Dringend nötig: Mehr gute Nachrichten

9. Juli 2015 • Qualität & Ethik, Redaktion & Ökonomie • von

Das alte Sprichwort „If it bleeds, it leads“ wird immer noch von vielen großen Nachrichtenagenturen mit Geschichten über Kriege, Krankheiten und Skandale verfolgt. Doch das Publikum lechzt nach positiven Nachrichten, so Charlie Beckett, ein ehemaliger BBC-Nachrichtenredakteur und nun Professor für Medien und Kommunikation an der London School of Economics.

Gute Nachrichten sind nicht immer flauschig

Gute Nachrichten sind nicht immer flauschig

“Durch das Wiederholen von Geschichten über Kriege, Morde, Krankheiten und Skandale wird die Welt als ein dunklerer Ort dargestellt als er tatsächlich ist”, sagt Beckett in der Radiodokumentation „Good News Is No News”. Oft herrsche ein unbewusstes Gefühl, dass etwas keine Nachrichtenrelevanz habe, es sei denn, es gehe um Zerrüttendes und Gewalt.

„In Wirklichkeit war die Menschheit noch nie gesünder, wohlhabender und friedlicher”, sagt Beckett: „Die Nachrichten sagen, sie zeigen die Welt, wie sie wirklich ist, aber es fühlt sich an wie ein Albtraum, ein negatives Bild des wirklichen Lebens.”

Becketts Dokumentation wurde im selben Monat gesendet, in dem die Huffington Post Gründerin, Arianna Huffington die HuffPost Good News gestartet hat – eine Plattform, die sich Nachrichten mit einem positiven Dreh widmet. Ähnlich wie The Good News NetworkPositive News und sunnyskyz.com.

Zeigen „gute Nachrichten“ dem Publikum differenziertere Perspektiven auf?

Wenn Menschen immer Gewalt und Kriminalität in den Medien konsumieren, schalten sie ab und stumpfen ab oder bekommen das deprimierende Gefühl, dass sie nicht in der Lage sind, etwas an dem Grauen zu ändern, so die Auffassung Becketts.

Egal, ob sie schlechte Nachrichten aus freien Stücken oder krankhaftem Zwang rezipieren: Medienkonsumenten werden täglich mit Berichten über Ereignisse, wie Malaysia Airlines, Charlie Hebdo oder Boko Haram bombardiert. Konnten sich die Menschen früher noch an die genaue Situation erinnern, in der sie von einer Tragödie hörten, gibt es heute zu viele um sie aufzuzählen.

Zwar ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß, was in der Welt um sie herum passiert, doch ist die Darstellung oft unausgewogen. In einigen Teilen der Welt, wie Westafrika, lassen negativen Nachrichten die positiven klein erscheinen. Die Berichterstattung über den Ebola-Virus hat Geschichten vom Unternehmertum und der aufstrebenden Mittelschicht überschattet, sagt Beckett.

Nachrichten sind aus einem bestimmten Grund Nachrichten

Derzeit reflektierten die Nachricht einfach eine düstere Welt, so Tony Gallagher, stellvertretender Chefredakteur der Daily Mail. Nachrichten seien von Natur aus ungewöhnlich oder folgenschwer. „Wir stehen im Wettbewerb um die Zeit und Aufmerksamkeit der Menschen und die Realität ist, dass sich schlechte Nachrichten verkaufen“, sagt er.

Obwohl die Kriminalitätsrate abnimmt, sei es nicht möglich, dies durch das Lesen einer Zeitung zu erkennen, räumt Gallagher ein. The Daily Mail berichte immer noch über die gleiche Anzahl von Verbrechen und Mordprozesse. Das bedeute: Es besteht die „Gefahr”, dass die Zeitungen nicht reflektieren, was wirklich in der Welt passiert.

Doch wenn die Leser mit positiven Nachrichten überschwemmt würden, könnte ihnen das das Gefühl vermitteln, in einer „langweiligen Welt“ zu leben – nicht in einer Szene aus einem Krimi.

„Die Nachrichten sind hart, düster und spannend. Die Leser wollen von dem, was sie lesen, überrascht sein“, sagt Gallagher.

Gute Nachrichten sind nicht immer „flauschig“

Einige Leute setzten gute Nachrichten immer noch mit Soft-News gleich – wie Bilder von niedlichen Kätzchen oder Pressemitteilungen, in denen die Realität wie ein blumiges Gedicht aussieht. Beckett verwies auf Martyn Lewis, einen ehemaligen BBC-Redakteur. In den frühen 1990er Jahren wurde Lewis von seinen Kollegen verrissen, als er sich für mehr positive Nachrichten einsetzte – obwohl eine ausgewogene und nicht verwässerte Berichterstattung seine Absicht war.

Die Huffington Post hat vor kurzem eine „Gute-Nachrichten-Rubrik“ eingeführt um positive Geschichten zu erzählen – mit der gleichen Sorgfalt wie negative Nachrichten. Schlagzeilen lauten jetzt dort „Alleinerziehenden Mutter von vier Kindern gewinnt $180 bei Lotterie“ oder „Obdachlos und verliebt.“

„Die Geschichten über Hunde und Kätzchen sind einfach zu produzierende Geschichten. Es ist wirklich an der Zeit für die Wahrheit.”, sagt Arianna Huffington. „Wenn wir positive Geschichten nicht mit der gleichen Unerbittlichkeit und den gleichen Ressourcen abdecken, wie die negativen Geschichten, dann geben wir dem Leser einen sehr verbitterte Sicht der menschlichen Natur.“

Mehr gründlich recherchierte und positive Nachrichten

Nachrichten werden mehr und mehr durch soziale Medien geteilt – bei der Huffington Post werden die positiven Geschichten drei Mal mehr als die negativen geteilt.

Die Frage, die sich Journalisten stellen sollten, ist: Wie kann man positive Nachrichten machen, die immer noch sorgfältig recherchiert und wahr sind.

Positive News, eine UK-Website, gibt es seit 10 Jahre. Sie veranstaltet Workshops für Journalisten. Wie andere Nachrichtenredaktionen will sie zeigen, was wirklich passiert in der Welt, aber mit einem optimistischen Dreh. Die Seite ist voll mit Titeln wie „Einkommensschwache Kroaten machen Neuanfang ohne Schulden“ und „Komatrink-Rate bei jungen Briten sinkt weiter.“

Gute Nachrichten, schließt Beckett, sollten nicht gleichgesetzt werden mit weniger kritischem oder unabhängigem Journalismus. Vielmehr sollte es eine genauere, lösungsorientierte Darstellung der Gesellschaft und mehr Auswahl für die Nachrichtenkonsumenten bedeuten.

Erstveröffentlichung: EJO Englisch vom 18. Februar 2015

Übersetzung: Anna Carina Zappe

 

Bildquelle: Ryan Forsythe/flickr.com

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