Die Kröte

4. Dezember 2017 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik, Redaktion & Ökonomie • von

Wer eine Kröte schluckt, hat nur dann ein Problem, wenn er die Kröte nie mehr ausspucken kann.

Wenn es um Subventionen geht, dann muss man nach Bünden. Beginnen wir also mit dem Medienhaus Somedia in Chur. Somedia bekommt 6,7 Millionen Franken Gebührengelder im Jahr. Es bekommt sie für seine Regionalsender Radio Südostschweiz und TV Südostschweiz. Ohne die 6,7 Millionen wären die beiden Sender in der Krise, weil die ertragsschwache Somedia nur 4 Millionen Franken Jahresgewinn zustande bringt. „63 Leute würden ihre Stelle verlieren“, sagt Somedia-CEO Andrea Masüger.

Somedia ist ein gutes Beispiel, wie private Verlagshäuser von den Gebührengeldern abhängig sind.*

Die NZZ-Gruppe etwa bekommt aus dem Gebührentopf 5,9 Millionen für ihre TV-Kanäle Tele 1 in der Innerschweiz und TVO in der Ostschweiz. Die AZ Medien aus Aarau bekommen 5,8 Millionen Gebührenanteil für ihre TV-Sender Tele Bärn und Tele M1.

Insgesamt werden jährlich 67,5 Millionen Franken Gebührengelder an private Radio- und TV-Betreiber ausgeschüttet. Es sind dies, man darf das ohne Polemik sagen, reine Bestechungsgelder.

Die Bestechungsgelder, wie man nun sieht, sind gut investiert. Kein einziges privates Medienhaus wird die „No Billag“-Initiative unterstützen. Die Verleger lassen es dabei bewenden, angesichts der aggressiven Strategie der SRG im Unterhaltungs-, Werbe- und Online-Markt nur ein bisschen den Zeigefinger zu heben.

Die SRG hat schon vor Jahren die privaten Verlage als Spezis an Bord geholt. Die Strategie entwickelte der damalige Medienminister Moritz Leuenberger. Er wusste als Zyniker, dass die privaten Verlage nur schwerlich mit Argumenten von der SRG zu überzeugen sind, aber umso leichter mit Geld.

Das einzige Medienhaus, das nicht finanziell profitiert, ist der Tamedia-Konzern. Tamedia betreibt keine Radio- und TV-Stationen und wird darum nicht aus Gebührengeldern subventioniert. Doch nun will es die glückliche Fügung, dass Tamedia-Präsident Pietro Supino gleichzeitig auch Chef des Verlegerverbandes ist. Er kann in dieser Rolle nicht gegen die SRG antreten und etwa die „No Billag“-Initiative unterstützen. Bei seinen Verbandsmitgliedern, die jährlich ihre 67,5 Millionen Gebührenanteil abholen, würde er sich unmöglich machen.

Noch enger verkettet mit der SRG ist Ringier Schweiz. Ringier betreibt gemeinsam mit der SRG und dem Drittpartner Swisscom die Werbeplattform Admeira. Weit über die Hälfte der digitalen und der Print-Erlöse kommt von Admeira, das Konstrukt ist überlebenswichtig. Ringier legt darum eine gewaltige Kampagne hin. Im letzten Monat erschienen in der Blick-Gruppe über einhundert Pro-SRG-Artikel.

Somedia aus Chur wird sich ähnlich ins Zeug legen, auch Tamedia und die NZZ-Gruppe werden die SRG nicht im Stich lassen.

Der einzige Verleger, der etwas seitab steht, ist der Aargauer Peter Wanner. „Als Liberaler“, sagt er, „habe ich Sympathien für die No Billag-Initiative.“ Die 5,8 Millionen, die seine AZ-Medien für ihre zwei TV-Sender bekommt, seien für sein Haus „nicht existenziell“.

Vor fünfzehn Jahren haben die Verleger eine Kröte geschluckt. Sie akzeptierten staatliche Gebührengelder für ihr privates TV und Radio. Erst waren es vierzig Millionen im Jahr, bald werden es achtzig Millionen sein. Sie werden die Kröte nicht mehr los.

Ersonnen hat das Konstrukt der damalige Medienminister Moritz Leuenberger im Jahr 2002. Taktiker Leuenberger sah voraus, dass die SRG irgendwann unter Druck kommen und Verbündete brauchen würde. Leuenberger ging darum den einfachsten Weg. Er kaufte die Verbündeten.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 23. November 2017

Bildquelle: pixaybay.com

Zum Thema auf EJO:

Ende des Gebühren-Rundfunks in der Schweiz?

No-Billag-Initiative: Worum es geht

Anmerkung der EJO-Redaktion vom 8. Dezember 2017: In einer früheren Version hieß es, dass es die SRG ist, die Gelder an private Radio- und TV-Betreiber ausschüttet. Diesen Fehler haben wir heute in Absprache mit dem Autor korrigiert.

 

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