Journalisten: Berichterstatter oder Sprachrohr des Populismus?

11. November 2016 • Qualität & Ethik • von

Es gibt kritische Schwachstellen im heutigen Journalismus, die es populistischen Parteien und ihren Anhängern erlauben, die Medien aktiv zu manipulieren und demokratische Prozesse zu untergraben. Journalisten müssen sich dessen bewusst sein und darauf reagieren.

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Trump bei einem Fernsehauftritt in Arizona im Dezember 2015.

In vielen demokratischen Ländern gewinnt Populismus an Stärke und stellt die journalistischen Grundwerte der Objektivität, Fairness und Ausgewogenheit auf die Probe – mit dem Ergebnis, dass sich manche journalistischen Praktiken als mangelhaft herausstellen. Wenn Journalisten und Medienunternehmen darauf nicht reagieren, setzen wir die essentiellen Freiheiten aufs Spiel, die Bürger einer demokratischen Gesellschaft genießen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gesellschaften mit dieser Herausforderung zu kämpfen haben. Der Populismus ist zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte mal stärker, mal schwächer geworden – stärker für gewöhnlich in Zeiten der wirtschaftlichen und sozialen Unruhe. Der Populismus basiert auf den individuellen und kollektiven Gefühlen der Unsicherheit, Entfremdung, Frustration, Feindseligkeit und Wut. Diese Gefühle werden durch die populistische Ideologie, die sowohl mit der politischen Linken als auch der politischen Rechten in Verbindung gebracht werden kann, repräsentiert und freigelassen.

Die Liste der populistischen Anführer und Organisationen in jüngster Vergangenheit umfasst Silvio Berlusconi in Italien, Jean-Marie und Marine Le Pen der Front National in Frankreich, Geert Wilders in den Niederlanden und Donald Trump in den Vereinigten Staaten. Politische Organisationen wie die Alternative für Deutschland (AfD), die Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen, die UK Independence Party und die Tea Party in Großbritannien und sogar die Occupy-Bewegungen in den USA basieren alle auf Elementen der populistischen Ideologie und Rhetorik.

Populismus findet so viele Anhänger, weil er sich auf bekannte menschliche Ängste konzentriert: Bedrohungen von Außenseitern, Verlust der Identität, verminderte Autonomie und Kontrolle über das eigene Leben, Verlust der materiellen Sicherheit und Unbekanntes. Diese Ängste sind sehr real und können nicht leicht abgetan werden. Studien haben gezeigt, dass ein hohes Maß an Unsicherheit, Bedrohung und Angst sowohl physiologische als auch psychologische Veränderungen verstärkte Angstreaktionen hervorrufen. Je mehr Gefahr wahrgenommen und je mehr Angst produziert wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Menschen populistische Lösungsangebote unterstützen.

Populismus stellt besondere Herausforderungen an den Journalismus und diejenigen, die an Fakten und die Vernunft glauben. Die stärkste populistische Unterstützung kommt von schlecht oder falsch informierten Personen, die populistischen Anführern jedes Wort glauben. Sie schenken gewaltigen Reden und Spektakeln große Aufmerksamkeit, reagieren überempfindlich auf Bedrohungen und zeigen übertriebene Angstreaktionen. Sie neigen dazu, Beweise des Gegenteils, logische Argumente oder Gutachten von Experten zu ignorieren, weil sie glauben, dass diese Teil von Elitenmanipulation und Verschwörungen sind und nur sie in der Lage sind, die Wahrheit zu erkennen.

Der heutige Populismus ist geprägt durch seinen Fokus auf einige gemeinsame Elemente: Unzufriedenheit über die Effektivität des Regierungshandelns, Ärger über wirtschaftliche und berufliche Zustände, Angst und Feindseligkeit gegenüber Immigranten und die Bereitschaft, simplistische Erklärungen und Lösungen anzunehmen. Die repräsentative Demokratie wird als von einer korrupten Elite kontrolliert wahrgenommen, die abgeschafft gehört. Die Gewaltenteilung in eine unabhängige Legislative, Exekutive und Judikative wird als unerwünscht angesehen, da sie die Effektivität des Regierungshandelns reduziert und der populistischen Agenda im Wege steht. Populisten glauben, dass Regierungen wirtschaftliche und soziale Bedingungen leicht und schnell ändern können. Ihr Weltbild enthält typischerweise Elemente eines virulenten Nationalismus und Isolationismus.

Um ihre Ansichten zu verbreiten, bedienen sich populistische Anführer fast immer Übertreibungen, falscher Behauptungen und Demagogie. Sie weisen  narzisstische Wesenszüge auf und zeigen Verachtung für andere Menschen. Ihre rhetorischen Mittel lösen keine negativen Reaktionen bei ihren Unterstützern aus, sondern verstärken sogar noch ihre Unterstützung und werben neue Anhänger. Sie sorgen außerdem für große Schlagzeilen und bieten eine Fülle an Material für Beiträge von Journalisten und Nachrichtenmedien.

Versäumnisse in der Berichterstattung

Der Populismus nutzt die Schwachstellen des Journalismus aus, die durch diese Nachrichtenauswahl und journalistischen Praktiken entstehen. Indem Journalisten über die Auftritte von Populisten und ihre befremdlichen Aussagen berichten, sie fair behandeln und ihre Reden und Aktivitäten präzise wiedergeben, werden sie leicht Opfer der Instrumentalisierung und verzerren unbeabsichtigt die Wahrheit. Bösartige Ideen, die im Gegensatz zur Demokratie, der menschlichen Würde und Wissen stehen, werden regelmäßig ohne eine direkte Korrektur oder Kritik verbreitet. Dadurch werden die grundlegenden Werte, auf denen der Journalismus aufgebaut wurde, in Gefahr gebracht.

Teil des Problems ist, dass die journalistische Auswahl der Themen und Personen stark in Richtung des Neuen, Ungewöhnlichen, Unerwarteten und Abweichenden verzerrt ist. Populistische Kundgebungen und Reden beinhalten normalerweise all diese Faktoren und bekommen deshalb Aufmerksamkeit von Journalisten und Medienunternehmen. Das alleine hilft Populisten schon, aber es gibt auch erhebliche Versäumnisse in der Berichterstattung selbst.

1) Korrekte Berichterstattung ist nicht immer repräsentativ

Es ensteht ein Versäumnis, wenn Journalisten zwar exakt berichten, was gesagt wird, die Geschichte dem Leser, Hörer oder Zuschauer aber nicht das wahrhaftige Bild der Welt präsentiert. Wenn Geschichten voller Behauptungen stecken, die auf Fehlinformationen und Unwahrheiten basieren, und diese von den Journalisten nicht hinterfragt oder durch Entgegnungen anderer Parteien entkräftet werden, dann wird ein Teil der Öffentlichkeit diese Behauptungen als wahrhaftig akzeptieren und glauben, dass sie auf bewährten Informationen basieren. Qualitätsjournalismus identifiziert dubiose Behauptungen und verzichtet darauf, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen.

2) Berichterstattung ohne ausreichende Faktenüberprüfung

Das zweite Versäumnis beinhaltet die Berichterstattung ohne ausreichende Faktenüberprüfung und Kontextualisierung. Journalisten haben die Verpflichtung gegenüber ihren Lesern und der demokratischen Gesellschaft sicherzustellen, dass die Informationen in jedem Artikel so wahrhaftig sind wie möglich. Das bedeutet, dass Journalisten mehr tun müssen als nur darüber zu berichten, was die Politiker gesagt haben. Sie müssen Informationen sammeln, die die gemachten Aussagen bestätigen oder widerlegen und sie müssen zeigen, wo Aussagen auf Fehlinformationen oder falschen Tatsachen beruhen. Journalisten müssen getroffene Forderungen untersuchen, die Fakten recherchieren und Lügen aufdecken.

3) Ausgewogene Berichterstattung kann die Wahrheit verzerren

Das dritte Versäumnis bei der Berichterstattung über populistische Anführer und Bewegungen resultiert daraus, dass Journalisten oft nicht auf die erheblichen Herausforderungen eingehen, die das Ideal der ausgewogenen Berichterstattung mit sich bringt. Die Idee der Ausgewogenheit – dass es zwei Seiten einer Geschichte gibt, die erzählt werden müssen – verzerrt sehr oft die Wahrheit. Die Idee,  zwei Seiten darzustellen, ist allem Anschein nach fehlerhaft, denn es gibt meistens mehrere Seiten einer Geschichte. Ein wirkliches Versäumnis entsteht dagegen dann, wenn eine ausgewogene Darstellung dem Leser den Eindruck vermittelt, dass jede Perspektive das gleiche Gewicht erhalten sollte und auf ähnlicher Wahrhaftigkeit beruht.

Das Problem der falschen Gleichwertigkeiten ist eine erhebliche Herausforderung bei der Berichterstattung über Populisten und andere, denn es gibt einige Ideen, die einfach ignoriert, abgelehnt oder angezeigt werden sollten. Nicht alle Ideen haben den gleichen Wert und nicht alle sollten in der gleichen Art und Weise dargestellt werden.

Journalisten müssen Lesern helfen, zwischen vernünftigen und unvernünftigen Ideen zu unterscheiden. Dieses Gleichwertigkeits- und Ausgewogenheitsproblem wird besonders dann problematisch, wenn über Aussagen und Ideen berichtet wird, die auf Fehlinformationen, Falschdarstellungen und Unwahrheiten beruhen. Wie kann die Wahrheit mit einer Lüge aufgewogen werden? Wenn Journalisten unangemessen neutral bleiben, helfen sie der Verbreitung von Unwahrheiten und Lügen und fördern die Ursachen von Hass und Rassismus.

4) Journalisten müssen auch ihrem Publikum gegenüber fair sein

Ein viertes Versäumnis beinhaltet den Aspekt der Fairness. Journalisten sind verpflichtet, denen gegenüber fair zu sein, über die sie berichten, aber auch gegenüber jenen, für die sie berichten. Die Verpflichtung fair Bericht zu erstatten heißt aber nicht, dass es gestattet sein sollte, Unterstellungen, Übertreibungen, Unwahrheiten und Lügen ohne Erwiderung zu verbreiten. Und wenn es zum Konflikt zwischen der Pflicht zur fairen Berichterstattung über diejenigen, über die berichtet wird, und die Öffentlichkeit kommt, sollte die Verpflichtung den Lesern, Zuschauern und Hörern gegenüber siegen.

5) Populisten sind in der Lage, die journalistische Praxis zu kontrollieren

Das fünfte Versäumnis besteht darin, die Manipulation zu ignorieren oder nicht auf sie zu reagieren.Viele Populisten haben gelernt, die journalistische Praxis zu ihrem Vorteil zu nutzen. Journalisten müssen besonders aufmerksam sein, da Kundgebungen, Reden und populistische Antworten auf öffentliche Ereignisse und Entwicklungen – Terroranschläge, Angst vor Ausländern, die ins Stocken geratene Politik im Nahen Osten, stagnierende Wirtschaften – ganz klar dazu genutzt werden, die Aufmerksamkeit der Medien zu erlangen oder die Berichterstattung zu verdrehen. Es sollten Schritte unternommen werden, um sicherzustellen, dass die Berichterstattung nicht übermäßig empfänglich auf bewusst provokative Sprache und Behaupten reagiert. Das Versäumnis, sich sorgfältig vor Manipulationen zu schützen, macht Journalisten mitschuldig an den Auswirkungen des Populismus.

6) Wie man über Populismus berichten kann, ohne sein Sprachrohr zu werden

Es gibt nur sehr wenig, was Journalisten direkt tun können, um die Angst und das mangelnde Wissen der populistischen Anhänger zu überwinden, denn die meisten sind keine regelmäßigen Leser oder Zuschauer von Qualitätsnachrichten. Trotzdem müssen wir sicherstellen, dass jene, die unsere Medien konsumieren, Populismus und seine Bedrohung verstehen. Wir müssen sicherstellen, dass wir Populismus als solchen identifizieren, ihn früh genug zum Thema machen und dann weiterhin kritisch und vorsichtig über ihn berichten, ohne sein Sprachrohr zu werden und neue Anhänger zu rekrutieren.

Wir müssen uns bewusst werden, dass unsere journalistischen Praktiken unsere Berichterstattung verzerren, uns anfällig für Manipulationen machen oder unbeabsichtigte Effekte haben kann. Journalistische Praktiken sind nicht unantastbar, aber sie sind dazu da uns zu helfen, der Öffentlichkeit und der demokratischen Gesellschaft besser zu dienen. Die blinde und unkritische Einhaltung der Praktiken kann für die Erreichung dieser Ziele gefährlich werden. Wir müssen uns fortwährend fragen, ob wir nur gegenüber unseren journalistischen Praktiken Loyalität zeigen oder auch gegenüber unserem Publikum und der Demokratie.

Der Populismus ist nach wie vor eine Gefahr für die repräsentative Demokratie. Es liegt in unserer Verantwortung als Bürger und als Journalisten, eine effektive Antwort auf ihn zu finden und sicherzustellen, dass unsere Berichterstattung der Öffentlichkeit die Informationen gibt, die sie braucht, um seine Bestandsteile, Defizite und Bedrohungen einzuschätzen. Die Zukunft der Demokratie hängt davon ab.

Auszüge der Keynote-Rede „Journalismus, Populismus und die Zukunft der Demokratie“ von Robert G. Picard, Reuters Institute, Oxford-Universität, anlässlich der Feier zum 40-jährigen Bestehen des Instituts für Journalistik der Technischen Universität Dortmund am 28. Oktober 2016.

Übersetzt aus dem Englischen von Lena Christin Ohm

Bildquelle: Gage Skidmore / Flickr Cc: Donald Trump; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

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  • Johann Sajdowski

    Einmal mehr wird “Populismus” lediglich beschrieben, aber nicht wissenschaftlich definiert. Populismus ist eine Form der Politikvermittlung und keine Inhaltsangabe – dementsprechend gibt es Linkspopulismus, Rechtspopulismus, ja sogar Grünpopulismus. Was Deutschland betrifft, so neigt sich der rotgrüne Kulturkampf – mit dem Ergebnis eines herrschenden rotgrünen Milieus in Gesellschaft, Politik und Kultur – langsam seinem Ende zu. Es geht also hierzulande um etwas ganz anderes als um Populismus.

  • Gerit Chat

    Übersetzen sie mal Populismus ins Deutsche. Das Wort an sich.
    Schwachsinniger Artikel oder besser Propaganda!

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