Die Hyänen sind los

9. Mai 2008 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: St. Galler Tagblatt
 
Rund 1,6 Millionen Franken gäbe es für ein Bild jener Frau, die 24 Jahre lang kein Tageslicht gesehen hat
Für manche ist das «Haus des Horrors» im österreichischen Amstetten zum Ferienziel geworden. Die Adresse kennt man aus den Medien, und nicht nur sie. Die Zeitungen überbieten sich mit Details des Schrecklichen.

24 Jahre haben wir nichts gewusst von ihrem Leiden, nun soll uns nichts entgehen.

Keine Zeit für Gnade
Auf den Bäumen rundum hocken Fotografen, das Gelände ist zugeparkt mit Übertragungswagen, in denen Kameraleute lauern. Ein Fotograf verkleidete sich als Polizist, einer als Arzt, einer als Reinigungskraft, manche verschafften sich über den Keller Zutritt. Die Hyänen haben Blut gerochen: Rund 1,6 Millionen Franken gäbe es offenbar zurzeit für das erste «Live-Bild» der Frau, die seit 24 Jahren kein Tageslicht gesehen hat, von ihrem Vater eingesperrt und unzählige Male vergewaltigt wurde. Jetzt ist keine Zeit für Gnade – weder für Täter noch für Opfer. Alles muss ans Licht und ins Blitzlichtgewitter!

Die Zeitung «Österreich» füllt in einer Ausgabe acht Seiten mit Mutmassungen, Bildern und Berichten, die «Kronen-Zeitung», grösste Zeitung des Landes, schafft nur den halben Umfang. Wir begegnen F. in der Badehose, wir lernen Frau F. kennen und finden unseren eigenen, heimlichen Zweifel als Bildunterschrift neben ihrem Foto wieder: «Will nichts bemerkt haben». Wir blicken allen Kindern ins Gesicht – jenen, die im Verlies lebten, und jenen, die «oben» wohnten und nichts wussten. Jetzt wissen «es» alle. «News» bewahren vor dem Vergessen. Das Boulevardblatt, das «Österreich»-Chef Wolfgang Fellner gegründet und mittlerweile nach Deutschland verkauft hat, illustriert das «Drama einer Frau, die ihrem Vater sieben Kinder gebar», «nur» mit einem Jugendbild der Mutter. Hier springt «Österreich» ein, lässt sie künstlich altern am Computer und heuchelt dann: «So könnte Elisabeth F. aussehen. Absichtlich am PC verfremdet, damit sie nicht erkannt werden kann.»

Wahrheit und Ausländer…
Wie wahr! So weiss jeder genau, mit wem er es wirklich zu tun hat, wenn er diesen Menschen begegnet, und kann sein Mitgefühl mitteilen. Und helfen! «Österreich» rief zu einer grossen Spendenaktion für die Opfer auf, holte Landes-Prominenz ins Boot und poliert – das Image des Blatts, das heisst wie das Land, und das Image des Landes. Dessen Bundeskanzler Gusenbauer kündigt an, man müsse «das Ansehen unseres Landes» wider die Invasion grässlicher ausländischer Berichterstatter über das «Monster von Amstetten» verteidigen: «Wir werden nicht zulassen, dass irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können», zitiert der «Standard». Das fand nun selbst die «Kronen-Zeitung» übertrieben.

Wahrheit und Ethik…
Widerstehen wir Gusenbauers Ablenkungsmanöver Richtung Ausland, entdecken wir, dass im österreichischen Boulevard die Hyänenjagd rund um das Verlies von Amstetten nur ein Kamera-Schwenk war – von Natascha Kampusch auf die F.s. Wenige Tage zuvor veröffentlichte die Gratiszeitung «Heute» Details aus Kampuschs Untersuchungsakten und Arztgesprächen, spekulierte über Sex mit ihrem Peiniger und eine Schwangerschaft… Wahrheit kann nicht unethisch sein, rechtfertigte sich der Redaktor. Man habe nur aufgedeckt, was nicht ermittelt worden sei.

Eigentlich dürfte das nicht sein. Gesetze gibt es. Doch alle Grenzen wurden überschritten. Von fast allen Medien. Auch wer vorsätzlich über Grenzen geht, kommt in Relation zu den erwarteten Auflagegewinnen glimpflich weg: 32 000 Franken sind Höchststrafe für Verlage, die die Rechte von Opfern auf ihre Privatsphäre verletzten.

Hyänen-Journalismus ist immer auf leichte Beute aus. Da helfen keine Worte, nur Taten: Keine Aufmerksamkeit, keine Werbung, Selbstregulierung. Der Boulevard lebt von der Aufmerksamkeit, Themen, die mit Nichtbeachtung «sanktioniert» werden, verschwinden. Ebenfalls ein sensibler Punkt: Werbung. Jeder Werbekunde muss sich fragen, ob er ethisch verantworten kann – vor sich und für sein Produkt –, Anzeigen zu buchen in einem Umfeld, in dem die Menschenwürde kleingeschrieben wird.

Sie winken ab, das sei Gutmenschentum? Das ist wahr. Freie Medien und freie Bürger sind das Rückgrat der Demokratie. Das muss sich vor allem selbst regulieren. Manchmal merkt man erst, was man hatte, wenn es fehlt. Denn anders als in der Schweiz, gibt es in Österreich seit 2002 keinen Presserat mehr: Verleger und Gewerkschaften stritten sich, die «Kronen-Zeitung» weigerte sich sowieso, das Gremium anzuerkennen. Seither wurden mehrere Anläufe zur Neugründung unternommen, bislang weitgehend ohne Erfolg, aber mit Folgen: Im Print wie im Fernsehen tauchen immer öfter schlecht recherchierte oder ethisch zweifelhafte Geschichten auf.

…weitere Wahrheiten
Die Polizei veröffentlichte am Tag nach der Befreiung der Inzestopfer den Namen des Täters. Das machte es fast unmöglich, die Opfer zu schützen. Für manche ist das «Haus des Horrors» ein Ferienziel geworden: Sie wollen sich live vorstellen, wie es wirklich war, fahren extra ab von der Autobahn, hin zu dem grauen Gebäude. Weiss ja jeder, welche Strasse das ist – aus den Medien…

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