Kritik an Medien ist ein Nationalsport

10. März 2010 • Qualität & Ethik • von

Mike Jempson, Direktor des MediaWise Trust, zeigt im Interview mit dem EJO auf, welchen Stellenwert Media Accountability in Großbritannien hat und welche Probleme der Bürgerjournalismus mit sich bringen könnte.

Herr Jempson, gibt es in Großbritannien erfolgreiche Beispiele für Media Accountability?

In Großbritannien ist es seit Generationen sozusagen ein Nationalsport, das Verhalten der Medien in Frage zu stellen. Zahlreiche Privatpersonen und Kampagnengruppen haben bereits Druck auf die Medien ausgeübt, wenn diese sexistisch, rassistisch, homophob oder auf andere Art und Weise diskriminierend berichtet haben. Viele dieser Kampagnen sind sogar wissenschaftlich begleitet worden, was die Berichterstattung Schritt für Schritt beeinflusst und auch die journalistischen Praktiken verbessert hat.

Die ‚National Union of Journalists’, der etwa 30.000 Journalisten angehören, hat Richtlinien herausgeben, wie Journalisten über Themen wie zum Beispiel Sexualität, Rassismus und Altersdiskriminierung berichten sollten. Es gibt auch viele Interessengruppen, die solch einen Leitfaden für Journalisten veröffentlichen, oft in Zusammenarbeit mit MediaWise.

So haben Interessengruppen, die Asylbewerber und Flüchtlinge vertreten, die Pressebeschwerdekommission dazu gebracht, Leitlinien für Journalisten herauszugeben, die zu einer akkurateren Berichterstattung über dieses Themengebiet führen sollen. Zudem hat eine Suizidpräventionsgruppe Journalisten davon überzeugen können, dass die Veröffentlichung von Selbstmordmethoden zum Selbstmord anstiften kann.

Sollte für den Online-Journalismus ein neuer Ethik-Kodex entwickelt werden?

Ich sehe keinen Grund, warum für journalistische Produkte im Internet die schon bestehenden journalistischen Kodizes und Richtlinien nicht ausreichen sollten. Die große Frage ist, wer ein Journalist ist – und sich damit zur Exaktheit und Faktenkontrolle verpflichten sollte – und wer lediglich individuell beobachtet oder gar polemisiert und Meinungen als Fakten ausgibt.

Was war eine der wichtigsten Innovationen im Journalismus in Großbritannien in der jüngsten Vergangenheit?

Da gab es einige – es ist noch früh zu sagen, welche davon die wichtigsten sind.
Viele Zeitungsverlage binden nun Videos in ihre Internetseiten ein – oft sind das Videos, die nicht den Regeln der etablierten TV-Berichterstattung unterliegen, wie zum Beispiel Fairness und Objektivität. Mit anderen Worten: Die bevorstehenden Wahlen könnten von parteipolitischer Online-Berichterstattung beeinflusst werden – dies wäre eine bedeutende Veränderung in der politischen Berichterstattung in Großbritannien.

„Hyperlokale“ Online-Ausgaben von Lokalzeitungen haben ihre Leser zu Reportern gemacht. So müssen Verlage keine neuen Journalisten einstellen und können Geld sparen. Auf der einen Seite könnte man den Bürgerjournalismus als eine Art demokratischer Fortschritt betrachten, auf der anderen Seite könnte er den traditionellen Trainingsmethoden im Journalismus den Todesstoß versetzen.

Texte und Bilder, die von Bürgern an etablierte Medien geliefert werden, verändern auch nach und nach die Erwartung an die Berichterstattung. Die Aktualität steigt, aber es besteht auch eine größere Gefahr, Falschmeldungen zu veröffentlichen. Die Frage ist, ob das die Verlage dazu veranlasst, wieder mehr Journalisten zur Berichterstattung raus zu schicken.

err Jempson, gibt es in England erfolgreiche Beispiele für Media Accountability?

 
In Großbritannien ist es seit Generationen sozusagen ein Nationalsport, das Verhalten der Medien in Frage zu stellen. Zahlreiche Privatpersonen und Kampagnengruppen haben bereits Druck auf die Medien ausgeübt, wenn diese sexistisch, rassistisch, homophob oder auf andere Art und Weise diskriminierend berichtet haben. Viele dieser Kampagnen sind sogar wissenschaftlich begleitet worden, was die Berichterstattung Schritt für Schritt beeinflusst und auch die journalistischen Praktiken verbessert hat. 
 
Die ‚National Union of Journalists’, der etwa 30.000 Journalisten angehören, hat Richtlinien herausgeben, wie Journalisten über Themen wie zum Beispiel Sexualität, Rassismus und Altersdiskriminierung berichten sollten. Es gibt auch viele Interessengruppen, die solch einen Leitfaden für Journalisten veröffentlichen, oft in Zusammenarbeit mit MediaWise. So haben Interessengruppen, die Asylbewerber und Flüchtlinge vertreten, die Pressebeschwerdekommission dazu gebracht, Leitlinien für Journalisten herauszugeben, die zu einer akkurateren Berichterstattung über dieses Themengebiet führen sollen. Zudem hat eine Suizidpräventionsgruppe Journalisten davon überzeugen können, dass die Veröffentlichung von Selbstmordmethoden zum Selbstmord anstiften kann. 
 
 
Sollte für den Online-Journalismus ein neuer Ethik-Kodex entwickelt werden?
 
Ich sehe keinen Grund, warum für journalistische Produkte im Internet die schon bestehenden journalistischen Kodizes und Richtlinien nicht ausreichen sollten. Die große Frage ist, wer ein Journalist ist – und sich damit zur Exaktheit und Faktenkontrolle verpflichten sollte – und wer lediglich individuell beobachtet oder gar polemisiert und Meinungen als Fakten ausgibt. 
 
 
 

Was war eine der wichtigsten Innovationen im Journalismus in Großbritannien in der jüngsten Vergangenheit?

 
Da gab es einige – es ist noch früh zu sagen, welche davon die wichtigsten sind. 
 
Viele Zeitungsverlage binden nun Videos in ihre Internetseiten ein – oft sind das Videos, die nicht den Regeln der etablierten TV-Berichterstattung unterliegen, wie zum Beispiel Fairness und Objektivität. Mit anderen Worten: Die bevorstehenden Wahlen könnten von parteipolitischer Online-Berichterstattung beeinflusst werden – dies wäre eine bedeutende Veränderung in der politischen Berichterstattung in Großbritannien. 
 
„Hyperlokale“ Online-Ausgaben von Lokalzeitungen haben ihre Leser zu Reportern gemacht. So müssen Verlage keine neuen Journalisten einstellen und können Geld sparen. Auf der einen Seite könnte man den Bürgerjournalismus als eine Art demokratischer Fortschritt betrachten, auf der anderen Seite könnte er den traditionellen Trainingsmethoden im Journalismus den Todesstoß versetzen. 
 
Texte und Bilder, die von Bürgern an etablierte Medien geliefert werden, verändern auch nach und nach die Erwartung an die Berichterstattung. Die Aktualität steigt, aber es besteht auch eine größere Gefahr, Falschmeldungen zu veröffentlichen. Die Frage ist, ob das die Verlage dazu veranlasst, wieder mehr Journalisten zur Berichterstattung raus zu schicken.  
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