Ich hätte da noch eine Frage

27. Mai 2010 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche Nr. 20/2010

 

Unkritische und faule Journalisten kennen den Ausweg. Sie machen ein Interview.

Es war ein Tag wie jeder andere. Micheline Calmy-Rey sagte im Interview mit dem Blick, dass die Schweiz große Probleme habe. Christophe Darbellay sagte im Interview mit dem Tages-Anzeiger, dass die CVP keine Probleme habe. Und Gerold Bührer sagte im Interview mit der NZZ, dass die Wirtschaft vielleicht Probleme habe.Der Tag war der vergangene Samstag, den wir zufällig ausgewählt haben. Es zeigte sich, was sich an allen anderen Tagen auch zeigt. Unsere Zeitungen verkommen zu Plauderstuben.

Interview heißt die Landplage, welche die Presse zunehmend heimsucht. Das Interview besteht darin, dass ein Journalist einen Mitmenschen befragt. Fragen und Antworten werden dann abgedruckt, halbfett oder kursiv getrennt.

Es ist eine Landplage. Am zufälligen Samstag druckte etwa der Tages-Anzeiger sieben Interviews ab (Darbellay, Marías, Guldimann, Ritzmann, Baumer, Stoffel, Forrer). Bei der Aargauer Zeitung waren es sechs Interviews (Vögeli, Fischer, Seiler, Weber, Wölfli, Jakovljevic). Beim Blick waren es vier (Calmy-Rey, Lampart, Oesch, Thurnheer).

Das Interview, dies kurz vorneweg, ist aus einem speziellen Grund so beliebt. Es ist die anspruchsloseste Form des Journalismus. Die Interviews entstanden in den elektronischen Medien. Hier macht das Sinn. Es ist tatsächlich interessanter, einem Politiker oder einem Fußballtrainer ein Mikrofon vorzuhalten, als dessen Aussagen von einem Blatt Papier abzulesen. Auch in Magazinen macht das Sinn. Jede Spiegel-Ausgabe beispielsweise enthält mehrere grosse Interviews. Magazine haben genug Zeit, um sich intensiv auf Politiker und Fussballtrainer vorzubereiten und dann die oft stundenlangen Gespräche zu unterhaltendem Lesestoff zu verdichten.

Dann wurden die Interviews zur Landplage. Die Zeitungsredaktionen entdeckten, dass man damit billige Inhalte produzieren kann. Man talkt ein bisschen herum, live oder am Telefon, und nudelt das dann spaltenweise ab, Foto dazu und fertig.

Ausweichstrategie bei heiklen Themen

Das Interview ist das Symbol des unkritischen Journalismus. Weil der unkritische Journalismus dermaßen floriert, florieren auch die Interviews.

Interviews entbinden von der Recherche. Statt Fakten herauszufinden, plaudern die Journalisten. Statt über die Swisscom zu recherchieren, machen sie ein Interview mit Carsten Schloter. Statt über die SP zu recherchieren, machen sie ein Interview mit Christian Levrat. Statt über die Nationalbank zu recherchieren, machen sie ein Interview mit Philipp Hildebrand.

Besonders deutlich wird diese Ausweichstrategie bei heiklen Themen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Migros. Sie ist über ihre Werbung der grösste Geldgeber der Medien. Keine Redaktion wird riskieren, mit einer harten Recherche diesen Geldgeber zu verärgern. Also weicht die Redaktion auf die weiche Form des Interviews aus. Kaum ein anderer Schweizer Topmanager bekommt so viele Gesprächsanfragen wie Migros-Chef Herbert Bolliger. Zuletzt redete er in Handelszeitung, Sonntag, Schweizer Illustrierter und Blick.

Mittlerweile werden die Interviews oft schriftlich geführt, damit ja kein Risiko aufkommt. Bei mündlichen Aussagen haben die PR-Berater des Interviewten das Recht, jeden Satz zu zensieren. Mit Journalismus hat das nur noch wenig zu tun. In der angelsächsischen Presse gibt es dieses Frage-Antwort-Muster nicht. New York Times, Wall Street Journal und Times sind diese direkten Dialoge zu anspruchslos.

Bei uns hingegen gibt es eine neue Branchenregel für die Presse: Je mehr Interviews eine Zeitung hat, desto unjournalistischer ist die Redaktion. Zählen Sie nach.

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