Die neuen Vertreter der vierten Gewalt

11. September 2013 • Qualität & Ethik • von

Blogger und Aktivisten machen den Medien ihre traditionelle Aufgabe als vierte Gewalt streitig. Es scheint fast, als ob sich die angelsächsischen Zeitungen ob dieser Tatsache in den Schmollwinkel verkrochen hätten.

„I personally feel that this is shabby journalism by the Washington Post“: So verunglimpfte Nixon-Sprecher Ron Ziegler in seiner Morgenpressekonferenz vom 25. Oktober 1972 die Arbeit der Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein. Die beiden hatten investigativ zur Watergate-Affäre recherchiert; in der betreffenden Geschichte fanden sich tatsächlich ein paar faktische Fehler, doch bohrten „Woodstein“ in die richtige Richtung.

Beim kürzlichen Wiedersehen der Watergate-Verfilmung All the President’s Men (1976) erinnert man sich und stutzt: Da ist also ein Whistleblower, eigentlich oder vormals Teil des Systems, der das unethische Handeln seiner Vorgesetzten zu verachten gelernt hat. Er gibt aufklärerische – das System würde sagen: „verräterische“ – Informationen an ein so genanntes Publikumsmedium weiter. Dieses deckt die Missstände auf und alles wird gut (oder auch nicht).

Lassen sich da nicht Parallelen zum Jetzt ziehen? Verhält sich nicht der Watergate-Informant „Deep Throat“, benannt nach einem damals populären Pornofilm, zu Woodward und zur Washington Post wie Edward Snowden zu Glen Greenwald und zum Guardian, wie Bradley/Chelsea Manning zu Julian Assange und Wikileaks?

Jeff Jarvis fragte sich vor kurzem, warum die traditionellen angelsächsischen Medien so stur zur NSA-Affäre schweigen. David Carr hatte kürzlich in der Online-Ausgabe der New York Times eine Antwort darauf: weil sie neidisch sind. Denn während die traditionellen Medien sich häufig als „Vierte Gewalt“ bezeichnen, würden die Herren Greenwald und Assange eine „Fünfte Gewalt“ darstellen, die sich aus Enthüllern, Aktivisten, Bloggern zusammensetzt. Hätten Time, CNN oder die New York Times die jüngsten Recherchen angeführt, würden in den dortigen Redaktionen bereits Regale montiert, für all die zu erwartenden Auszeichnungen.

Die Pulitzer-Preisträger Woodward und Bernstein werden noch heute in der US-Journalistenszene als Nationalheilige betrachtet. Die Kategorie aber, die sie repräsentieren, muss neu gedacht werden; auch Greenwald und Assange gehören ganz natürlich zur Vierten Gewalt. Sie sind ihre neuen Vertreter. Und sie sind umso nötiger, je stärker traditionelle Kritiker sich institutionalisieren (lassen), je näher diese dem Establishment rücken.

Erstveröffentlichung: Website Medienhaus Wien vom 30. August 2013

Bildquelle: Steve Rhodes / Flickr

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