Europäischer Journalismus?

1. Januar 2004 • Qualität & Ethik • von

Cover, Nr. 4, 2004

Gute Medien kommen in den europäischen Himmel – weniger gute kommen überall hin. Aber was bringt die Europäisierung des Journalismus wirklich? Ein sibyllinisches Fazit.
 
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Die Fortschritte in der transnationalen Kooperation, die in den vergangenen Jahren von Verlagshäusern und Rundfunksendern in Europa erzielt wurden, sind beeindruckend. Mit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geht allerdings ein Angst erregender Konzentrationsprozess in der Medienbranche einher. Bertelsmann, Murdoch, Pearson, Berlusconis Mediaset und andere sind längst dabei, ihre europäischen TV-Imperien auszubauen – und das Konglomerat, das Haim Saban von Kirch übernommen hat, wird sich absehbar in eine ähnliche Richtung entwickeln.

Westliche Medienunternehmen haben Osteuropa kolonisiert, lange bevor irgendein osteuropäisches Land EU-Mitglied werden konnte: Skandinavische Zeitungshäuser wie Schibstedt üben im Baltikum starken Einfluss aus, deutsche Konzerne wie Bauer, Burda, die Springer AG, die Neue Presse Verlags GmbH in Passau und die WAZ-Gruppe sind omnipräsent – in Polen, Tschechien, der Slowakei, in Ungarn, Russland und auf dem Balkan. Auch die Schweizer Ringier-Gruppe ist Eignerin von Printmedien in Ungarn, Rumänien, Tschechien und der Slowakei. Für die Großen der Medienbranche gibt es schon längst keine nationalen Grenzen mehr – Europa ist für sie schon seit geraumer Zeit Wirklichkeit geworden.

Aber wie ist es um den Journalismus bestellt? Immerhin gibt es in Brüssel mit 800 akkreditierten Auslandskorrespondenten eine der größten Korrespondenten-Agglomerationen der Welt. Guckt man indes auf die Leser- oder Zuschauerzahlen, so hinkt der «europäische Journalismus» der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Europas hoffnungslos hinterher, ja er verflüchtigt sich regelrecht. Es deuten nur einige wenige Indikatoren darauf hin, dass eine europäische Öffentlichkeit und ein europäischer Journalismus entstehen könnten.

Im Zeitungsjournalismus gibt es zwar ein paar Europa-Seiten oder auch -Beilagen, aber bisher kein erfolgreiches, genuin europäisches Zeitungsprojekt. Bis auf die «Financial Times» sind alle anderen transnationalen Tageszeitungen, die in nennenswerter Auflage europaweit vertrieben werden und in der lingua franca des modernen Europa, in Englisch, gedruckt werden, eher Beispiele dafür, dass sich der amerikanische Journalismus weltweit ausbreitet: Die europäischen Ausgaben des «Wall Street Journal», von «USA Today» und auch die «Herald Tribune» sind gewiss keine Exempel für europäischen Journalismus.

Unter den Zeitschriften sind als europäische Orchideen «Lettre international» und «Le monde diplomatique» zu nennen. Von kräftigerem Wuchs sind Titel wie «GEO», «marie claire» oder «Auto Bild», die in verschiedenen europäischen Sprachen erscheinen, aber inhaltlich den jeweils nationalen Leserschaften angepasst werden und sich auch deshalb schwerlich als europäische Projekte bezeichnen lassen.

Der Rundfunk hat inzwischen mit Euronews und Eurosport seine europäischen TV-Plattformen, und Sender wie arte und 3sat machen auf exzellente Weise transnationale und kulturübergreifende TV-Programme. Aber einmal mehr können sich diese Angebote im Kernbereich des Nachrichtenjournalismus nicht mit nationalen Programmangeboten wie der BBC oder des amerikanisch dominierten CNN messen. Genauer besehen, ist es eigentlich ein Armutszeugnis, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten bisher nicht viel mehr an europäischen Gemeinschaftsprojekten zustande gebracht haben als 3sat und arte.

Das Internet wird man wiederum eher als globales denn als europäisches Medium zu bezeichnen haben, wenngleich es hier vereinzelt europabezogene Plattformen gibt (zum Beispiel www.cafebabel.com).

Der politische Journalismus und das Nachrichtengeschäft werden europaweit noch klar von nationalen Anbietern beherrscht. Medienprodukte sind Massenprodukte. Und die Masse der Menschen sind keine europäischen Kosmopoliten, sondern nach wie vor Schweden, Russen, Polen, Franzosen, Deutsche und Italiener. Es sind noch nicht einmal die Sprachbarrieren, sondern die unterschiedlichen kulturellen Identitäten, die europäischen Journalismus unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich machen.

Vergewissern wir uns also eher visionär und perspektivisch unseres Gegenstands. Was könnte europäischer Journalismus sein, wer könnte ihn und was könnte er zuwege bringen? Was könnte einem europäischen Journalismus seine Identität verleihen?

Einerseits ist da gewiss die gemeinsame europäische Geschichte – einschließlich zweier von Europa ausgehender Weltkriege, die das letzte Jahrhundert mehr als alles andere geprägt haben. Europa wächst nach diesen Katastrophen allmählich zusammen, das friedliche Miteinander West- und Mitteleuropas wird hoffentlich zum Modell des Zusammenlebens für das 21. Jahrhundert – und nicht der Balkan in seinem derzeit noch immer desolaten Zustand.

Dieses Erfolg versprechende historische Experiment kann und wird nur gelingen, wenn es ein gemeinsames gesellschaftliches Bewusstsein, eine handlungsleitende politische Idee, eine identitätsstiftende europäische Kultur gibt – und natürlich hat diese Kultur keinen Bestand, wenn nicht die Medien und der Journalismus zu ihrem integralen Bestandteil werden. Denn letztlich sind es die Medien, die diese gemeinsame Kultur kreieren, definieren, konstruieren. Und die Medien müssen – zum Beispiel in ihren «Soap operas» – diese Kultur auch vorleben.

Ein europäischer Journalismus würde indes voraussetzen, dass eine Sprache, eine Kultur in Europa dominierte. Solch eine kulturelle Hegemonie im Sinne Gramscis ist nirgendwo erkennbar – wir haben allenfalls Einflusszonen: Im Norden und Nordwesten die angelsächsische, im Süden und Westen die frankophon-romanische, in der Mitte die deutsche und im Osten und Südosten die slawische. Vermutlich möchten wir sogar mehrheitlich, dass das so bleibt – denn gerade die kulturelle und sprachliche Vielfalt empfinden wir ja als eine unserer europäischen Stärken.

Am ehesten anzutreffen ist ein europäischer Journalismus im übrigen in kleinen Nationalstaaten. Die großen – wie Frankreich, Deutschland und Großbritannien – ruhen stärker in sich selbst, die kleinen müssen dagegen ihrer Umgebung mehr Aufmerksamkeit zollen. Als vielleicht bestes Vorbild für Europa – und damit auch für die Möglichkeiten und Grenzen eines europäischen Journalismus – taugt somit wohl ein Kleinstaat im Herzen Europas, der groteskerweise noch nicht einmal Mitglied der Europäischen Union ist: die Schweiz.

Die Schweiz hat wie kein anderes Land seit Jahrhunderten vorgelebt, wie mehrere europäische Kulturen und Sprachräume sich in ein politisches Gemeinwesen integrieren lassen. Es ist kein Zufall, dass eine der beiden europäischsten Zeitungen, die es derzeit gibt, aus der Schweiz kommt: die «Neue Zürcher Zeitung» besticht vor allem mit ihrem Korrespondentennetz und ihrer fundierten Auslandsberichterstattung.

Wer die Europäisierung des Journalismus vorantreiben möchte, sollte indes zuerst bei den qualitätssichernden Infrastrukturen ansetzen, insbesondere bei der Aus- und Weiterbildung von Journalisten. Hier wurden bereits erhebliche Fortschritte gemacht. Zum einen werden Europathemen immer häufiger berücksichtigt. Zum anderen ist der internationale Austausch intensiviert worden. Zu erwähnen sind ferner explizit europaorientierte Aus- und Weiterbildungs-Offerten – etwa die Programme der Fondation Journalistes en Europe in Paris, des European Journalism Center in Maastricht und die Europäischen Journalisten-Fellowships an der FU Berlin.

In der Medienforschung ist es zu ersten, noch zaghaften Versuchen gekommen, sich auf europäischer Ebene zusammenzuschließen. Das hat aber noch nichts daran geändert, wie einseitig Wissenschaftler Forschungsleistungen wahrnehmen: Bislang sind Kommunikation und Forschungsaustausch viel zu sehr auf den angelsächsischen Raum fixiert – wobei im Norden und in Mitteleuropa die amerikanische Forschung wohl stärker rezipiert wird als in den romanischen und osteuropäischen Ländern. Ändern wird sich das erst, wenn sich europaweit die Fachzeitschriften und die wissenschaftlichen Zeitschriften vernetzen, die sich mit Journalismus, PR und Kommunikationsforschung beschäftigen. Ein Anfang ist hoffentlich mit dem an der Università della Svizzera italiana in Lugano gegründeten European Journalism Observatory gemacht, das sich der Aufgabe widmet, Forschungsergebnisse in Form journalistischer Produkte in die Medienpraxis und an die breitere Öffentlichkeit zu transferieren – vorerst in deutscher, englischer und italienischer Sprache.

Das Fazit gerät etwas sibyllinisch: Dank der Sprachbarrieren, aber auch dank (journalismus-)kultureller Differenzen ist es auf absehbare Zeit unwahrscheinlich, dass sich ein europäischer Journalismus herausbildet – trotz aller Fortschritte in der wirtschaftlichen und politischen Integration. Aber wir brauchen einen Journalismus, der dazu beiträgt, den europäischen Integrationsprozess weiter voranzutreiben, auch wenn Versuche, Journalismus für irgendwelche noch so noblen Zwecke einzuspannen, nur sehr behutsam erfolgen sollten.

Es gibt immerhin so etwas wie einen gemeinsamen europäischen Himmel, der die weitgehend nationalen, regionalen und lokalen Medienlandschaften Europas überwölbt. In Abwandlung eines Bestseller-Buchtitels ließe sich sagen: «Gute Medien kommen in den Himmel, die weniger guten kommen überall hin». Leider wollen die meisten Medien möglichst überall hin kommen, das heißt, sie schielen primär auf Einschaltquoten und Verkaufsauflagen. Diejenigen dagegen, die in den europäischen Himmel gelangen wollen, sind hoffnungslos in der Minderzahl.

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