Die Qual vor der Wahl

14. September 2017 • Qualität & Ethik • von

Das Umfrage-Dilemma: Ergebnisse eines datenjournalistischen Seminars zum Thema Wahlprognosen.

„Falsche“ Vorhersagen von Meinungsforschungsinstituten haben nach Brexit, Trump und den AfD-Erfolgen bei Landtagswahlen im vorigen Jahr zum allgemeinen Eindruck einer Erosion von Gewissheiten beigetragen. Allerorts fragten sich Journalisten, wie sie nur so überrascht werden, wie sie nur so falsch liegen konnten. Die demoskopischen Institute, die nach den Wahlen in die Kritik geraten waren, verwiesen indes darauf, dass die Überraschung über die Wahlgewinner nur halb so groß gewesen wäre, wenn die Journalisten häufiger die von den Meinungsforschern angegebenen Fehlertoleranzen erwähnt hätten.

Studierende der TU Dortmund haben jetzt untersucht, wie deutsche Printmedien mit Wahlumfragen umgehen. Sie haben sich gefragt: Wird Unsicherheit dort kommuniziert? Und wenn ja, wie? Und wird überhaupt die Quelle der Umfrage genannt? Dafür haben sie fast 800 Artikel zu den NRW-Landtagswahlen 2012 und 2017 analysiert, sowohl aus überregionalen als auch Lokalzeitungen. Das Ergebnis ist relativ ernüchternd und bestätigt damit ältere Studien zu spärlichen Publikationsstandards (Holtz-Bacha 2012, Brettschneider 2000, Raupp 2007).

Quelle: Kira Schacht, Moritz Zajonz und Julian Beimdiecke

Die Fehleinschätzungen allein mit statistischen Unsicherheiten zu begründen, wäre allerdings unzureichend: Tatsächlich ist das Geschäft mit der Zukunft heute komplizierter denn je. Das beginnt schon bei Banalitäten wie dem Kontakt zum Befragten: Führt man Online-Befragungen durch, ist es schwerer, Ältere zu erreichen, bei Telefon-Interviews, die über Festnetzanschlüsse durchgeführt werden, ist es andersherum. Wie volatil Umfragen aus diesen und anderen Gründen sind, zeigt eine datenjournalistische Analyse demoskopischer Daten der Institute Infratest dimap, Allensbach, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen oder Emnid im Vorfeld der vergangenen Bundestagswahlen.

Jeder Punkt ist ein Umfragewert aus den Wahlprognosen der Institute Infratest dimap, Allensbach, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen oder Emnid. Die durchgezogenen Linien geben die tatsächlichen Stimmenanteile an. Quelle: Stella Braun & Marie-Louise Timcke

Eine radikale Lösung des Dilemmas wäre es, Wahlprognosen gänzlich aus dem medialen Diskurs zu verbannen, wie es der Statistiker Gerd Bosbach vor Kurzem forderte: „Der Fetisch der scheinbar objektiven, letztlich unpolitischen Zahlen“ schade der Demokratie. Auch Stefan Niggemeier warnte nach der US-Wahl davor, dass die tatsächlichen politischen Inhalte hinter dem Kopf-an-Kopf-Narrativ zu verschwinden drohten. Seminarteilnehmerin Anne Palka ging der Frage nach, ob es nicht auch einen Mittelweg geben könne – einen richtigen Weg, als Journalist über Umfragen zu schreiben. Sie fand dabei Leitfäden zur Berichterstattung, zum Beispiel im Deutschen Pressekodex oder bei der World Association for Public Opinion Research. In einer Inhaltsanalyse untersuchte Palka, ob diese Grundsätze in der Berichterstattung derzeit überhaupt eine Rolle spielen.

„Richtig“ über Umfragen zu schreiben ist nicht trivial und erfordert ein Grundverständnis statistischer Zusammenhänge. Heutzutage sehen sich Journalisten zudem mit immer neuen Arten von Meinungsumfragen konfrontiert: Alternative demoskopische Ansätze, die vorgeben, aus den Big Data des Netzes tiefere Wahrheiten schöpfen zu können, haben nach Brexit und Trump Konjunktur. Die Teilnehmer des datenjournalistischen Seminars haben in einem datenjournalistischen Werkstattbericht das Potenzial und die Fallstricke dieser neuen Ansätze am Beispiel von Google Trends ausgelotet.

Die Beiträge sind im Rahmen eines datenjournalistischen Seminars an der TU Dortmund entstanden und sind unter http://wipojo.ifj.tu-dortmund.de/jouri/qualvorderwahl/ abrufbar. Angeleitet wurde das Seminar von wissenschaftlichen Mitarbeitern des Instituts für Journalistik (Karin Boczek, Gerret von Nordheim) und der Fakultät Statistik (Lars Koppers). 

 

Literatur:

Brettschneider, F. (2000). Demoskopie im Wahlkampf – Leitstern oder Irrlicht? In M. Klein, W. Jagodzinski, E. Mochmann, & D. Ohr (Hrsg.), 50 Jahre empirische Wahlforschung in Deutschland (S. 477–505). Opladen: Westdeutscher.

Holtz-Bacha, C. (2012). Opinion polls and the media in Germany: A productive but critical relationship. In C. Holtz-Bacha & J. Strömbäck (Hrsg.), Opinion polls and the media: Reflecting and shaping public opinion (S. 93–112). Houndmills: Palgrave Macmillan.

Raupp, J. (2007). Politische Meinungsforschung: Die Verwendung von Umfragen in der politischen Kommunikation. Konstanz: UVK.

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