Düstere Zukunft oder Chance zum Neuanfang?

5. Mai 2014 • Qualität & Ethik • von

Zunehmende Verquickung von Politik, Wirtschaft und Journalismus. Mangelnde Professionalität im Journalismus. Wildwuchs im Fernsehmarkt. Fehlende Perspektiven für junge Journalisten. In seinem „Schwarzbuch des Journalismus“ („Libro negro del periodismo en España“) analysiert der Medienwissenschaftler Bernardo Dìas Nosty die grundlegenden Probleme des spanischen Mediensystems und kommt zu dem Schluss: Die Wirtschaftskrise hat sie zwar nicht verursacht, aber besonders sichtbar gemacht.

Zu dieser Erkenntnis gelangten auch Studierende des Instituts für Journalistik an der TU Dortmund in einem Seminar, das die Auswirkungen der Wirtschafskrise auf den Journalismus in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland zum Thema hatte. Sie gingen der Frage nach, ob die Wirtschaftskrise dem Journalismus in den vier Ländern tatsächlich eine düstere Zukunft beschert oder auch Chancen für einen Neuanfang bietet.

Die Ergebnisse der Schreibtischrecherchen sahen zunächst nach düsterer Zukunft aus. Doch eine dreitägige Exkursion nach Barcelona bot auch andere Perspektiven, die die angehenden Journalisten hier in ihren Beiträgen präsentieren.

Entwicklungen im Journalismus seit 2008 am Beispiel des öffentlichen Rundfunks

Die in Folge der Wirtschaftskrise verabschiedeten Sparprogramme in den südeuropäischen Ländern haben vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk direkte Auswirkungen: In Spanien und Griechenland wurden Sender bereits geschlossen, der portugiesische Staatsrundfunk muss Budgetkürzungen von 30 Prozent verkraften und überall wird über die Privatisierung einzelner Sender diskutiert. Der Staat konnte in der Vergangenheit auf unterschiedliche Weise in allen vier Ländern Einfluss auf die Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nehmen (z.B. über das Budget, Personalentscheidungen oder Regulierungsmaßnahmen). Um diesen Einfluss auch in finanziell schwierigen Zeiten zu wahren, greifen die Regierungen zu unterschiedlichen Mitteln.

Für die Neustrukturierung des Staatsrundfunks hat sich die griechische Regierung schon in Stellung gebracht. Der Aufsichtsrat für den neu zu etablierenden Nachfolgesender wird von der Regierung bestellt. Dieser soll später über das Redaktionsgremium entscheiden und damit über die wichtigsten personellen Besetzungen.

Die spanische Regierung unter Rajoy in Spanien versucht mithilfe von Personalpolitik, Einfluss auf journalistische Inhalte zu nehmen. Dies unterstreicht etwa die Ernennung eines regierungsnahen RTVE-Präsidenten, der sogleich einigen prominenten, regierungskritischen Journalisten und Moderatoren kündigte.

In Portugal stoppte im Dezember 2012 die Rundfunkleitung das Radiomagazin „Este Tempo“ auf Antenna 1, nachdem Journalisten die Angola-Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Propaganda für die angolanische Regierung kritisiert hatten. Hintergrund dieser Entscheidung ist, dass die portugiesische Wirtschaft von Exporten und Handelsbeziehungen in die ehemalige Kolonie profitiert. Zugleich versucht die angolanische Regierung schon seit einigen Jahren, über positive Medienberichterstattung in Portugal ihr Schurkenimage abzulegen.

Konkrete Auswirkung der Krise in Spanien

Solche Entwicklungen führen unweigerlich zu der Frage, was die Wirtschaftskrise für die Unabhängigkeit von Medienunternehmen und Journalisten bedeutet. Katja Vossenberg, Amanda Cabezas und Margot Delevaux haben am spanischen Beispiel Antworten gesucht. Einen besonderen Fall stellt in diesem Kontext die Medienlandschaft Kataloniens dar. Während in anderen Landesteilen Spaniens staatliche Regionalsender geschlossen werden (Valencia) oder kurz vor der Schließung stehen (Madrid), erfreut sich der katalanische Fernsehsender TV3 relativ stabiler Verhältnisse. Dies liegt unter anderem auch daran, dass die Regionalregierung in Barcelona den Sender sowie alle Medien, die auf Katalonisch berichten, subventioniert.

In der derzeitigen Lage, in der ein breites politisches Bündnis nach mehr regionaler Autonomie strebt, verweist auch hier die starke Rolle des Staates auf mögliche Interessenskonflikte für die Berichterstattung. Lara Eckstein hat sich dieser Konstellation angenommen und die Rolle der Medien für die katalonischen Autonomiebestrebungen näher betrachtet.

Neben den Sparzwängen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat die Wirtschaftkrise auch direkte Folgen für die Beschäftigten in der Medienbranche. Die Arbeitslosigkeit steigt vor allem unter Berufsanfängern und jungen Journalisten. Die Arbeitsbedingungen für diejenigen, die eine Arbeit haben, verschlechtern sich. Cathérine Wenk und Julia Weiß haben deshalb erkundet, welche Perspektiven der Journalismus jungen Journalisten in Spanien noch bietet.

Dabei ist auch die Journalistenausbildung gefordert, wie Ann-Kristin Herbst und Pierre Pauma in ihrem Beitrag zur „lost generation“ bemerken. Wie reagieren Ausbilder auf die verschärfte wirtschaftliche Situation? Helfen sie bei der Suche nach ökonomisch und inhaltlich innovativen Journalismuskonzepten?

Schwerer zu fassen sind langfristige Auswirkungen auf Berichterstattungsmuster zum Beispiel in der Auslands- und Wirtschaftsberichterstattung. Schon heute greifen viele Journalisten in Griechenland, Spanien und Portugal auf ausländische Medien zurück, wenn sie über die wirtschaftliche Lage in ihrem Land berichten. Die katalanische Zeitung ARA etwa kooperiert mit amerikanischen Zeitungen, deren Artikel sie regelmäßig in übersetzter Form druckt. Inhaltliche Beschränkungen wie sie in Griechenland in Form eines Gesetzes bestehen, verschärfen diese Entwicklung: Die Berichterstattung über die Folgen der Wirtschaftskrise in Griechenland darf seit 2012 nicht mehr in personifizierter Form erfolgen. Möglicherweise zeigt sich die Wirtschaftskrise langfristig auch in einer veränderten Berichterstattung über die EU, die die Sparkurse in den Ländern stark beeinflusst. Da Deutschland als wichtiger Kredit- und Geldgeber eine besondere Rolle spielt, könnte auch das Bild Deutschlands in der Berichterstattung eine Veränderung erfahren, wie Michael Jochimsen herausgefunden hat.

Bildquelle: Arguez / Flickr CC

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