Kopf an Kopf

16. Dezember 2016 • Qualität & Ethik • von

Nach der Wahl ist vor der Wahl – vom rechten Umgang mit Populismus und Wahlprognosen.

us-electionsDie Schockstarre nach dem Wahltag in den USA, die daran anschließende Selbstinspektion in den Redaktionen und Wahlforschungsinstituten machen allmählich wieder der Alltagsroutine Platz. Für die meisten Journalisten und Meinungsforscher heißt das realistischerweise: Weiter so wie bisher…

Aber das Problem, wie Journalisten mit Populisten umgehen sollten, wird bleiben. Wissenschaftler sind aus Sicht vieler Medienpraktiker wohl nicht erste Wahl, um hier Ratschläge zu erteilen. Wird indes einer von ihnen zum 40. Geburtstag eines Journalistik-Studiengangs als Keynote-Speaker eingeladen, gilt vielleicht doch der Anfangsverdacht, er könnte etwas Mitteilenswertes zu sagen haben.

So geschehen kürzlich in Dortmund, wo der Medienökonom Robert Picard der Zunft ins Gewissen geredet hat. Der Amerikaner gehört zur Handvoll Journalismusforscher, die rastlos von Auftritt zu Auftritt um den Globus jagen. Er kennt auch Europa wie seine Westentasche, weil er über viele Jahre hinweg im schwedischen Jönköping sowie am Reuters Institute der Universität Oxford gearbeitet hat.

Bei seinem Auftritt an der TU Dortmund hat er Journalisten, Studierende und Ausbilder an einige professionelle Spielregeln erinnert, die trotz aller Konkurrenz um Clicks im 24/7-Produktionsrhythmus Bestand haben sollten, wenn wir nicht in Fluten von Desinformation versinken wollen.

Journalismus versagt, so Picard, wenn Berichterstatter zwar präzise wiedergeben, was gesagt wurde, „aber ihre Geschichte für Leser, Hörer oder Zuschauer nicht akkurat widerspiegelt, was in der Welt wirklich los ist.” Journalisten müssen „Gesagtes überprüfen, die Fakten herausklauben und Falschaussagen als solche kenntlich machen”.

Weiter setzte sich Picard mit dem Konzept der Ausgewogenheit auseinander. Die „Idee, dass beide Seiten einer Geschichte erzählt werden müssen, verzerrt oft die Wahrheit“, erklärte er. Schon das Konzept der zwei Seiten sei „verkehrt, weil es ja meist mehrere Seiten gibt“. Journalisten seien eben nicht nur ihren Quellen, sondern vor allem ihren Publika gegenüber zu Fairness verpflichtet – sonst würden sie schnell „zu Komplizen der Populisten” und wohl auch der Terroristen. Wäre Anne Will Picards Ratschlägen gefolgt, hätte sie die vollverschleierte, in der Schweiz lebende IS-Propagandistin Nora Illi sicherlich nicht in ihre Talkshow eingeladen.

Doch nicht nur Journalisten, auch Medien- und Meinungsforscher haben im Umgang mit Populisten ihre liebe Not – und verrenken sich dabei mitunter heftig. Wolfgang Schweiger (Universität Hohenheim) kam in einem Facebook-Posting zu dem Schluss, dass die kursierenden Erklärungsversuche für das Prognose-Debakel bei der Präsidentschaftswahl „allesamt falsch“ seien. Er wartete mit einer bemerkenswert simplen Deutung auf: „Rechtsrassistische Wähler verachten in allen Ländern das Establishment, die Eliten, die Systemparteien – wie auch immer man es nennen mag.“ Dazu gehörten auch Experten und Wissenschaftler, und deshalb würden sich solche Wähler schlicht Befragungen verweigern. Vermutlich hat er Recht. Fraglich ist indes, ob damit die Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann widerlegt ist, wie Schweiger ebenfalls meint. Ihr zufolge ist die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas abhängig .Steht die eigene Meinung zur als vorherrschend betrachteten öffentlichen Meinung im Gegensatz, gibt es Hemmungen, sie zu äußern. Ob die rechten Wähler ihre Wahlabsicht nicht kundtun, weil sie sich nicht getrauen, ihre Meinung auszusprechen, oder ob sie erst gar nicht mit den Forschern reden, ändert letztlich nichts am Ergebnis, dass unter solchen Rahmenbedingungen keine verlässlichen Prognosen entstehen können.

Eher ist es wohl einmal mehr so, dass die Prophetin im eigenen Land nichts gilt. Der italienische Populismus-Forscher Gianpietro Mazzoleni misstraute jedenfalls am Vorabend der Wahl den Prognosen, die einen Sieg von Hillary Clinton vorhersagten – ebenso wie der Wahlforscher Jonathan Mellow, Soziologe an der University of Oxford. Beide verwiesen explizit auf die Schweigespirale und erklärten so den Überraschungseffekt, der sich tags darauf einstellte.

Journalisten, die ihre Publika ernst nehmen und fair über die Grenzen der Demoskopie unterrichten möchten, sollten endlich aufhören, Wahlkampf als Kopf an Kopf-Rennen zu inszenieren. Die Fehlerschwankungen bei Prognosen liegen nun einmal bei plus-minus drei Prozent. Hinzu kommt, dass im komplizierten US-Wahlsystem, bei dem es auf die Swing States ankommt, diese Fehlerquoten einen kumulativen Effekt zeitigen können. Da bei der Auszählung der absoluten Stimmenzahlen Hillary Clinton sogar einen hauchdünnen Vorsprung hatte, sollten Journalisten nicht triumphierend Wahlforschern deren Fehlprognosen unter die Nase reiben, sondern lieber bei Thomas Petersen – oder gleich im Original bei Noelle-Neumann – nachlesen, was Demoskopie zu leisten vermag und was nicht.

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Dass Donald Trump nach der Wahl Kreide gefressen haben könnte, weil er ja noch gar nicht gewählt ist und er sein wahres Gesicht erst wieder zeigen wird, wenn die Wahlmänner entschieden haben, war bisher kaum irgendwo zu lesen. Vielleicht ja auch das eine Spielart des neuen „Journalismus“, der weder von Institutionenkenntnis geprägt ist noch Fakten checkt und Wahrheit sucht.

Lektüretipps:

Robert Picard, Journalisten: Berichterstatter oder Sprachrohr des Populismus? European Journalism Observatory 2016, http://de.ejo-online.eu/qualitaet-ethik/journalisten-sprachrohr-des-populismus

Thomas Petersen, Die Vermessung des Bürgers. Wie Meinungsumfragen funktionieren, Konstanz: UVK 2015

Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale. Die öffentliche Meinung, unsere soziale Haut, München: Piper 1984

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist Nr. 12 / 2016

Bildquelle: Helen Penjam / Flickr CC: WP_20161109_02_11_06_Rich; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Schlagwörter:, , , , , , , , , ,

Send this to friend