Lust und Frust auf Rädern

17. Februar 2008 • Qualität & Ethik • von

St. Galler Tagblatt, 15.2.2008

Das heikle Verhältnis zwischen Medien und Autobranche
Gebrauchsgegenstand, Luxusobjekt, Dreckschleuder – dem Auto werden ambivalente Gefühle entgegengebracht. Denen, die über Autos berichten, ebenfalls. Das zeigte eine Tagung in Bern.

«Das Auto wird missbraucht für politische Zwecke», klagte der Generaldirektor der Toyota AG, Philippe Rhomberg, bei einer Tagung des Schweizer Autogewerbeverbands im Stade de Suisse in Bern die Medienschaffenden an. «Wenn wir in den Medien auftauchen, dann hinten im Auto-Teil, die Schlagzeilen vorne hingegen gehören den Auto-Gegnern: Die Spiesse sind nicht gleich lang.»

Vorwurf der Manipulation
Markus Hutter, Unternehmerkollege und Nationalrat, bestärkte: Mittlerweile gebe es gar keine Lobby fürs Auto mehr, nur noch für den öffentlichen Personennahverkehr. Hier werde fast alles Geld investiert; Medien manipulierten, indem sie viele Leistungen des Autogewerbes verschwiegen – obgleich sie selbst ohne die durchs Auto erzeugte Wirtschaftskraft gar nicht existieren könnten.

Überschätzter Einfluss
Die Bürgerstimmen, die der Verband eingesammelt hat, klingen anders: Als «neutral» und «gut genug» bezeichneten die einen die Medienberichterstattung, einer fand Autos schlicht hässlich, andere sagten, sie beachten die Medienberichte nicht: «Die wollen uns ohnehin alles vermiesen.»

Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft im deutschen Geislingen, riet, den Einfluss der Medien auf die Kaufbereitschaft nicht zu überschätzen. Peter de Haan, der an der ETH Zürich über Autokaufverhalten forscht, fand, in der Kritik liege auch eine Chance. Die immer umweltverträglicher gebauten Autos legten Neuanschaffungen nahe, zumal viele Autokäufer beides wollten: einen schönen, grossen Wagen und ein gutes Umweltgewissen.

«Wir bieten Plattformen, die Debatten müssen Sie führen», gab Peter Hartmeier, Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», den Schwarzen Peter an das Autogewerbe zurück. «Sie haben Superdesigner, aber ihre Medienarbeit und ihre politische Arbeit sind schwach», analysierte Peter Rothenbühler, Redaktionsdirektor der Matin-Gruppe: «Sie machen nur Werbung für das Auto. Schaffen Sie einen Event, bringen Sie Vorschläge für den innerstädtischen Verkehr, die die Leute clever finden.»

Das Auto ist stark vertreten…
Benachteiligt oder nicht – die Einschätzungen sind überwiegend nur gefühlt. Eine Studie des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern, die der Autogewerbeverband in Auftrag gab, bringt etwas Licht ins Dickicht der Mutmassungen. Sicher ist: Das Auto ist stark vertreten in den Medien.

Je nach Ressort unterscheidet sich das Bild – tendenziell negativ im Politikressort, ausgewogen im Wirtschaftsteil, meist positiv im Autoressort. Untersucht wurden elf Schweizer Zeitungen zu Themen des Jahres 2007 – Tages-, Sonntags-, Gratis-, Kauf-, Boulevard-, Qualitätsblätter, regionale wie überregionale Zeitungen.

…auch in Pendlerzeitungen

Auf der «eher positiv»-Seite stehen Boulevard-, Regional-, Sonntags- und Gratiszeitungen. Warum das so ist, könnte eine vertiefte Studie erklären, erläuterte der Institutsdirektor, der Medienwissenschafter Roger Blum. Schon jetzt gebe es viele überraschende Beobachtungen: Ausgerechnet Pendlerzeitungen stellen das Auto in ein sehr gutes Licht…

Das Verhältnis zwischen Medien, Politik und Autobranche hat weitere Dimensionen. In der Medienbranche unvergessen ist die Reaktion mehrerer Autoimporteure auf kritische Artikel über die Autolobby im «Tages-Anzeiger». Sie buchten über Jahre hinweg keine oder kaum noch Anzeigen; die Zeitung verlor dadurch allein 1979 über die Hälfte der Werbeeinnahmen für Neuwagen. Ein Blatt von der Grösse des «Tages-Anzeigers» stünde das auch heute finanziell durch, glaubt Chefredaktor Peter Hartmeier, entscheidend ist jeweils das Stehvermögen des Verlags.

Nicht angesprochen wurden die Gräben, die der Autojournalismus in vielen Redaktionen verursacht. Wer über Autos schreibt, gilt oft als schwarzes Schaf des Berufsstands. Als einer, der auf Rechnung von Autokonzernen an schöne Orte reist, sich ein eigenes Auto spart, weil er dauernd schicke Testwagen fährt, aber all diese Vorteile nicht offenlegt, sondern so tut, als sei er noch Journalist.

Die Frage der Unabhängigkeit

Unausgesprochen blieb auch: Wer sich an die Forderungen des Schweizer Presserats hält und solche Vorteile, die geeignet sind, die «berufliche Unabhängigkeit und die Äusserung ihrer persönlichen Meinung einzuschränken», ablehnt, fliegt hochwahrscheinlich aus dem Geschäft: nicht mehr eingeladen von den Autoherstellern, kalt gestellt, ganz ohne Lobby. Auch das müsste offen gesagt – und diskutiert werden.

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