Geschichte aus der Froschperspektive

8. Mai 2009 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

 Attraktive Zeitreisen durch den digitalisierten Blätterwald.

Archive verlieren den Beigeschmack des Muffigen – dank der Digitaltechnik. Viele Zeitungen öffnen ihre Archive für Internet-Nutzer. Ferne Zeiten rücken vor dem heimischen Bildschirm nahe heran.
New York Times-Ausgabe vom 29. Juli 1914. (Bild: wikipedia)

Die Londoner Times erscheint seit 1785 und bietet nun die Chance, am Computer zum Zeitgenossen der Französischen Revolution zu werden (http://archive.timesonline.co.uk). Blättert man am Bildschirm in den alten Zeitungsseiten, so muss man sich allerdings auch auf die ganz andere Form der medialen Inszenierung der Ereignisse einlassen. Was heute als welthistorisch bedeutsam gilt, findet sich damals auf den hinteren Seiten des Blattes, das die Titelseite und den vorderen Teil noch bis ins letzte Jahrhundert mit Kleinanzeigen, Hofnachrichten und maritimen Informationen füllte. Aktualität unter den damaligen Nachrichtenbedingungen bedeutet, dass selbst die Nachricht vom Sieg über Napoleon in Waterloo eine Woche braucht, bis sie im Blatt steht.

Relativität von Urteilen
Die Vielfalt der Angebote erlaubt es, perspektivenreiche multimediale Dossiers zusammenzustellen. So kann man zum Beispiel die Times-Berichterstattung über die NS-Herrschaft in Deutschland mit der Bildersammlung aus den Beständen der eingestellten US-Illustrierten «Life» verknüpfen, die als Internetplattform für Fotografie fortbesteht (http://images.google.com/hosted/life ). Die dort verfügbaren Fotos von Hugo Jaeger zeigen Alltagsszenen, aber auch die prätentiöse Selbstinszenierung des Regimes.

Die Lektüre von Times-Leitartikeln zur Machtübernahme Hitlers macht die Relativität von Urteilen drastisch deutlich: So wird am 17. Februar 1933 zwar die politische Rüpelei des NS-Führers milde gerügt. Man zeigt sich in London aber sehr zufrieden, dass die Nachbarn Deutschlands ruhig und ohne Aggressivität auf die neue Führung reagiert hätten. Schliesslich werde sich «Herr Hitler» zum Staatsmann wandeln müssen. Mit Hilfe alter Ausgaben der New York Times aus den Folgejahren kann man sich über den Irrtum solcher Urteile ins Bild setzen (www.nytimes. com/ref/membercenter/nytarchive.html ).

Parlamentarier schiesst auf Schwarzen
In diesem grossen US-Blatt, das seit 1851 publiziert wird, ist auch der Alltag der Rassendiskriminierung aufgezeichnet. Man liest, dass am 28. 3. 1908 ein Parlamentarier aus Alabama auf einen Schwarzen schiesst, weil dieser ihn in der Strassenbahn beleidigt habe, nimmt aber auch zur Kenntnis, dass im September 1910 ein resoluter Strassenbahnschaffner drei angetrunkene Weisse von den Plätzen prügelt, die für schwarze Passagiere reserviert waren. Zusammen mit Life-Bildern aus dem New York der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, mit Berichten vom Wolkenkratzer- und U-Bahn-Bau und mit Auflistungen des Vermögens von Familien wie den Astors kann man mit der New York Times sich in die Jahre des Aufstiegs der USA zur Weltmacht begeben.

Die Tür zu solchen Ansichten der Schweizer Geschichte hat auch das kostenlos zugängliche Archiv des von 1826 bis 1998 publizierten Journal de Genève aufgestossen, das über die Internetseite von Le Temps zugänglich ist (http://letempsarchives.ch ). Wie bei den angelsächsischen Blättern kann man hier einzelne Ausgaben aufrufen und durchblättern oder auch nach Stichwörtern recherchieren. Aber nicht alle Jahrgänge im genannten Zeitraum waren erreichbar.

Karl Kraus und seine Lieblingsfeinde
Liebhaber des Antiquarischen finden im «virtuellen Zeitungslesesaal» der Österreichischen Nationalbibliothek mehr als vier Millionen Seiten von längst eingestellten Zeitungen und Zeitschriften der k.u.k. Monarchie und der österreichischen Republik der Vorkriegszeit (www.anno. onb.ac.at/). Vom legendären Prager Tagblatt bis zur Neuen Freien Presse, die Karl Kraus in seiner im Internet ebenfalls zugänglichen Zeitschrift Die Fackel so innig bekämpfte (http://corpus1. aac.ac.at/fackel), sind hier die publizistischen Stimmen des alten Österreich versammelt.

Die Nationalitätenkämpfe im Vielvölkerstaat, die Blüte des Prager und Wiener Kulturlebens um die Jahrhundertwende, aber auch der Kult um Kaiserin Sisi werden den historisch interessierten Leser fesseln, während die Kleinanzeigenhalden den Liebhaber der Alltagsgeschichte auf seine Kosten kommen lassen. Ebenso wie das optisch opulente Archiv des deutschen satirischen Journals Simplicissimus sind die österreichischen Blätter vorzüglich erschlossen und leicht zu durchsuchen.

Deutschland im Spiegel
Das gilt auch für das Archiv des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, das für Nachkriegsdeutschland faszinierenden Lesestoff bereithält (http://wissen.spiegel.de ). Hier sind nicht nur die grossen Konflikte und Skandale aufbewahrt, sondern auch viel Vermischtes. Allein die Revue der Titelbilder zeigt, wie oft der «Spiegel» der fünfziger Jahre mit «weichen» Themen aufmachte, wie oft er Filmstars auf die erste Seite setzte. Zu den wichtigen politischen Zeitfragen – Westintegration Deutschlands, Wiederaufrüstung, die Spiegel-Affäre, der Vietnamkrieg und die Studentenrevolte von 1968 – hat das Blatt nicht nur berichtet, sondern oft auch selber die Agenda mit beeinflusst. Durch die Verknüpfung mit lexikalischen und statistischen Datenbanken bietet der Spiegel allerdings mehr als nur ein Zeitungsarchiv. Es ist Teil eines umfassenden Wissensportals.

Das ZDF hat nun als erster Fernsehsender begonnen, Teile seines Archivs übers Internet zugänglich zu machen. Die ZDF-Geothek, die zur Internet-«Mediathek » des Mainzer Rundfunks gehört, erlaubt seit kurzem den Abruf von mehr als 500 Auslandreportagen, die mit Zusatzinformationen zu den jeweiligen Themen verknüpft werden können.

Vieles kostenlos
Das ist ebenso kostenlos wie fast alle der hier vorgestellten Zeitungsangebote. Die Times hat zwar im September 2008 eine Gebühr für die Archivnutzung eingeführt, doch müssen zumindest deutsche Benutzer diese nicht bezahlen, wenn sie sich auf der Website www.nationallizenzen.de registrieren. Dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt will deutschen Wissenschaftern, Studenten und wissenschaftlich interessierten Privatpersonen den kostenlosen Zugang zu Datenbanken, digitalen Textsammlungen und elektronischen Zeitschriften ermöglichen. Bei der New York Times sind bestimmte Jahrgänge (1922–1980) im Volltext nur gegen Bezahlung abzurufen. Wer sich mit ausgewählten Teilen begnügt, kann auch aus diesem Zeitraum Texte lesen.

Als Google sein Google News Archive startete und ankündigte, künftig weltweit Zeitungsarchive zu digitalisieren und kostenfrei anzubieten, attackierte die FAZ dieses Vorhaben heftig als parasitär. Die Zeitung vermarktet bis anhin ihr Archiv allein, wenngleich ohne sonderliche Marketinganstrengung.

Kann man damit Geld verdienen?
Andernorts scheint man in Zeiten, in denen die Gegenwart der Blätter eher düster umwölkt ist, sich mit mehr Engagement an die prächtigen Schätze in den Archiven zu erinnern. Interesse im Publikum ist ohne Zweifel vorhanden. Nicht nur Historiker nutzen diese Angebote, sondern auch Schüler oder Privatleute, die Freunden zu Geburtstagen eine alte Zeitungsausgabe vom Tage schenken wollen. Unklar ist allerdings, wie bei aller Internet-Publizistik, ob man aus solchem Interesse ein Geschäftsmodell entwickeln kann, das Geld in die Kassen bringt.

Für gedruckte alte Zeitungen bezahlen Leser dagegen offenbar, ohne zu zögern. Im Januar belebte das Londoner Unternehmen Albertas auf dem deutschen Markt eine Publikationsreihe, die es in ähnlicher Form schon 1973 im Orbis-Verlag gegeben hatte. Unter dem Titel Zeitungszeugen sollen in hoher Auflage jede Woche in einem Mantel, der historische Kontextinformationen liefert, drei komplette Ausgaben von Zeitungen aus der NS-Zeit erscheinen. Zum Auftakt gab es das Goebbels-Blatt Der Angriff zusammen mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung und dem kommunistischen Kämpfer, alle drei mit Berichten von Hitlers Machtergreifung Ende Januar 1933.

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