Faktenchecker und Paywalls

13. November 2017 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Faktenchecker, Paywalls, Entrepreneurial Journalism: Stephan Russ-Mohl über den unüberlegten Sprachgebrauch von Journalisten.

Die ARD hat es, der Spiegel und die Washington Post schmücken sich damit, und bei solch prominenten Vorbildern gibt es selbstredend Nachahmer – zahlreich und weltweit. Die Rede ist von Faktencheck-Redaktionen. Wer wenig vom Medienbetrieb weiß, reibt sich die Augen und fragt sich, was denn bislang all die anderen Journalisten machen und gemacht haben, wenn es solcher Spezial-Einheiten bedarf. Meist bekommt er keine Antwort, und deshalb sind Faktencheck-Redaktionen als vertrauensbildende Maßnahme für den Journalismus fragwürdig – zumindest so lange, wie die Medien, die schwindsüchtig an Glaubwürdigkeitsverlust leiden, nicht offensiv erklären, weshalb man in der schönen, neuen digitalen Welt zusätzliche Prüfinstanzen braucht, um der Flut der Falschnachrichten und Viertelwahrheiten Herr zu werden.

Das andere Wortungeheuer ist und bleibt die Paywall. Dieses Monstrum begleitet uns seit vielen Jahren. Welcher Internet-Guru es erfunden hat, ist nicht überliefert, aber was es uns unterjubeln soll, steht zweifelsfrei fest: Wer in einer offenen Gesellschaft Mauern baut, ist ein Finsterling. Das galt zumindest im Zeitalter vor Donald Trump. Nur ist halt bisher niemand auf die Idee gekommen, die Ladentheke beim Bäcker oder die Kasse im Supermarkt als Mauer oder Bezahlschranke zu beschreiben. Die Paywall diskreditiert als Wortschöpfung bereits das Anliegen, dass geistige, sprich: journalistische Leistung ihren Preis haben sollte.

Hochkonjunktur hat in Fachkreisen weiterhin der Entrepreneurial Journalism – ein gruseliger Euphemismus. Na klar, auch dieses Modewort hat seinen zutreffenden Kern: Journalisten sollten sich für die ökonomische Seite ihres Tuns interessieren und (betriebs-)wirtschaftlich denken lernen. Aber muss man das gleich zum „Unternehmertum“ hochjubeln, statt das Problem sich beschleunigender Perspektivlosigkeit und Selbstausbeutung einer zunehmenden Zahl von Journalisten wenigstens anzutippen? Wenn die Wortwahl den Ernst der Lage eher ver- als erklärt, dann haben wir es, genau besehen, mit PR-Sprech zu tun. Also mit einem Sprachgebrauch von Spin-Doktoren, dem „gute“ Journalisten und Wissenschaftler nicht nur wegen der Anglizismen den Kampf ansagen sollten.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 12. November 2017

Bildquelle: Karrierebibel.de/Flickr CC: Schranke; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

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