Ignorante Irrationalität

18. November 2010 • Qualität & Ethik • von

Qual der Wahl

Auf den ersten Blick sind wir, die Mediennutzer, die großen Gewinner des Internets und der Medienkonvergenz. Die meisten Inhalte bekommen wir gratis oder zumindest sehr viel billiger als bisher – und obendrein unendlich viele dazu.

Beim zweiten Hinsehen haben die Auswahlmöglichkeiten allerdings ihren gar-nicht-mehr-so-verdeckten Preis: die Aufmerksamkeit verknappt, so lehrten uns schon vor Jahren der Nobelpreisträger Herbert A. Simon und auch der in Wien beheimatete Sozialforscher Georg Franck.

Die „Qual der Wahl“ wird zur Tyrannei, wenn wir aus zu vielen Optionen auswählen müssen, so der amerikanische Psychologe Barry Schwartz. Viele Ökonomen preisen deshalb seit langem die „rationale Ignoranz“ und liefern damit eine ziemlich plausible Erklärung, weshalb viele junge Leute sich erst gar nicht mehr auf Politikbetrieb oder gründliche Zeitungslektüre einlassen.

Diese scheinbar rationale Ignoranz schlägt allerdings derzeit erkennbar in ignorante Irrationalität um – zur Freude vieler Verhaltensökonomen, die sich bestätigt fühlen, weil sie ja den Grenzen menschlicher Rationalität nachspüren. Wo man hinguckt, degeneriert der Protest zum Selbstzweck: Denn „vernünftig“ lässt sich eigentlich kaum von Grünen gegen Stuttgart 21 demonstrieren – und damit gegen eine Rationalisierung des öffentlichen Verkehrs und gegen die Umwandlung riesiger innerstädtischer Verkehrsflächen zu Wohngebieten und Parks. Und auch bei der Randale der Jugendlichen in Frankreich gegen die Erhöhung des Rentenalters fällt es schwer, darin einen Ausdruck rationalen Verhaltens zu sehen – denn schließlich sind die Jungen es ja, die mit ihren künftigen Abgaben die Renten der älteren Generation finanzieren müssen.

Durchaus rational ist indes das Kalkül der Medien, vor allem von TV-Managern, dass sich mit den Bildern von Demos und Randale „Quote machen“ lässt. So halten einmal mehr die Reporter ihre Kameras „drauf“, und der Protest bleibt um der Medienhypes willen am Leben. Welcher Schaden dadurch für die Gesellschaft entsteht, erfahren wir, wenn überhaupt, dann wohl irgendwann später – im Kleingedruckten, und ohne dass die Medien sich selbst als Mitverursacher je nennen würden.

Erstveröffentlichung: Die Furche vom 18.11.2010

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