Gastrokritiker mit Allzweck-Zunge

17. Oktober 2011 • Qualität & Ethik • von

Heute werden wir ausnahmsweise grundsätzlich. Was ist Qualität in den Medien?

Eigentlich ist es eine gute Idee, die Qualität der Schweizer Medien regelmäßig zu bewerten. Das Schlechte an der Idee ist nur, dass sie von Kurt Imhof ist.Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof ist der drehende Derwisch unter unseren Wissenschaftlern. Weil er zu allem etwas zu sagen weiß, sagt er zu allem etwas. Dauer- präsent ist er vor allem als Allzweck-Medienexperte. Von Jörg Kachelmann bis Ottmar Hitzfeld entgeht niemand seinen Schnellschuss-Analysen.

Letzte Woche erschien die zweite Ausgabe von Imhofs «Jahrbuch Qualität der Medien». Der Wälzer ist 568 Seiten dick. 52 Mitarbeiter haben daran mitgewirkt.

Wir können es kurz machen. Die erste Ausgabe, vor einem Jahr, war noch ganz amüsant zu lesen, indem sie etwa die zunehmende Boulevardisierung im Gewerbe beschrieb. Die zweite Ausgabe nun ist nur noch schlecht. Nein, wir müssen das Urteil differenzieren. Sie ist nicht schlecht, sie ist schrecklich schlecht.

Imhof nennt vier Kriterien, an denen er die Qualität der täglichen Berichterstattung misst: Themenvielfalt, gesellschaftliche Relevanz, vertiefende Einordnung der Aktualität sowie Sachgerechtigkeit. Das ist zwar nicht besonders originell, aber als Raster brauchbar.

Dann aber macht der Derwisch-Soziologe den entscheidenden Denkfehler. Er stülpt seine vier Qualitätskriterien über alle Mediengattungen, über die Tageszeitungen, über die Gratis- und Boulevardblätter, über TV, Radio und Online. Überall sucht er nun besessen nach der gesellschaftlichen Relevanz des Journalismus und danach, ob der seine Themen stets in den geopolitischen und historischen Kontext stellt.

Imhofs verkürzte Methodik erinnert an einen Gastrokritiker, der eine Würstchenbude, eine Pizzeria, ein Wirtshaus und ein Dreistern-Restaurant nach denselben Maßstäben beurteilt, nämlich daran, ob überall nur frische Trüffel aus dem Piemont verarbeitet werden.

Der Blick auf die Medien ergibt damit exakt das von Kulturpessimist Imhof erwünschte Bild. Die Medien als solche haben ein «tiefes Relevanzniveau», sie personalisieren zu sehr, verbreiten zu viele Soft News, schreiben zu häufig über Fußball und zu wenig über institutionelle Strukturrevisionen, und sie berichten nur «episodisch» statt in größeren geschichtlichen Zusammenhängen.

Nur wenige Ausnahmen wie die NZZ oder das «Echo der Zeit» liefern die von Imhof ersehnte «einordnende Berichterstattung». Sie weisen etwa im Bericht zu den Wahlen in Tschetschenien ausführlich auf das Kosakenheer von 1587 hin. Die qualitätsarmen Gratis- und Online-Medien, so lernen wir von Imhof, verschweigen uns die Kosaken.

Im Grunde wirft Imhof den Journalisten vor, dass sie keine täglichen Bücher schreiben. Das ist Humbug. Das Interessante im neusten Kapitel der Mediengeschichte ist das genaue Gegenteil davon. Erstmals erlauben die Medien ein horizontales wie vertikales Differenzierungsmodell. Dieses neuste Kapitel ist zwölf Jahre alt.

Erst seit zwölf Jahren können Mediennutzer entscheiden, in welchen spezifischen Formen sie Inhalte wünschen. Sie können über Gratis- und Onlineangebote schnelle, ungefilterte Fakten abrufen. Sie können mehr als zuvor über Tageszeitungen interpretierte Information beziehen. Sie können zwischen informativen und unterhaltenden Elementen switchen. Sie können ihre Selektion erstmals nicht im Tages-, sondern im Sekundenrhythmus takten.

Das hat die Qualitätsdiskussion in den Medien verändert. Aus Qualität sind Qualitäten geworden. Qualität ist relativ, relativ zu den Ansprüchen des Publikums.

Nur ein oberflächlicher Derwisch-Soziologe hat das noch nicht verstanden.

 

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