Erwiderung zu Uwe Krügers Replik auf meine Rezension

18. Dezember 2014 • Qualität & Ethik • von

Uwe Krüger hat auf meine Rezension seiner Dissertation im „Medium Magazin“ (11/2014) auf EJO reagiert. Auf diese Replik bezieht sich die folgende Erwiderung. Zunächst befasse ich mich mit der Frage, was der Autor über das Einflussverhältnis zwischen Elite und Journalismus in der Arbeit behauptet und welche Aussagekraft die vorgelegten empirischen Befunde besitzen. Anschließend gehe ich detailliert auf die drei empirischen Teilstudien ein. Ich verwende Kapitelverweise, Seitenbelege und Zitate, um meine Urteile leicht überprüfbar zu machen.

Nur „Nähe“ oder auch „Vereinnahmung“?

Krüger stellt in seiner Replik fest, sich einer Aussage über die Einflussrichtung in seiner Dissertation enthalten zu haben: „Nähe setze ich an keiner Stelle mit Verein­nahmung gleich.“ Das soll heißen: Er will nicht behauptet haben, dass soziale Nähe und inhaltliche Übereinstimmung zwischen der Elite (ich übernehme hier von Krüger der Einfachheit halber die pauschale, eigentlich unzulässige Rede von der „Elite“) und den Journalisten auf einen Einfluss der Elite auf die Journalisten zurückzuführen ist.

Gegen diese Lesart seiner Dissertation sprechen folgende Punkte:

(1) Einseitiger Theorierahmen ohne alternative Ansätze: Nähert man sich der Frage sine ira et studio, so kann man logisch mehrere Möglichkeiten unterscheiden (An­sätze im Überblick bei Schulz 2011: 48-54): Eine Einflussbeziehung zwischen Jour­nalismus und Eliten kann (überwiegend) einseitig in der Richtung von der Elite zum Journalismus oder umgekehrt vom Journalismus zur Elite bestehen, sie kann (relativ) aus­ge­glichen oder nicht vorhanden sein. Neben solchen konstanten Ein­flussbezie­hungen kann das Verhältnis aber auch variabel sein, und zwar in Abhängigkeit be­stimmter Randbedingungen wie z.B. von den jeweils be­tei­ligten Akteuren und den zwischen ihnen bestehenden Konstellationen oder den behandelten Themen. Wel­ches Verhältnis tatsächlich besteht, ist eine nur empirisch beantwortbare Frage.

In der Aufarbeitung des Forschungsstands (Kap. 3.1-3.5) werden vier Ansätze re­feriert, die alle wesentlich nur eine Einflussrichtung unterstellen, nämlich einen Ein­fluss der Elite auf den Journalismus (Indexing, Propaganda, Guard Dog, soziale Kontrolle). Es fehlen dagegen wichtige Ansätze, in denen Belege für die umgekehrte Richtung gefunden wurden: Vertreter der „Mainzer Schule“ sind z.B. der Auffassung, dass sich der Journalismus als „Gegenelite zu den Machtgruppen in Politik, Ver­wal­tung und Wirtschaft“ (Kepplinger 1979: 25; H.i.O.) versteht und ver­sucht, Eliten und Be­völ­kerung nach seinen Interessen zu beeinflussen. Die seit einigen Jahren breit vertretene These der Medialisierung besagt, dass sich Eliten an­derer Teilsysteme, so auch der Politik, der Logik der Medien anpassen müssen, was im Extrem zu einem „Machtverlust“ (Reinemann 2010: 289) führt (sehr deutlich: Meyer 2001). Die diffe­renzierende Vorstellung einer wechselseitigen Interaktion, Abhän­gig­keit und Be­ein­flussung (z.B. Jarren/Röttger 1999), die variieren können, wird als „funk­tionale“ Sicht ohne triftige Begründung verworfen (Seite 47; ebenfalls erwähnt, aber nicht auf­ge­griffen: 62).

Im Theorieteil wird das Verhältnis zwischen Journalismus und Elite also als einseitige Ein­flussbeziehung bestimmt. Alternative Sichtweisen werden nicht oder nicht ernst­haft erwogen.

(2) Einseitig interpretierte Wirkungsmechanismen: Zusätzlich werden zwei konkrete Erklärungen dafür geliefert, weshalb eine einseitige Einflussbeziehung von der Elite zum Journalismus bestehen soll. Sie wurden selbst in der Studie nicht empirisch ge­prüft, sollen aber eine Kausalität plausibel machen. Zum einen hätten Journalisten das Bestreben, soziales Kapital zu erwerben, um u.a. an Informationen zu gelangen. Das mache ihre Beeinflussung wahrscheinlich (Kap. 4.2). Zum anderen wird be­hauptet, dass Journalisten dem Konformitätsdruck ihrer Bezugsgruppe nachgeben, womit die Elite aus Politik und Wirtschaft gemeint ist (Kap. 4.3). Dies wird als „Schweigespiraleffekte“ (92) bezeichnet, obwohl damit das Gegenteil dessen gemeint ist, was die Theorie der Schweigespirale eigentlich besagt (sie geht vom Konformi­tätsdruck der in den Massenmedien publizierten Meinungen aus). Beide Mechanis­men werden postuliert; nur für die angeblichen „Schwei­ge­spiraleffekte“ wird auf eine einzige empirische Studie verwiesen, die ihn im Fall des Journalismus belegen soll (95f.).

Auch hier wird die umgekehrte Beeinflussungsrichtung nicht in Erwägung gezogen, obwohl sie plausibel ist: Politiker haben ein großes Interesse an Beziehungen zu Journalisten, um Aufmerksamkeit und Zustimmung in den Medien zu gewinnen. Dies eröffnet Journalisten Einflusschancen. Und ebenso müssten auch Politiker unter Konfor­mi­täts­druck ihrer Bezugsgruppe stehen, wenn sie sich mit Journalisten umge­ben. Auch diese alternative Sichtweise wird nicht in Erwägung gezogen. Es gilt also auch hier: Objekt der Einflussnahme sind stets die Journalisten – über Ein­fluss ver­fügt stets die Elite.

Diese einseitig gerichtete Einflussbeziehung wird auch im Fazit des Theorieteils (Kap. 3.7) zum Ausdruck gebracht. Exemplarisch zitiere ich daraus eine längere Passage:

„Durch seine publizistische Machtstellung ist das Führungspersonal zum einen Adressat von Einflussversuchen (Wünschen, Kritik) von Elitemitgliedern (die auch Werbekunden, Rezipienten oder Quellen sein können), denen es sich nicht voll­ständig verschließen kann, da es die Prosperität und Akzeptanz seines Mediums schützen muss; andererseits ist ihm an Insiderwissen und Orientierung über die Vorgänge in den Zentren politischer und wirtschaftlicher Macht gelegen, um seine journalistischen Aufgaben besser erfüllen zu können. Je enger nun lei­tende Redakteure im Elitenmilieu vernetzt sind, desto mehr Sozialkapital können sie unter Eliten anhäufen und desto mehr Informationen können sie aus dem Milieu erlangen; desto größer ist aber auch die Gefahr, dass sie bestimmte Sicht­weisen, Argumente und Konsense in der Elite übernehmen und aus Rücksicht bestimmte Informationen und Argumente ignorieren oder ver­schwei­gen. Je stärker also die horizontale Elitenintegration der leitenden Jour­na­listen und je höher ihr damit verbundenes Sozialkapital in der Elite (das re­zi­prok auf sie zu­rückwirken kann), desto höher dürfte die Konformität des jour­na­listischen Outputs mit dem Eliten­diskurs und die Gefahr von Schwei­gespiraleffekten sein.“ (86)

Hätten andere Ansätze berücksichtigt werden müssen? Ja, denn im empirischen Teil wird der Einfluss gar nicht untersucht. Die dort gewonnenen Erkenntnisse, die auf eine Nähe und Übereinstimmung zwischen Elite und Journalismus hindeuten, wer­den aber auf Basis der theoretischen Vorüberlegungen als Einflussverhältnis inter­pretiert – und zwar ausschließlich in eine Richtung. Die Kommunikations­wis­senschaft hat sich von der Vorstellung solcher einseitiger, monokausaler Wirkungs­be­ziehungen längst verabschiedet, auch z.B. in der PR-Forschung, in der nicht mehr von einem einseitigen Determinationsverhältnis von der PR in Richtung Journalismus ausge­gangen wird, sondern mit dem differenzierenden Intereffikationsmodell (z.B. Ben­tele/Nothhaft 2004) gearbeitet wird.

(3) Behauptung einer einseitigen Beeinflussungsrichtung von den Eliten zum Journa­lismus im empirischen Teil: Die Arbeit enthält durchaus eine Reihe von Aussagen, in denen verneint wird, dass mit den vorgelegten empirischen Ergebnissen ein Einfluss der Elite auf Journalisten kausal nachgewiesen werden kann (22, 145, 151, 220, 221, 258, 264). Dass solche Stellen vorkommen, habe ich auch in meiner Rezension be­tont. Und dieses Urteil Krügers über die beschränkte Aussagekraft seiner Befunde halte ich auch für richtig. Oft ist bei ihm auch zurückhaltend nur von „Nähe“ und „Übereinstimmung“ zwischen Elite und Journalisten die Rede.

Allerdings finden sich andere Stellen mit einer Kausalinterpretation. Besonders auf­fällig und eindeutig ist hier der Untertitel des Buches („Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten“), von dem der durchschnittliche Leser annehmen muss, dass er das zentrale Ergebnis der Studie zusammenfasst. Um das fehlende Glied zu ergänzen, wird immer wieder auf Sozialkapital und Schweigespiraleffekte verwiesen, die einen solchen Einfluss wahrscheinlich machten. So lasse sich daraus „eine gewisse Kausalität zwischen Elitenmeinung und Journalistenmeinung“ (145) ableiten, heißt es in der Interpretation der Befunde zur Netzwerkanalyse. Auch nach der Inhaltsanalyse der Artikel der vier ausgewählten Journalisten wird darauf verwie­sen, beide Mechanismen legten „eine Kausalität nahe“ (220). Ergänzend wird gele­gentlich noch auf die Möglichkeit verwiesen, dass die Übereinstimmung von vornhe­rein bestanden, also weder die eine noch die andere Seite Einfluss genommen hat.

Hier noch ein Beispiel für das Schwanken zwischen den beiden Positionen: In den folgenden Forschungsfragen wird sowohl verneint als auch bejaht, dass das Ziel der empirischen Studie der Nachweis des einseitigen Beeinflussungs­ver­hält­nis­ses ist.

„Hatten diese Netzwerke einen Einfluss auf ihre Berichterstattung, oder – Ursa­che und Wirkung werden nicht klar zu identifizieren sein – wiesen sie zumindest eine Koinzidenz mit ihr auf? Führt das hohe Sozialkapital dieser Journalisten in jenem Milieu vielleicht sogar zu Schweigespiraleffekten?“ (151)

Zwischenfazit: Die Frage, ob die Elite Journalisten beeinflusst, wird in der Studie nicht empirisch untersucht. Die Ergebnisse werden – wenn der Zusammenhang nicht offen gelassen wird – einseitig gedeutet: „Nähe“ wird als „Vereinnahmung“ in­ter­pre­tiert.

 

Angemessenheit und Transparenz des empirischen Vorgehens

Im Folgenden führe ich detailliert meine Kritik an den drei empirischen Teilstudien aus:

(1) Die Netzwerkanalyse (Kap. 5) der journalistischen Positionselite deutscher Leit­medien ist innovativ – umso wichtiger wäre es indes gewesen, das Vorgehen kritisch zu reflektieren und ausführlich zu dokumentieren. Zu ungenau bleibt, welche Arten von Organisationen berücksichtigt wurden und welche Qualität der Verbindungen zwischen diesen und den Journalisten bestehen mussten, damit die Verbindungen registriert wurden (107, 111-113). Genauer bestimmt wurden hingegen die Positions­eliten in Journalismus, Politik und Wirtschaft (Kap. 5.2.1, 113f.). „Hauptquelle der Informationen war das World Wide Web“ (114), da­­neben wurden weitere öffentliche Quellen und auf Anfrage zur Verfügung gestellte Informationen genutzt (114f.). Wie groß das angesprochene „Missing-Data-Problem“ (115) ist, hätte stich­pro­benhaft überprüft werden können (z.B. über eine Befragung erfasster Journalisten). Die auf der Organisationsebene ermittelten „Kontakt­po­ten­ziale“ (116) besagen noch nicht – darauf weist Krüger zu Recht hin –, dass zwei in der Netz­werk­­analyse verknüpfte Personen tatsächlich einmal Kontakt miteinander hatten (116).

Im Anhang findet sich zwar eine vollständige Auflistung der Verbindungen und Be­schreibungen der Organisationen. Dieser Rechercheertrag wird aber kaum ver­wen­det, um typisierend zu diskutieren, wie Beziehungen von Journalisten zu diesen Or­ganisationen aus berufsethischer Sicht zu beurteilen sind. Auf diesen ganz zentralen Punkt der Arbeit kommt Krüger nur in einem kurzen Kapitel (Kap. 5.4) und auf den letzten drei Seiten seiner Arbeit zu sprechen (Kap. 8.3).

Zwischenfazit: In der Netzwerkanalyse bleiben Fragen hinsichtlich der Vollständigkeit der Knoten und Verbindungen sowie der Qualität der Verbindungen offen. Über „Kontaktpotenziale“ hinaus sagt die empirische Studie nichts über die tatsächlichen Interaktionen zwischen Elite und Journalisten, über ihre wechselseitigen Er­war­tun­gen, Wahr­neh­mungen, Einflüsse und Zugeständnisse aus (z.B. Pfetsch 2003; Pfetsch/Mayerhöffer 2011).

(2) Für die Inhaltsanalyse von Frame-Elementen (Kap. 6) wurden die Artikel von vier Jour­­nalisten ausgewählt, die in der Netzwerkanalyse im Bereich der Außen- und Si­cherheitspolitik eine „Schlagseite zu den USA und zur NATO“ (150) aufwiesen. Auf die überraschend geringe Zahl von Artikeln (n=83), die sie im Zeitraum vom 4.12.2002 bis 30.9.2010 zu Sicherheitsthemen geschrieben haben sollen, habe ich bereits in meiner Rezension hingewiesen (169, 172). (Durchgeführt wurde eine Ge­nios-Recherche [170f., 217], wobei paarweise die Wörter *sicherheit, verteidig*, krieg*, fried* und milit* eingegeben wurden und u.a. solche Artikel ausgeschlossen wurden, die „keinen Bezug zur deutschen oder europäischen Außen- und Sicher­heitspolitik aufwiesen“ [170].)

Die Analyse bestand aus zwei Schritten: einem qua­li­tativen Schritt, um zunächst Frame-Elemente zu bestimmen, und einem quantitativen Schritt, um deren Vorkom­men im Material und damit ihre Häufigkeit zu klären. Das qualitative Extrahieren von Medienframes, wie es hier angewandt wurde, hat generell den „Nachteil“ der „Sub­jektivität des Vorgehens“ (Matthes 2014: 39), das außerdem oft – wie auch im vor­liegenden Fall – nicht ausreichend transparent ge­macht, sondern nur kurz allgemein beschrieben wird (171f.). Auf Seite 174 werden 23 Frame-Elemente als Ergebnis des qualitativen Schritts aufgelistet, von denen nur eines nicht dem „erweiterten“ Sicher­heitsbegriff entspricht („Bundeswehr aus Afghanistan abziehen“, Nr. 03; 189).

In der Häufigkeitstabelle zum quantitativen Teil ist z.B. das Frame-Element „Frieden als Wert an sich und als Norm für sicher­heits­politisches Handeln“ (208) nicht er­wähnt. Es soll im Material nicht vorgekommen sein (Bestätigung von Hypothese 6; 208). Dies lässt vermuten, dass hier bereits im ersten Schritt die qualitative Bestim­mung von Frame-Elementen und die Prüfung der Existenz bestimmter Frame-Ele­mente (die dann schon vorab hätten definiert sein müssen) vermischt worden sind; dies hätte ja eigentlich erst im zweiten Schritt stattfinden sollen. Es ist damit aber nicht mehr nachvollziehbar, ob und wie systematisch Elemente konkurrierender Fra­mes (neben dem Frame „‘erweiterter‘ Sicherheitsbegriff“) untersucht wurden. Über­haupt wirft die Formulierung und Prüfung der Hypothesen Fragen auf. Hypo­these 6 lautet z.B.:

„Die Friedensnorm des Grundgesetzes, das internationale Gewaltverbot des Völ­kerrechts und das formelle Gewaltmonopol des UN-Sicherheitsrates werden nicht erwähnt oder als Relikte einer alten Zeit bezeichnet; als zentrale Norm für das si­cherheitspolitische Handeln Deutschlands wird nicht der Frieden, sondern das nationale Interesse angeführt.“ (166)

Die Prüfung lautet sodann:

„Hypothese 6 wurde vollauf bestätigt: Frieden als Wert an sich und als Norm für sicherheitspolitisches Handeln spielt in den Artikeln der vier Autoren keine Rolle; die dahingehenden Aussagen in Grundgesetz und Völkerrecht finden keine Re­sonanz.“ (208)

Auf den rund vierzig Seiten zwischen der Formulierung und der Prüfung finden sich zu dieser Hypothese keine für mich identifizierbaren Aussagen des Autors, die sich auf die Art der Prüfung und ihr Ergebnis beziehen. Zur Annahme, dass die Bezeichnung „Relikte einer alten Zeit“ verwendet wird und dass als zentrale Norm das „nationale Interesse“ (evtl. ist Frame-Element Nr. 18 „Verteidigung weltweit!“ gemeint) angeführt wird, wird auch in der Prüfung von Hypothese 6 nichts gesagt. Welche Frame-Elemente zur Prüfung herangezogen wurden, ist auch bei anderen Hypothesen nur schwer nachvollziehbar; sie werden nicht ausdrücklich genannt (207f.).

Darüber hinaus handelt es sich zumeist um deskriptive Hypothesen, in denen kein Zu­sam­men­hang zwischen unabhängiger und abhängiger Variable hergestellt wird. Dafür hätte ein systematischer Vergleich mit einer Kontrollgruppe gezogen werden müssen. Dies hätte gezeigt, wie die vier Journalisten in den Gesamtdiskurs zur Sicherheitspolitik ein­ge­ordnet werden können und wie vielfältig dieser Diskurs ist. Ein solcher Vergleich sollte nur in Hypothese 9 gezogen werden (dazu unten mehr).

Anstelle eines Vergleichs werden in den Hypothesen 1 bis 8 die Wörter „häufig“ (H2, H3, H7) und „nicht“ (H1, H4, H6, H8; unklar: H5) (165-167) als Prüf­krite­rien genannt. Während die Nicht-Existenz eines Merkmals ein eindeutiges Kriterium ist, ist „häufig“ ein vages Kriterium. In Hypothese 2, die der Autor als bestätigt ansieht, wird für „häufig“ bei Frame-Element Nr. 02 („Bedrohungskatalog“; 176f.) ein Anteil von 20% (abs. 17) an allen Artikeln (n=83) als ausreichend akzeptiert, bei Frame-Element Nr. 13 („neue Zeit“; 178f.) sind es 35% (abs. 29), womit es auch das häufigste Element der Analyse ist. Bei der ebenfalls als bewährt geltenden Hypothese 3 sind es bei Frame-Element Nr. 18 („Verteidigung weltweit!“; 179f.) 19% (abs. 16). Ab welchem Mindestanteil ein Merkmal „häufig“ vorhanden sein soll, wurde nicht diskutiert. Teilweise wurde auch nur geprüft, wie viele Autoren mindestens einmal ein bestimmtes Frame-Element verwendet haben (so z.B. bei H1, H3 und H7), so dass minimal vier Erwähnungen (5% aller Artikel) für ein „häufiges“ Vor­kom­men hätten ausreichen können. Bei den Hypothesen 3 und 7 genügte es Krüger sogar schon, dass drei Autoren die fraglichen Elemente verwendeten (207f.). Beim Kriterium „nicht“ hängt die Prüfung entscheidend von der Vollstän­digkeit der Artikelsammlung ab; bei der kleinen Zahl der gefundenen Artikel ist die rein statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Element mindestens einmal enthalten ist, geringer, als wenn eine größere Zahl entdeckt worden wäre.

Vom Popper’schen Falsifikationsgebot, nach dem eigene Vorannahmen einer mög­lichst harten Probe unterzogen werden sollen, ist diese unorthodoxe und wenig trans­parente Art der Hypothe­sen­formulierung und -prüfung weit entfernt.

Die Frame-Elemente werden mit vielen zugeordneten Zitaten belegt; das fördert die Transparenz des Vorgehens und lässt z.B. erkennen, dass sich Krüger bei der Benennung der Frame-Elemente einen weiten Spielraum erlaubt: Das von ihm „Verhinderte Großmacht“ (Nr. 17) bezeichnete Frame-Element könnte nach den hier zugeordneten Zitaten (190f.) mindestens ebenso gut „Übernahme von Mit­verant­wortung in der Staaten­ge­mein­schaft“ heißen.

In Hypothese 9 („Andere Journalisten gehen anders und kritischer mit der Thematik um […]“; 166) wird ein Vergleich der vier Journalisten mit Artikeln aus FR (n=7 Artikel) und taz (n=3) im gleichen Zeitraum gezogen, wobei hier jeweils alle Autoren der beiden Zeitungen berücksichtigt wurden, die eine eigene Meinung äußerten (217). Krüger konnte für die beiden Gesamtredaktionen im Untersuchungszeitraum von etwa acht Jahren insgesamt nur zehn Artikel zur „deutschen oder europäischen Außen- und Sicherheitspolitik“ (170) finden (217). Auch hier überrascht die minimale Zahl der aufgefundenen Artikel. Eine Häufigkeitsauswertung der Frame-Elemente wurde deshalb nicht durchgeführt (217); der Autor gibt nur – belegt durch einige Zitate – seinen Gesamteindruck wieder (217-219). Bemerkenswert ist hier das Fazit, das Krüger zieht:

„In der Frankfurter Rundschau und der taz, die zu Kontrollzwecken untersucht wurden und die keine Netzwerke im Elitenmilieu aufwiesen, fand sich weder eine Entsprechung noch ein adäquates Gegengewicht zum konsonanten Meinungsbild der vier Journalisten; dies spricht einerseits dafür, dass die Netzwerke eine Bedeutung haben, andererseits auch dafür, dass bei der Beurteilung der behandelten Themen (Auslandseinsätze der Bundeswehr und ‚erweiterter Sicherheitsbegriff‘) im linken und elitenferneren Zeitungsspektrum erhebliche Verunsicherung herrscht. In den Fragen, wie weit Sicherheit und Verteidigung definiert werden sollten und wie mit der diesbezüglichen Kluft zwischen Elite und Bevölkerung umgegangen werden sollte, hatte das Quartett Kornelius, Frankenberger, Joffe und Stürmer im Untersuchungszeitraum jedenfalls die Meinungsführerschaft.“ (220; H.i.O.)

Noch einmal: Diese Aussage basiert auf der Auswertung von insgesamt 93 Artikeln, die in einem Zeitraum von etwa acht Jahren erschienen sind. Auf dieser Grundlage wird die verallgemeinernde Behauptung aufgestellt, dass die vier Journalisten die „Mei­nungs­führer­schaft“ im Feld der deutschen und europäischen Außen- und Sicherheitspolitik inne gehabt hätten. In der Untersuchung fehlt nicht nur der erhebliche Rest der deutschen Medienlandschaft, sondern es wurden noch nicht einmal die Artikel ihrer Redaktionskollegen bei SZ, FAZ, Zeit und Welt analysiert. Krüger kann also nichts darüber aussagen, wie oft in diesen vier Redaktionen über das Thema geschrieben wurde, wie groß deren Binnenvielfalt ist bzw. ob es eine einheitliche redaktionelle Linie gibt. Die Studie von Lüter (2008), auf die unten noch näher einzugehen ist, belegt hinsichtlich des Binnenpluralismus in den Redaktionen deutscher Qualitätszeitungen deutliche Abweichungen gegenüber der Grundhaltung der Zeitungen (ebd.: 159-166). Dies gilt für SZ und FAZ auch hinsichtlich des Issue-Felds „Verteidigung, Frieden“ (ebd.: 163). Auch die mit dem Begriff „Meinungs­führer­schaft“ implizierte Wirkung auf andere Medien oder das Publikum weist Krüger nicht nach. Darüber hinaus wird mit der Formulierung, dass „Netzwerke eine Bedeutung haben“ (220), erneut ein Einfluss der Elite unterstellt.

In diesem Zusammenhang ist die Längsschnittstudie von Maurer et al. (2008) von Interesse, die der Thematisierung der Kriege im Kosovo (1999), in Afghanistan (2001) und im Irak (2003) in deutschen Massenmedien gewidmet ist. Neben TV-Sendungen haben die Autoren auch die Zeitungstitel SZ und FAZ (n=598 Artikel) untersucht (ebd.: 158-161). Krüger zitiert zwar den Aufsatz, erwähnt aber nicht die darin enthaltene Analyse der beiden Tageszeitungen, sondern er geht ausschließlich auf die Fernseh-Befunde ein (40f.). Dieser Teil der Studie wird deshalb hier nachgereicht: Vorgestellt werden darin Ergebnisse zur grundsätzlichen Meinung, die zu den drei Kriegen geäußert wurden; in SZ und FAZ wurden die Militäreinsätze zunehmend negativ beurteilt:

„Die deutschen Zeitungsjournalisten bewerteten die drei untersuchten Konflikte signifikant unterschiedlich. Im Fall des Irak-Kriegs sprachen sie sich mit besonderer Vehemenz gegen einen Militäreinsatz aus. Im Gegensatz dazu begrüßten sie in der Kosovo-Krise eine militärische Intervention. In der Afghanistan-Krise gab es unter den Journalisten der beiden Zeitungen sowohl Befürworter als auch Gegner eines militärischen Einsatzes.“ (ebd.: 159)

Die zitierten Stellungnahmen hatten „im Prinzip dieselbe Tendenz wie die explizite journalistische Kriegskommentierung“ (ebd.: 159). Die Mittelwerte der Wertungen zum Afghanistan- und des Irakkrieg lagen hier im negativen Bereich (ebd.: 160). Ein „erweiterter“ Sicherheitsbegriff als redaktionelle Linie hätte hier zu einem anderen Ergebnis führen müssen.

Maurer et al. (2008) bestätigen insgesamt die Indexing-Hypothese – allerdings mit zwei Abweichungen gegenüber Krüger: (1) Eine Übereinstimmung besteht hier vor allem gegenüber der nationalen Regierung und – im Fall des Afghanistan- und Irakkriegs – nicht (und damit entgegen dem vermuteten „Power Indexing“ [51f., 73]) gegenüber der „Supermacht USA“ (73). (2) Darüber hinaus stimmte bei zwei der drei Kriege die Haltung des überwiegenden Teils der Bevölkerung mit jener der beiden Tageszeitungen überein. Auch diese Feststellung von Maurer et al. (2008: 162) erwähnt Krüger nicht. Eine Abweichung gab es im Fall des Afghanistan-Kriegs, den eine Mehrheit der Bevölkerung befürwortete, während die Medien ihm kritisch gegenüber standen. Dieser Befund widerspricht Krügers Annahme, dass allgemein in Fragen der Sicherheitspolitik in Deutschland eine Kluft zwischen Elite und Journalisten von Leitmedien auf der einen Seite (die Kriege eher befürworten) sowie der Bevölkerung auf der anderen Seite (die sie eher ablehnt) besteht (54, 90, 151, 152-155, 164f.).

Schließlich hat Krüger auch „Elemente von Propaganda“ (Kap. 6.3.6) in den Artikeln der vier Journalisten gesucht. Journalisten vorzuhalten, dass sie „pro­pa­gan­distisch“ argumentieren, ist ein gravierender Vorwurf, der nicht leichtfertig erhoben werden sollte. Krüger versteht Propaganda „eher in der engeren Bedeutung als Instrument der psychologischen Kriegführung“ (212, Fn. 64). Der enge Propagandabegriff ist nach Bussemer (2008: 32), auf dessen Buch Krüger hier verweist, „mit totalitären Strukturen der Informationskontrolle und der Unterdrückung der öffentlichen Meinung verknüpft“, also mit Phänomenen auf der gesellschaftlichen Makroebene; diese Ebene behandelt Krüger nicht. Zur Kriegspropaganda stellt Bussemer daneben fest, dass diese „in erster Linie taktisches Geschäft [ist], das auf schnelle Zielerreichung in einer akuten Krisensituation ausgerichtet ist“ (ebd.: 35; ähnlich: ebd.: 29). Speziell unter „psychologischer Kriegführung“ seien „die direkt gegen den Feind gerichteten Maßnahmen“ (ebd.: 35) zu verstehen; und er fährt fort:

„Auffällig ist hier, dass sich der Bezugsrahmen der Propagandaaktivitäten auf eng begrenzte militärische Ziele beschränkt und die Propaganda im Einklang mit militärischen Handlungen geplant und implementiert wird.“ (ebd.: 35f.)

Es ist schwer nachvollziehbar, weshalb gerade dieser Propagandabegriff im vor­lie­genden Zusammenhang passend sein soll. Der hier untersuchte „erweiterte“ Sicherheitsbegriff (Kap. 6.1.2 und Kap. 6.1.3) wird als langfristige Veränderung der Grundauffassung der Außen- und Sicherheitspolitik von NATO, EU und Bundesregierung seit den frühen 1990er Jahren verstanden.

Krüger will zeigen, dass die Journalisten „mit argumentativen Tricks arbeiten“ (212). Dafür legt er nur neun Zitate von drei Journalisten aus der Ausgangsmenge von 83 Artikeln vor. Was gilt für Krüger als „argumen­ta­tiver Trick“? Hier orientiert er sich (212f.) ebenfalls an Bussemer, der nur beiläufig auf Techniken der Propaganda hinweist und diese nicht genauer operationalisiert (ebd.: 33f.). Hier heißt es etwa:

„Die Handlungsoptionen, die Propaganda nahe legt, erscheinen alternativlos, Zuwiderhandlungen und Nichtbefolgung werden mit Sanktionen belegt.“ (ebd.: 34) (in diesem Sinne auch bei Krüger: 213)

Krüger findet nun (neben den zuvor zitierten Belegen für das Frame-Element „Bündnis mit USA pflegen!“) drei Stellen, an denen zwei der untersuchten Journalisten jeweils zwei Alternativen darstellen, von denen sie eine deutlich favorisieren, während sie die andere verwerfen (213). Krüger moniert „die Verengung des Diskurses auf zwei Optionen, von denen eine als indiskutabel dargestellt wird […]“ (213).

„Hingegen lässt sich jedes Dilemma rein logisch zu einem Tetralemma ausweiten: Die dritte und die vierte Option heißen ‚A und B‘ und ‚weder A noch ‚B‘ […].“ (213f.)

Wenn man bewerten will, ob die Wahl und Ablehnung einer Option und die Intensität, in der diese zum Ausdruck gebracht wird, an­ge­mes­sen ist, wird man nach der Güte der vorgetragenen (Gegen-)Argumente fragen müssen; damit befassen sich die Argumentationstheorie (z.B. Kienpointner 1983; Kopperschmidt 2000) und die Theorie der Deliberation (z.B. Ferree et al. 2002). Darauf geht Krüger jedoch nicht ein. Die kurzen Zitate lassen den Leser auch nicht erkennen, wie im Kommentar insgesamt argumentiert wurde.

Ein anderer „Trick“, den Krüger einem der Journalisten vorhält (belegt durch vier Zitate), soll darin bestehen, dass er auf Unsicherheiten und Gefahren verweist (214-216). Auch hier stellt sich die Frage nach der sachlichen Berechtigung, die Krüger nicht erörtert.

Es fällt schwer, in diesen Argumentationsformen generell, d.h. ohne Beachtung des Kontexts und ihrer inhaltlichen Qualität Propaganda-Elemente zu erkennen. Sie müssten zudem Bestandteil einer „umfassenden Ideologisierung der Wirklichkeit“ (Bussemer 2008: 34; so auch: Arnold 2003: 79) sein; das Herauspicken einzelner Zitate ist dafür unzureichend (als Diskussion und präzise Bestimmung des Propagandabegriffs über die Codes „Macht“ [Sanktionsandrohung] und „Wahrheit“ [absoluter Wahrheitsanspruch, Täuschung]: Merten 2000; Arnold 2003).

Zwischenfazit: In der Inhaltsanalyse wird der triviale Nachweis erbracht, dass es vier Journalisten in Deutschland gibt, die vermutlich einen „erweiterten“ Sicherheitsbegriff vertreten. Dass dadurch die Vielfalt beeinträchtigt wird, wird ebenso wenig nach­gewiesen wie ein Einfluss, der sich auf sie aus der Nähe zur Elite ergibt.

(3) Neben den Artikeln ausgewählter Journalisten hat Krüger die Berichterstattung von Tageszeitungen über die Münchner Sicherheitskonferenz (Kap. 7) in den Jahren 2007 bis 2010 untersucht. In Welt, FAZ, SZ, FR und taz hat er dazu 177 Artikel gefunden (237). Laut Hypothesen (Kap. 7.2) werden Elitendiskurs (Konferenz) und alternativer Diskurs (Proteste) verglichen, und zwar nach Umfang, (innerer/äußerer) Perspektive und (positiver/negativer) Bewertung. Hier wurde also die Alternativposition – im Unterschied zur ersten Inhaltsanalyse – explizit mituntersucht. Zuvor wurde in der Arbeit bereits zitiert, dass die politische Vielfalt der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland oft in Untersuchungen festgestellt worden ist (74, 78). Dies bestätigt auch Krügers eigene Inhaltsanalyse (Kap. 7.4), die eine „deutliche Zweiteilung der Zeitungen“ (253) ergeben hat, und zwar zwischen FR und taz auf der einen Seite, Welt, FAZ und SZ auf der anderen Seite. Den letztgenannten Zeitungen wirft er vor, sie „ignorierten, marginalisierten und delegitimierten die Protestierenden und die Friedenskonferenz“ (257). Damit meint Krüger, dass sie seltener, negativer und eher von außen über diese berichtet haben. Außerdem hat Krüger eine lange Reihe von Zitaten frei kommentiert, ohne aber den dabei angelegten Maßstab zu begründen (243-253); darauf habe ich bereits in meiner Rezension hingewiesen.

Falls Krüger un­ter­stel­len sollte (was er aber nicht ausspricht), dass in einem solchen Konflikt völlige Ausgewogenheit für beide Parteien (jeweils 50%) hinsichtlich Umfang, Perspektiven und Bewertungsrichtung normativ geboten sei, so lägen hier zwei Missverständnisse vor: (1) Im Unterschied zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gilt auf dem Pressemarkt das Prinzip des Außenpluralismus. Vielfalt entsteht durch eine Vielzahl von Anbietern mit unterschiedlicher redaktioneller Linie. Diese Vielfalt wird nicht nur durch die überregionalen Tageszeitungen geschaffen (deren Vielfalt immer wieder – siehe oben – nachgewiesen wurde), sondern auch durch andere Pres­se­medien, inklusive Alter­na­tivtitel und mittlerweile durch zahlreiche Stimmen im Internet. (2) Exakte Gleichgewichtung würde bedeuten, dass – neben der redaktionellen Linie – auch Re­le­vanz­ge­sichts­punkte wie der professionell bestimmte Nachrichtenwert nicht mehr als gewichtendes Element be­rücksichtigt werden dürften. Zu Recht weist Krüger jedoch kritisch darauf hin, dass SZ, Welt und FAZ Konferenzteilnehmer stellen und die SZ eine Sonderbeilage gestaltet hat (225f., 254). Hier nun müsste die wichtige Diskussion ansetzen, an welchen öffentlichen Foren Journalisten (nicht) teilnehmen sollten oder Veranstaltungen auf andere Weise (nicht) unterstützen sollten. Krüger befasst sich in seiner Inhaltsanalyse über die Münchner Sicherheitskonferenz nur mit einem einzigen, zeitlich eng begrenzten Ereignis, was (wiederum) zu sehr kleinen Fallzahlen führt (z.B. 247). Dies macht außerdem die Verallgemeinerbarkeit der Befunde sehr fraglich.

Ein deutlich breiteres Bild liefert die Studie von Lüter (2008), die Krüger nicht zur Kenntnis genommen hat: Lüter hat in seiner themenübergreifenden Inhaltsanalyse von SZ, FAZ, FR, Welt und taz für einen Zeitraum von fünf Jahren (1994-1998) insgesamt 11.024 Kommentare ausgewertet (ebd.: 116-120), um politischen Parallelismus zwischen Medien und Parteien zu untersuchen. Er findet „eindeutige Bewertungsmuster“ (ebd.: 173) entlang der Links-Rechts-Achse bei der Bewertung von politischen Parteien, aber auch einen „insgesamt eher negativen Tenor der Bewertung“ (ebd.: 172). Auch die manifeste Unterstützung politischer Parteien folgt diesem Muster (ebd.: 210). Dabei handelte es sich um „relative Affinitäten […], die die Unabhängigkeit der Zeitungen nicht in Frage stellen“ (ebd.: 214). Dies macht Lüter vor allem daran fest, dass „auch diejenigen politischen Parteien, die als einem Medium nahe stehend betrachtet werden können, mit erheblichen Anteilen an kritischer Berichterstattung rechnen müssen“ (ebd.: 214). Im Hinblick auf Unterscheidbarkeit und Autonomie kommt er zu einem positiven Urteil über die untersuchten Qualitätszeitungen (ebd.: 218).

Lüter hat die Positionierung der Zeitungen auch in verschiedenen Grundkonflikten und spezifischen Themenbereichen untersucht (ebd.: 146-159). Im Fall der Verteidigungs- und auch Außenpolitik kommt es demnach zu „einer Annäherung aller Zeitungen an eher ‚linke‘ Positionen“ (ebd.: 151). Die SZ nimmt danach in der Außenpolitik alleine und in Verteidigungsfragen gleichauf mit der FR die am weitesten links stehende Position ein (ebd.: 151).

Fazit: Die Durchsicht der Dissertation hat eine Vielzahl von Mängeln ergeben. Die Reihe der Kritikpunkte und wider­spre­chenden Studien ließe sich fortsetzen. Darauf sei an dieser Stelle aber aus Umfangsgründen verzichtet. Ver­mut­lich hat in Deutschland keine andere Dissertation aus dem Fach Kommu­nika­tions­­wissenschaft in den letzten Jahren in der außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit erregt wie das Werk von Uwe Krüger. Offenbar hat sie mit ihrer Ausgangsfrage einen Nerv getroffen – sie liefert Stoff für die vehemente Journalismuskritik, die derzeit geübt wird. Deshalb ist eine wissenschaftliche Diskussion darüber dringend geboten.

 

Nachbemerkung: Stefan Kornelius, einer der vier von Krüger ausgewählten Journalisten, hat mich auf die vorliegende Dissertation aufmerksam gemacht und mir seine Sicht geschildert. Ich bin gemeinsam mit ihm Mitglied im Beirat der SZ-Studienstiftung, die journalistischen Nachwuchs unterstützt. Mit den drei anderen Journalisten hatte ich keinen Kontakt. Ich habe zwei Semester lang eine Professur in der Abteilung Journalistik an der Universität Leipzig vertreten, die damals der Erstbetreuer der Dissertation, Prof. Dr. Michael Haller, geleitet hat. Ich habe für die Fachzeitschrift „message“ insgesamt ca. 15 Beiträge geschrieben. Gründer und Herausgeber der Fachzeitschrift ist der Erstbetreuer der Arbeit, Dr. Uwe Krüger war dort als Redakteur tätig.

 

 

Literatur:

Arnold, Klaus (2003): Propaganda als ideologische Kommunikation. In: Publizistik. 48. Jg., H. 1, S. 63-82.

Bentele, Günter/Nothhaft, Howard (2004): Das Intereffikationsmodell. Theoreti­sche Weiter­ent­wicklung, empirische Konkretisierung und Desiderate. In: Altmep­pen, Klaus-Die­ter/Röttger, Ulrike/Bentele, Günter (Hrsg.): Schwierige Verhält­nis­se. Interdepen­denzen zwischen Journalismus und PR. Wiesbaden: VS, S. 67-104.

Bussemer, Thymian (2008): Propaganda: Konzepte und Theorien. 2. Auflage, Wiesbaden: VS.

Ferree, Myra Marx/Gamson, William A./Gerhards, Jürgen/Rucht, Dieter (2002): Shaping Abortion Discourse. Democracy and the Public Sphere in Germany and the United States. Cambridge: Cambridge University Press.

Jarren, Otfried/Röttger, Ulrike (1999): Politiker, politische Öffentlichkeitsarbeiter und Journalisten als Handlungssystem. Ein Ansatz zum Verständnis politischer PR. In: Rolke, Lothar/Wolff, Volker (Hrsg.): Wie die Medien die Wirklichkeit steuern und selber gesteuert werden. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 199-221.

Kepplinger, Hans Mathias (1979): Angepaßte Außenseiter. Ergebnisse und Interpretationen der Kommunikatorforschung. In: ders. (Hrsg.): Angepaßte Außenseiter. Was Journalisten denken und wie sie arbeiten. Freiburg/München: Karl Alber, S. 7-28.

Kienpointner, Manfred (1983): Argumentationsanalyse. Innsbruck: Verlag des Insti­tuts für Sprachwissenschaft der Universität Inns­bruck.

Kopperschmidt, Josef (2000): Argumentationstheorie zur Ein­füh­rung. Hamburg: Ju­nius.

Lüter, Albrecht (2008): Die Kommentarlage. Profilbildung und Polyphonie in medienöffent­li­chen Diskursen. Wiesbaden: VS.

Matthes, Jörg (2014): Framing. Baden-Baden: Nomos.

Maurer, Torsten/Vogelgesang, Jens/Weiß, Moritz/Weiß, Hans-Jürgen Weiß (2008): Aktive oder passive Berichterstatter? Die Rolle der Massenmedien während des Kosovo-, Afghanistan- und Irakkriegs. In: Pfetsch, Barbara/Adam, Silke (Hrsg.): Massenmedien als politische Akteure. Konzepte und Analysen. Wiesbaden: VS, S. 144-167.

Merten, Klaus (2000): Struktur und Funktion von Propaganda. In: Publizistik. 45. Jg., H. 2, S. 143-162.

Meyer, Thomas (2001): Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Pfetsch, Barbara (2003): Politische Kommunikationskultur. Politische Sprecher und Journalisten in der Bundesrepublik und den USA im Vergleich. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Pfetsch, Barbara/Mayerhöffer, Eva (2011): Vordergründige Nähe. Zur Kommunikationskultur von Politik- und Medieneliten in Deutschland. In: Medien & Kommunikationswissenschaft. 59. Jg., H. 1, S. 40-59.

Reinemann, Carsten (2010): Medialisierung ohne Ende? Zum Stand der Debatte um Medieneinflüsse auf die Politik. In: Zeitschrift für Politik. 57. Jg., H. 3, S. 278-293.

Schulz, Winfried (2011): Politische Kommunikation. Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung. 3., überarbeitete Auflage, Wiesbaden: VS.

 

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  • Paul Schreyer

    Das eigentlich Brisante erscheint am Schluss von Neubergers Erwiderung in seiner “Nachbemerkung”:

    “Stefan Kornelius, einer der vier von Krüger ausgewählten Journalisten, hat mich auf die vorliegende Dissertation aufmerksam gemacht und mir seine Sicht geschildert. Ich bin gemeinsam mit ihm Mitglied im Beirat der SZ-Studienstiftung, die journalistischen Nachwuchs unterstützt.”

    Ach so, alles klar! Daher also weigerte sich Prof. Neuberger auch Anfang November, mir für das Magazin Telepolis ein Interview zu geben und meine Fragen zu einem etwaigen Kontakt mit Kornelius zu beantworten. Wahrlich interessant!

    Ansonsten erscheint mir seine Argumentation reichlich dünn. Hier ein paar Zitate aus Neubergers Text in kursiv, versehen mit Anmerkungen:

    “Eine Einflussbeziehung zwischen Jour­nalismus und Eliten kann (…) umgekehrt vom Journalismus zur Elite bestehen”

    Wie bitte? Die Netzwerke der Wirtschaftsführer lassen sich von Journalisten beeinflussen?

    “Zwischenfazit: Die Frage, ob die Elite Journalisten beeinflusst, wird in der Studie nicht empirisch untersucht.”

    Führende Alphajournalisten schreiben außenpolitisch offenbar so wie die Elite denkt. Das wurde untersucht. Ist daran jetzt irgendetwas unverständlich?

    “Vielfalt entsteht durch eine Vielzahl von Anbietern mit unterschiedlicher redaktioneller Linie. Diese Vielfalt wird nicht nur durch die überregionalen Tageszeitungen geschaffen (deren Vielfalt immer wieder – siehe oben – nachgewiesen wurde), sondern auch durch andere Pres­se­medien, inklusive Alter­na­tivtitel und mittlerweile durch zahlreiche Stimmen im Internet.”

    Der Professor argumentiert in der Theorie und ignoriert die Praxis. “Zahlreiche Stimmen im Internet” als Garanten der Vielfalt heranzuziehen ist ein hübscher rhetorischer Kniff.

    Die Studie von “Lüter (2008), die Krüger nicht zur Kenntnis genommen hat”, und die in einer “themenübergreifenden Inhaltsanalyse von SZ, FAZ, FR, Welt und taz für einen Zeitraum von fünf Jahren (1994-1998)” (…) “im Fall der Verteidigungs- und auch Außenpolitik” (…) “eine Annäherung aller Zeitungen an eher ‚linke‘ Positionen” ermittelt hat, heranzuziehen, erscheint zumindest originell. Welchen Zeitraum hatte sie nochmal analysiert? 1994 bis 1998? Ach so, da gab´s doch danach diesen 11. September 2001, oder? Nachdem “nichts mehr so war wie zuvor”?

  • Michael Gisiger

    @Schreyer:

    “Wie bitte? Die Netzwerke der Wirtschaftsführer lassen sich von Journalisten beeinflussen?”

    Natürlich. Wer jemals in der Privatwirtschaft im Kommunikationsbereich im Umfeld der Spitzenpositionen tätig war, weiss, wie schnell da Feuer unter dem Dach ist, wenn vermeintlich schlechte Presse droht bzw. bereits publiziert wurde. Spitzenmanager (im Angestelltenverhältnis) sind ebenso wie Politiker, Sportler u.a. “Promis” auf eine positive Medienberichterstattung angewiesen, sonst droht auf dem Transfermarkt – um bei der Sportleranalogie zu bleiben – der Abstieg aus der A- in die B- oder gar C-Liga. Beispiele dafür gibt es genügend.

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