bewertung des griechischen Finanzministers kaum wider.

„Les médias raffolent de lui, autant qu’il raffole d’eux”: Die Medien stehen auf Varoufakis genauso sehr wie er auf sie. Dieses Zitat aus Le Monde macht deutlich, dass der griechische Finanzminister von den untersuchten Medien selbst als mediale Schlüsselfigur wahrgenommen wurde. Medienkompetenz jedenfalls wurde dem griechischen Finanzminister bei aller Kritik zugestanden. Selbst die FAZ, die Varoufakis von allen untersuchten Zeitungen am negativsten bewertete, gestand dem Griechen zu, dass es mit ihm immerhin nicht langweilig sei.

Aber war es wirklich „kinderleicht, Varoufakis‘ Glamour-Bilder in Paris Match zu kritisieren oder seinen Mittelfinger“, aber gleichzeitig „unmöglich, eine ernsthafte Diskussion über Griechenlands Forderungen nach deutschen Kriegsreparationen zu führen“, wie der kroatische Philosoph Srećko Horvat der öffentlichen Debatte in einem Gastbeitrag für die SZ vorwarf?

Zumindest mit Blick auf die untersuchten Qualitätszeitungen aus Deutschland und Frankreich lässt sich sagen: Ganz so einfach ist es nicht. Dass Varoufakis personalisiert dargestellt und seine für die Rolle als griechischer Finanzminister relevanten Eigenschaften beschrieben wurde, scheint mit Blick auf seine Bedeutung für das Fortkommen der Verhandlungen zwischen Griechenland und den anderen Euroländern gerechtfertigt. Die öffentliche Persönlichkeit des griechischen Finanzministers ist in einer Situation wie der Eurokrise von transnationalem Interesse. Einmal mehr konnte ein geringes Ausmaß von Privatisierung in der Berichterstattung festgestellt werden. Der These einer zunehmenden Privatisierung in Qualitätsmedien kann hier widersprochen werden.

Ohne Zweifel aber kam Varoufakis den mit der griechischen Staatsschuldenkrise befassten Journalisten gelegen. Seine Persönlichkeit eignete sich bestens dafür, einen komplexen Konflikt zu personifizieren. Der Minister war ein greifbares Symbol, um die festgefahrene Lage der Verhandlungen zwischen Griechenland und der Eurozone zu verdeutlichen – und um die Fassungslosigkeit angesichts immer neuer Forderungen aus Athen zu kanalisieren.

Speck, Dominik (2016): Der Rockstar-Finanzminister. Die Berichterstattung über den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis in deutschen und französischen Qualitätszeitungen. Unveröffentlichte Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

Bildquelle: EU Council Eurozone / Flickr CC: Arrivals; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

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