Gezwitscher ist wenig repräsentativ

3. April 2013 • Qualität & Ethik • von

Viele Journalisten ziehen gerne Beiträge aus dem Kurznachrichtendienst Twitter heran, um die Gesellschaft außerhalb der Redaktionen zu Wort kommen zu lassen, quasi als Stimmen der kritischen Öffentlichkeit.

„Für viele Nachrichtenjunkies (und Journalisten) ist Twitter inzwischen das präferierte Instrument, um den Nachrichtenstrom zu verfolgen und Stimmungen aufzufangen“, beschreibt Holger Schmidt, Experte des Nachrichtenmagazins Focus für digitale Wirtschaft, die Einstellung gegenüber Twitter.

Doch sind die Meinungen und Inhalte der Tweets tatsächlich ein Abbild der gesellschaftlichen Diskussion? Wissenschaftler des amerikanischen Pew-Forschungszentrums bezweifeln das: „Twitter-Reaktionen auf politische Events und Entscheidungen unterscheiden sich oft stark von der allgemeinen öffentlichen Meinung“, schreiben die Autoren in ihrer Analyse Twitter Reaction to Events Often at Odds with Overall Public Opinion. Die Tweets seien generell eher negativ geprägt und kritisierten mehr anstatt Zustimmung zu bekunden.

Die Forscher um Amy Mitchell, geschäftsführende Direktorin des Project for Excellence in Journalism (PEJ) des Pew-Forschungszentrums, verglichen Ergebnisse repräsentativer bundesweiter Umfragen zu acht politischen Großereignissen wie Barack Obamas Wiederwahl im November vergangenen Jahres mit Reaktionen auf Twitter. Bei sechs der acht untersuchten Ereignisse – darunter waren etwa das erste TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten, Urteile zur Ehe zwischen Homosexuellen, Obamas Rede zur Lage der Nation 2012 und seine Vereidigungsrede 2013 – gingen die Twitter-Diskurse genau in die entgegengesetzte Richtung wie die Umfragen.

Die Methode der Untersuchung hat allerdings ein paar Schwächen: Während in den bundesweiten Umfragen nur volljährige US-Bürger zu Wort kamen, wurden bei Twitter alle englischsprachigen Kurznachrichten zum jeweiligen Thema analysiert, also auch solche von minderjährigen und ausländischen Twitterern. Die Kurznachrichtenplattform wurde mit einem Algorithmus nach speziellen Suchbegriffe durchforstet und die infrage kommenden Tweets danach automatisch nach bestimmten Kriterien von dem Programm codiert. Erst diese Codierung analysierten die Forscher selbst. Das Forscherteam stellte zuvor in Testläufen fest, dass der Algorithmus in 90 Prozent der Fälle genauso codierte wie Mitarbeiter – eine gewisse Fehlerquote nahmen die Wissenschaftler also in Kauf.

Die Untersuchung gibt dennoch einen Anknüpfungspunkt dafür, wie Journalisten und Medienmacher Meinungsäußerungen auf Plattformen wie Twitter einordnen sollten. Die Forscher betonen, dass die Twitter-Gemeinde durchaus unterschiedliche politische Strömungen in sich vereint, die meisten Nutzer seien jedoch überdurchschnittlich junge, gebildete und eher den Demokraten nahestehende Personen. Entsprechend fallen ihre Diskussionen aus.

In einer repräsentativen Umfrage zu Obamas Wiederwahl im November 2012 unter 1.206 wahlberechtigten US-Bürgern gaben nur 52 Prozent an, mit dem Ergebnis „glücklich“ zu sein, 45 Prozent waren „unzufrieden“. Auf Twitter hingegen hatten von 14 Millionen Tweets, die sich in den folgenden drei Tagen nach der Wahl mit dem Thema beschäftigten, 77 Prozent eine positive Haltung zur Wiederwahl. Nur 23 Prozent der Äußerungen waren negativ. Noch deutlicher zeigten sich die Unterschiede beim ersten TV-Duell der beiden Präsidentschaftskandidaten: Während unter 1.511 befragten US-Bürgern nur 20 Prozent Obama und 66 Prozent Mitt Romney als Sieger des Duells sahen, triumphierte dem Tenor der Tweets zufolge Obama. 59 Prozent der 5,6 Millionen Kurznachrichten zum Thema beinhalteten Äußerungen, dass er die bessere Figur abgegeben habe.

Journalisten nutzen Twitter vor allem, um nach außen zu kommunizieren, Einblicke in die Redaktionsarbeit zu geben und ihre Produkte zu bewerben. Dabei sind die amerikanischen Journalisten weitaus aktiver als deutsche. Eine Untersuchung zu spanischen, britischen, brasilianischen, US-amerikanischen und deutschen Nachrichtenseiten ergab, dass 35 Prozent aller Tweets mit Links zu Nachrichtenangeboten auf amerikanische Medien verweisen. Dahinter folgten spanische Medien, Deutschland war mit vier Prozent Anteil Schlusslicht in der Untersuchung.

Doch auch wenn manche Experten deutsche Redaktionen deshalb in Bezug auf Twitter als rückständig bezeichnen, nehmen die meisten von ihnen die Twitternutzer durchaus ernst und wollen sie einbinden. Das zeigte bereits 2010 eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW: Etwa ein Fünftel der befragten Redakteure gab an, dass in ihren Redaktionen alle Nutzeranfragen beantwortet werden, die über den Kurznachrichtendienst an sie herangetragen werden. Nur in einem Fall wurde den Nutzern gar nicht geantwortet, mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, zumindest die Hälfte der Twitter-Anfragen zu beantworten.

In manchen Fällen binden die Medien die Tweets auch in ihre Produkte ein. Online ist das gang und gäbe, auch bei der Fernsehberichterstattung sind Twitter-Analysen offenbar schon selbstverständlich, etwa in der US-Wahlnacht. Die Welt Kompakt wartet als prominentestes Beispiel mit den „Tweets des Tages“ auch in ihrer Printausgabe auf. Weitere Beispiele finden sich in der Tweetschau der Rhein-Zeitung und in etlichen tagesaktuellen Artikeln und Beiträgen verschiedener Medien.

Die deutschen Journalisten greifen jedoch auch oft auf Twitter zurück, um für Beiträge zu recherchieren. In 46 Prozent der von der Landesanstalt für Medien befragten Redaktionen wird Twitter „häufig“ für journalistische Recherchen genutzt, wobei die Journalisten meist das Ziel verfolgen, ein „Stimmungsbild zu aktuellen Themen“ zu bekommen.

Das PEJ hat für seine aktuelle Analyse unter anderem die Diskussion zur Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern beobachtet. Dabei hoben die Forscher hervor, dass positive Aussagen zur so genannten Homo-Ehe überwogen. So twitterte die Nutzerin Emily: „Die Vorstellung, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe würde jetzt irgendetwas am Wert meiner Ehe ändern oder sie gar bedrohen, kann ich nicht nachvollziehen”. Auch Einwürfe wie der des Nutzers Art Smith „Bitte, Präsident Barack Obama, wir brauchen Ihre Unterstützung!“ fingen die Wissenschaftler ein.

Sicherlich können solche Tweets als einzelne Stimmen aus der Netzgemeinschaft ab und an in journalistische Beiträge eingebracht werden. Die PEJ-Analyse hebt jedoch hervor, dass die Meinungsäußerungen nicht als Spiegel der gesellschaftlichen Meinung angesehen werden sollten. Als im Februar 2012 ein Bundesgericht urteilte, das Verbot der Ehe gleichgeschlechtlicher Paare im US-Staat Kalifornien sei verfassungswidrig, zeigte sich die Twitter-Gemeinde weitaus euphorischer als der Rest der Bevölkerung.Während 46 Prozent der 533.211 Tweets positiv und nur acht Prozent skeptisch konnotiert waren, gaben von 1.501 befragten US-Bürgern nur 33 Prozent an, sie sähen die Chance für die Homo-Ehe positiv. Eine deutlich größere Gruppe von 44 Prozent war „enttäuscht“ oder gar „wütend“, dass das Gericht mit der Entscheidung das Alleinstellungsmerkmal der Ehe zwischen Mann und Frau in Zweifel zog.

PEJ-Direktorin Amy Mitchell und ihre Kollegen erklären, die unterschiedlichen Ergebnisse „reflektierten teilweise die Tatsache, dass diejenigen, die Nachrichten auf Twitter verfolgen – und speziell auch verbreiten – sich demografisch stark von der sonstigen Bevölkerung unterscheiden.“ In der Analyse zeigt sich allerdings, dass auch die Twitter-Community viele verschiedene Strömungen in sich vereint. Zu verschiedenen Zeitpunkten und zu verschiedenen Themen melden sich jeweils andere Twitternutzer zu Wort. Eine einheitliche politische Linie gibt es nicht und manchmal stuften die Autoren die Twitternutzer auch konservativer ein als den Rest der Öffentlichkeit.

Auch hier liegt eine Schwäche der Erhebung, da die Wissenschaftler aus Kritik in den Tweets, etwa an den Reden Obamas, schließen, dass die Twitterer konservativere Einstellungen als der demokratische Präsident haben. Die Forscher erwähnen dabei nicht, dass die Nutzer des Kurznachrichtendienstes auch liberalere Vorstöße fordern könnten als die restliche Öffentlichkeit, die die Reden eher begrüßte.

Doch ihr Fazit dürfte das kaum beeinträchtigen: „Während die Tweets einen interessanten Einblick geben, wie verschiedene Interessengruppen auf unterschiedliche Sachverhalte reagieren, lassen sie keinerlei Rückschlüsse auf die bundesweite öffentliche Meinung zu.“

Mitchell, Amy; Hiltin, Paul (2013): Twitter Reactions to Events often at Odds with Overall Public OpinionThe Pew Research Center´s Project for Excellence in Journalism, Washington.

Bildquelle: Gerd Altmann / pixelio.de

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