Kein Sinn fürs Europäische

29. Februar 2016 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Der Ukraine-Konflikt ist in der europäischen Presse sehr unterschiedlich gewichtet worden. Das zeigt eine vergleichende Studie, die 13 Länder berücksichtigte.

Ukraine (2)Europa steht dieser Tage vor den größten Herausforderungen seiner Geschichte. Der Kampf gegen den Terrorismus, die Frage nach dem Umgang mit Hunderttausenden von Flüchtlingen, das Erstarken populistischer Parteien, die Griechenland-Krise, der drohende ‚Brexit’ und nicht zuletzt der eingefrorene Krieg in der Ukraine – all das zwingt die europäischen Staaten zu fundamentalen Richtungsentscheidungen. Zugleich war die Uneinigkeit zwischen den Mitgliedern der EU wohl nie größer, selten zuvor wurden Interessenkonflikte so offen ausgetragen.

Welche Rolle spielen die nationalen Medien in diesen großen europäischen Debatten? Mit dieser Frage hat sich nun eine Studie des European Journalism Observatory (EJO) befasst. Vor einigen Wochen hatte das EJO bereits eine Studie über den Umgang ost- und westeuropäischer Medien mit der Flüchtlingskrise veröffentlicht. Für die aktuelle vergleichende Studie zur Ukraine-Berichterstattung führte das EJO eine Inhaltsanalyse der beiden maßgeblichen Tageszeitungen in 11 europäischen Ländern sowie Russland und der Ukraine selbst durch. Teams von Forschern an 13 Universitäten untersuchten vergleichend die Berichterstattung an vier ausgewählten Zeitpunkten (Euromaidan, Referendum über die Krim, Referendum über die Ost-Ukraine, Präsidentschaftswahlen; jeweils sechs Ausgaben pro Ereignis). Analysiert wurden insgesamt 3.023 Artikel.

Nationale Medien folgen der nationalen Politik

Die nun vorgelegten Daten belegen, wie schlecht es derzeit um die europäische Öffentlichkeit bestellt ist – wie auch in der Flüchtlingskrise unterscheidet sich im Ukraine-Konflikt die Agenda der europäischen Medien fundamental. Während in der Flüchtlingsdebatte jedoch west- versus osteuropäische Argumentationsmuster erkennbar werden, ist die europäische Öffentlichkeit im Ukraine-Konflikt in vielerlei Hinsicht gespalten: In den deutschen und polnischen Qualitätszeitungen erschienen im untersuchten Zeitraum jeweils mehr als 250 Artikel zum Ukraine-Konflikt, in Rumänien nicht einmal 30 Beiträge. Doch auch in den Niederlanden war das Medieninteresse mit 129 Beiträgen zunächst vergleichsweise gering – das änderte sich erst nach dem Abschuss des Flugs MH17 mit zahlreichen niederländischen Opfern, so EJO-Experte Simon S. Knopper von der Fontys Universität.

Die gleiche vergleichsweise niedrige Anzahl von Artikeln erschien in den untersuchten Zeiträumen in den britischen Leitmedien Times und Guardian. Ganz offensichtlich folgt die Agenda der nationalen Zeitungen der Agenda der nationalen Politik. Die Medien wenden sich in dem Maße von der politischen Weltbühne ab, wie dies die auf innenpolitische Themen fokussierte Regierung Cameron tut. Doch werden Medien, zumal in einer globalisierten Welt, dann noch ihrer ‚Frühwarnfunktion’ gerecht, wie sie der US-Politologe John Zaller beschreibt? Selbst in Staaten wie Tschechien und Lettland war die Aufmerksamkeit für den Ukraine-Konflikt mit insgesamt 187 bzw. 174 Artikeln immer noch deutlich geringer als in der sich fernab der Konfliktlinien befindlichen, aber traditionell und zumal aus wirtschaftlichen Motiven weltoffenen Schweiz mit 237 Artikeln, die insbesondere auf das Konto der Neuen Zürcher Zeitung gingen.

Das erstaunliche Fazit: Selbst in Staaten, die bittere Erfahrungen mit sowjetischer Einflussnahme bis hin zu Invasion oder Annexion machen mussten, ist die Aufmerksamkeit für das Thema Europa und Ukraine gering, so die EJO-Experten Roman Hajek von der Karls-Universität Prag und Liga Ozolina von der Turiba-Universität in Riga. Was die Wertung des Konflikts angehe, sei die Nähe einiger osteuropäischer Zeitungen zur Regierungslinie bedenklich.

Im Bann von Putin – blind für Europa

Die EJO-Daten belegen auch: In vielen untersuchten Ländern widmen selbst die Qualitätsmedien europäischen Themen noch immer zu wenig Aufmerksamkeit. Dies zeigt sich nicht zuletzt beim Blick auf die in den Artikeln vorkommenden Akteure: Die Berichterstattung wird von Politikern aus der Ukraine und aus Russland beherrscht. Kein anderer Akteur findet in der Ukraine-Krise in den analysierten Zeitungen so viel Beachtung wie der russische Präsident Vladimir Putin (9,1 % aller Nennungen). Vertreter der EU und führende Politiker der EU-Mitgliedsstaaten wie Angela Merkel und François Hollande, aber auch Akteure aus den USA, stellen hingegen zusammengenommen nicht einmal ein Viertel der Akteure in den Texten.

Nicht zuletzt sind die Ergebnisse der EJO-Studie Beleg für die Gefahr, die von dem derzeitigen wirtschaftlichen Niedergang von Redaktionen quer durch Europa für die Qualität der öffentlichen Debatte ausgeht. Nirgends wird dies so deutlich wie in Ost- und Südosteuropa: In Rumänien, aber auch in Serbien und Albanien ist der überraschend geringe Stellenwert des Ukraine-Konflikts auch mit den fehlenden Ressourcen selbst der Qualitätsmedien für Auslandsberichterstattung zu erklären. Erst nachdem beispielsweise der rumänische Adevarul einen ‚Fallschirm-Korrespondenten’ zum Euromaidan entsandte, kam die Ukraine-Berichterstattung in Rumänien in Fahrt – und verdrängte dann über Tage sämtliche anderen außenpolitischen Themen, da sich der hohe Kostenaufwand für den Reporter in Kiew rentieren musste, so EJO-Expertin Raluca Radu von der Universität Bukarest.

Russland: Glanz der Olympischen Winterspiele in Gefahr

Wie zu erwarten, hatten die ukrainischen Medien prozentual den größten Anteil an der Berichterstattung. Im Fokus der führenden Zeitungen der Ukraine standen dabei jedoch im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Medien einfache Bürger (7,6 %), akademische Beobachter und Experten (7,3 %) und pro-westliche Angehörige der ukrainischen Armee (4,7 %). Mit Blick auf Russland werden anhand der EJO-Daten die Mechanismen der im Ukraine-Konflikt so massiv betriebenen staatlichen Propaganda erkennbar. Während sich in den anderen Ländern 20 Prozent der gefundenen Artikel mit dem Euromaidan beschäftigten, war dies nur bei 3 Prozent der Artikel in Russland der Fall – offenbar sollten die Ereignisse in der Ukraine nicht den Glanz der parallel in Sotschi stattfindenden Olympischen Winterspiele trüben, so EJO-Expertin Anna Litwinkeno von der Universität St. Petersburg und der Freien Universität Berlin. Weiteres Manko: Es waren nur wenige russische Auslandskorrespondenten vor Ort.

Während der Euromaidan in russischen Medien dethematisiert wurde, erhielten die Referenden über die Krim und die Ost-Ukraine deutlich mehr Aufmerksamkeit in russischen Medien als in den Zeitungen der anderen untersuchten Länder. Das gilt für die staatsnahe Rosiskaya Gazeta ebenso wie für die liberale Wirtschaftszeitung Komersant – Litwinenko zufolge ein weiterer Beleg dafür, wie stark eingeschränkt die Ukraine-Debatte in der russischen Öffentlichkeit derzeit ist.

Untersuchte Zeitungen: Albanien: Panorama und Shqip; Deutschland: Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung; Großbritannien: The Guardian und The Times; Lettland: Diena und Latvijas Avīze; Niederlande: De Telegraaf und De Volkskrant; Polen: Gazeta Wyborcza und Rzeczpospolita; Portugal: Diário de Notícias und Público; Rumänien: Adevarul und Romania Liberă; Russland: Kommersant und Rossiyskaya Gazeta; Schweiz: Neue Zürcher Zeitung und Tagesanzeiger; Serbien: Danas und Kurir; Tschechien: Mlada Fronto Dnes und Právo; Ukraine: Den und Segodnya.

An der Studie beteiligt waren Prof. Dr. Susanne Fengler, Marcus Kreutler, Tina Bettels-Schwabbauer, Janis Brinkmann und Henrik Veldhoen vom deutschen EJO / Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus, Matilda Alku vom albanischen EJO, Liga Ozolina vom lettischen EJO, Dr. Michal Kus und Anna Paluch vom polnischen EJO, Roman Hájek und Sandra Stefanikova vom tschechischen EJO, Dr. Dariya Orlova und Maria Teteriuk vom ukrainischen EJO, Débora Medeiros von der Freien Universität Berlin, Simon S. Knopper von der Fontys Universität in den Niederlanden, Stefan Georgescu von der Andrei Saguna University in Rumänien, Anna Litvinenko von der St. Petersburg State University in Russland / Freien Universität in Berlin, Filip Dingerkus und Mirco Saner von der ZHAW in der Schweiz und Bojana Barlovac von der Universität Belgrad in Serbien.

Erstveröffentlichung: NZZ vom 27. Februar 2016 

Update vom 8. März 2016: In einer früheren Version hieß es: Es waren keine russischen Auslandskorrespondenten vor Ort. Dies stimmt nicht und wurde korrigiert – es waren nur wenige russischen Auslandskorrespondenten vor Ort.

Bildquelle: Sasha Maksymenko / Flickr Cc

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