“Es war ein sehr schlechtes Jahr”

30. Dezember 2005 • Qualität & Ethik • von

Neue Zürcher Zeitung, 30. Dezember 2005

Die Irrtümer der US-Medien
«Sagen wir es doch rundheraus: Es war wirklich ein sehr schlechtes Jahr.» So beginnt Craig Silverman seine Analyse der Fehler, die 2005 amerikanischen Redaktionen unterlaufen sind. Der Journalist betreibt den Weblog www.regrettheerror.com und registriert dort systematisch alle Hinweise auf Irrtümer der Informationsmedien sowie die entsprechenden Berichtigungen. Auf dieser Grundlage erarbeitet er jedes Jahr in verschiedenen Kategorien ein Ranking. Das Jahr 2005 sticht dabei nicht nur wegen der Vielzahl der Fehler hervor – sondern auch mit Blick auf deren schwerwiegende Folgen.

Der «best error» – soll wohl eher heissen: der schlimmste Irrtum – des Jahres 2005 geht auf das Konto von «Newsweek». Im Mai hatte das Nachrichtenmagazin einen vermeintlichen Skandal um religiöse Beleidigungen im US-Gefangenenlager Guantánamo aufgedeckt. Die in der Reportage erwähnten Einzelheiten, insbesondere die in der Folge nicht bestätigte Behauptung, von einem der Ermittler sei ein Koran in die Toilette geworfen worden, um einen islamischen Gefangenen zu demütigen, verursachten in Afghanistan und Pakistan Unruhen mit mindestens 15 Todesopfern.

Die Liste enthält weitere böse Beispiele dafür, wie Medienberichte Menschenleben zerstören können. So gab der Fernsehsender Fox News die Adresse eines Terroristen bekannt, der für die Londoner Anschläge vom Juli mitverantwortlich gemacht wurde. Zu dumm nur, dass der verdächtigte Iyad K. Hilal bereits drei Jahre zuvor weggezogen war. Wie zu erwarten, musste die Familie, die inzwischen die Wohnung bezogen hatte, einen Albtraum von Bedrohungen und Beschimpfungen durchleben.

Etwas Ähnliches widerfuhr im April Frank Calabrese, einem Geschäftsmann aus Illinois. Als er die «Chicago Tribune» aufschlug, entdeckte er auf Seite 18 sein eigenes Konterfei, integriert in eine Grafik mit dem Titel «Die Infrastruktur der Unterwelt Chicagos». Die Zeitung hatte versehentlich eine Foto von ihm abgedruckt – statt von seinem Namensvetter, der zur damaligen Zeit im Gefängnis sass. In diesem Fall reagierte das Opfer und forderte von der Zeitung eine Million Dollar Schadensersatz.

Die Liste der Irrtümer umfasst allerdings nicht nur Fälle mit schwerwiegenden Konsequenzen, sondern auch Episoden, die einfach nur sprachlos machen oder erheitern. Ein Beispiel dafür ist der «Internet-Missbrauch des Jahres». Wer öfters im Web surft, weiss ja, welch atemberaubender Unfug dort mitunter als Link von E-Mail-Adresse zu E-Mail-Adresse weiterverbreitet wird. Problematisch wird es, wenn ein Journalist solch eine Botschaft aufschnappt, sie für bare Münze nimmt und ohne weitere Überprüfung seinem Publikum als Nachricht vorsetzt. Ein Redaktor aus Atlanta veröffentlichte eine Story als Neuigkeit, die schon lange durchs Internet geisterte: Ein Mann, der mit seinem Fahrzeug in eine Lawine geraten war, soll sich befreit haben, indem er 30 Liter Bier getrunken hat, die sich im Auto befanden. So habe er sich den Weg in die Freiheit gepinkelt.

Zumindest für die Medien selbst bleibt derlei Unfug nicht folgenlos. Vor kurzem veröffentlichte das Pew Research Center, ein amerikanisches Meinungsforschungsinstitut, seine Studie Trend 2005. Gemäss dieser ist der «Glaubwürdigkeitsverlust bei Tageszeitungen erschreckend». Vor zwanzig Jahren behaupteten 16 Prozent der Amerikaner, sie glaubten wenig oder gar nichts von dem, was sie läsen; laut den neusten Umfragen hat sich dieser Wert mittlerweile fast verdreifacht und ist bei 45 Prozent angelangt.

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