„Manchmal sollten wir auch abgerissene Arme sehen“

29. August 2014 • Qualität & Ethik • von

Der Nahostkonflikt ist aktuell wieder omnipräsent. Bis zur jüngsten Waffenruhe gab es jeden Tag etliche Meldungen über Raketenbeschüsse und zivile Opfer, das israelische Militär und die palästinensische Hamas lieferten sich schwere Gefechte. In der Flut der Information und der Eindrücke schleichen sich auch in den deutschen Medien immer wieder stereotype Bilder ein. Das EJO sprach mit der Medien- und Politikwissenschaftlerin Carola Richter von der Freien Universität Berlin über vereinfachende Berichterstattung, wie Medienberichte aus Personen militärische Objekte machen und darüber, warum wir manchmal das Leid im Nahen Osten auch in voller Härte sehen sollten.

EJO: Frau Richter, jeden Tag sehen wir Bilder von Bomben und zerstörten Häusern – Israelis und Palästinenser befinden sich gerade in einer der längsten bewaffneten Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre. Wie schlagen sich die deutschen Medien in dem Ausnahmekonflikt?

Carola Richter: Sie reagieren reflexhaft.Der Konflikt ist kein neuer, er existiert seit Dekaden, in den internationalen Beziehungen und auch in den Medien. Was wir jetzt wieder erleben ist eine militante Eskalation und das spiegelt sich natürlich auch in der Berichterstattung wider. Es ist wie bei allen Konflikten: Wenn die Gewalt offen sichtbar wird wie jetzt, intensivieren die Medien wieder die Berichterstattung. Im Nahen Osten erleben wir diese Eskalation alle zwei bis drei Jahre. Insofern ist die aktuelle Situation nichts besonderes, einen ähnlichen Konflikt gab es auch 2012, und 2008 beziehungsweise 2009 ging es ähnlich heftig zu zwischen Israelis und Palästinensern. In jeder dieser Phasen tauchen dann die typischen Muster der Berichterstattung wieder auf, die wir auch jetzt sehen: Die Medien zeigen Zerstörung und Opfer, rühren Emotionen an und zeichnen ein einfaches schwarz-weißes Bild von zwei Lagern, die sich bekriegen.

Das hört sich an, als sei für Analyse und differenzierte Darstellungen der einzelnen Gruppen und religiösen Hintergründe kaum Platz…

So kann man das nicht sagen. Es ergibt sich in gewisser Weise ein Paradoxon: Einerseits liegt der Fokus wie beschrieben aktuell auf der Gewalt, die beide Lager sich gegenseitig zufügen. Doch andererseits entsteht in solchen Spitzenzeiten, da durch die emotionalisierende Berichterstattung überhaupt wieder Aufmerksamkeit für das Thema erreicht wird, auch mehr Raum für hintergründige Stücke wie Reportagen, Analysen, Porträts. In ruhigeren Phasen ist das Publikum durch diesen schon lange währenden Konflikt übersättigt, kann den unzähligen, meist ergebnislosen Verhandlungen nicht mehr folgen. Wenn der Konflikt aufflammt, sind die Zuschauer und Leser plötzlich viel empfänglicher auch für grundsätzliche Fragen wie „Wer steuert die Hamas?“ oder „Wer sitzt in der israelischen Politik an welchem Schalthebel?“ In der Qualitätspresse wie FAZ, SZ oder Spiegel finden wir solche Ansätze auch jetzt, so habe ich kürzlich etwa ein interessantes Porträt der neuen PR-Frau der Hamas gelesen – da werden auch mal ungewöhnliche Perspektiven gewählt.

Also hat der Konflikt – so zynisch es klingt – auch positive Effekte, zumindest für das öffentliche Bewusstsein hier?

Ich würde nicht von positiven Effekten sprechen. Man könnte sagen, durch die gesteigerte Aufmerksamkeit wird auch mehr Pluralität möglich, was Berichterstattungsformen und Perspektiven angeht. Aber das Gros der Berichterstattung bleibt nach wie vor bei Stereotypen. So ist jetzt etwa wieder andauernd von der „radikal islamischen“ Hamas die Rede. Was soll das sein? Die Beschreibung ist vollkommen verkürzt und gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Hamas verschiedene Facetten hat. Sie besteht nicht nur aus den Qassam-Brigaden, die momentan mit Angriffen in Erscheinung treten, sondern ist eine politische Partei, die 2006 in Palästina auch die Wahlen gewonnen hat und seit 2007 den Gazastreifen verwaltet. Die Strukturen der Hamas werden selten erklärt, stattdessen wird sie häufig auf die militanten Aktionen reduziert.

Bild Richter

Carola Richter (Jahrgang 1977) ist Juniorprofessorin für Internationale Kommunikation an der FU Berlin. Sie beschäftigt sich schon lange mit Medien im Nahen Osten und im arabischen Raum, etwa mit dem Mediensystem Libyens und Medienstrategien ägyptischer Islamisten, über die sie promovierte.

Ist diese Vereinfachung und Schwarz-Weiß-Zeichnung teils auch beabsichtigt, gibt es proisraelische Medienkulturen, so wie es israelfreundliche Nationen gibt?

Man kann grob sagen: Die US-Medien sind eher proisraelisch eingestellt, in Europa dagegen zeigen sich die Medien in Frankreich und Großbritannien eher israelkritisch – gemäß der Linie, die auch die Politik des Landes wählt. Aber das ist eine sehr grobe Übersicht. Generell muss man sagen, dass sich in den westlichen Medienkulturen in den letzten Jahrzehnten schon eine externe Pluralität ergeben hat, die eine gewisse Ausgewogenheit schafft. Die eine Zeitung ist vielleicht eher proisraelisch eingestellt, eine andere gleicht das durch verstärkte Kritik aber wieder aus. Eine einheitliche nationale Berichterstattungslinie lässt sich so pauschal also nicht benennen. Doch natürlich bestimmt die außenpolitische Haltung einer Nation, was der breiten Bevölkerung vermittelbar ist und was nicht. So gestaltet sich dann auch die Berichterstattung der Mainstream-Medien. Die US-Journalisten orientieren sich zumindest an der Haltung der Regierung, auch wenn sie diese kritisieren, setzen sie sich nicht völlig davon ab. Genauso wie es auf die französischen Medien ausstrahlt, wenn Francois Hollande die israelische Siedlungspolitik wie zuletzt scharf angreift.

Wo bewegen sich in diesem Spannungsfeld die deutschen Medien?

Die deutschen Medien liegen tendenziell irgendwo zwischen den französischen und britischen auf der einen und den US-Medien auf der anderen Seite. Was interessant ist: Die gewöhnliche Zweiteilung in linksliberale und rechtskonservative Medien wird bei diesem Konflikt über den Haufen geworfen. Unsere Studien haben gezeigt, dass die eher rechtsliberale Welt in der Nahostberichterstattung eine ähnliche, eher israelfreundliche Linie fährt wie die Jungle World. Von diesem linksorientierten Blatt grenzt sie sich sonst eher ab. Die Gründe für diese seltene Eintracht dürften natürlich historisch gewachsen sein: Die Erinnerung an die Verbrechen Deutschlands im zweiten Weltkrieg legt eine Sensibilität gegenüber den Themen Judentum und Israel nahe, die Springer und einige linke Medien ähnlich auslegen und umsetzen. In vielen anderen Qualitätsmedien herrscht aber auch intern Pluralismus bei dem Thema, sowohl bei den Zeitungen als auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Berichterstattung in meinen Augen relativ ausgewogen. Das Problem in Deutschland ist weniger parteiische und einseitige, als vielmehr unterkomplexe Berichterstattung.

Inwiefern?

Die Medien vermitteln mit ihrer Berichterstattung, die immer nur zu Krisenzeiten hochkommt, kein Verständnis für die Lage vor Ort. Weil wir keine Alltagsgeschichten hören, verstehen wir nicht, was der Konflikt für das tägliche Leben der Menschen in der Region bedeutet, wir haben keine Vorstellung davon, welcher strukturellen Gewalt große Teile der Bevölkerung dort seit Jahrzehnten ausgeliefert sind – und zwar kontinuierlich, nicht nur in Zeiten bewaffneter Auseinandersetzungen.

Welche Auswirkungen hat so eine vereinfachende Berichterstattung auf den Konflikt selbst?

Sie führt dazu, dass die internationale Gemeinschaft nichts am Status Quo ändert, obwohl sie die Lage womöglich beeinflussen könnte. Die strukturelle Gewalt, von der ich eben sprach, wird seit vielen Jahren von uns mitfinanziert – etwa durch deutsche und amerikanische Unterstützung für Israel. Doch weil dafür das öffentliche Bewusstsein fehlt, handeln wir nicht. Welche Wirkung öffentliche Aufmerksamkeit haben kann, sehen wir gerade an der Lage im Irak. Seit die Brutalität der IS-Fundamentalisten deutlich sichtbar geworden ist, wird in der deutschen Öffentlichkeit immer häufiger die Forderung laut, man müsse etwas tun. Und siehe da, die deutsche Politik bewegt sich. Die Medien als vierte Gewalt und als Kontrollinstanz sollten Einblicke liefern, mit deren Hilfe sich die Bürger ein Bild machen können, um dann wiederum politische Forderungen zu stellen und öffentlichen Druck aufzubauen. Diesen Diskurs anzuregen, indem sie das Alltagsleben, Leid, aber auch politische Strukturen im Nahen Osten zeigen, sehe ich als Aufgabe der Medien an – insbesondere der deutschen Medien.

Aktuell hat die Berichterstattung ja wenig mit dem Alltagsleben der Menschen zu tun, stattdessen hört man täglich, die Hamas missbrauche palästinensische Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“. Woran denken Sie bei solchen Terminologien?

Aus dieser Sprache und auch aus den verwendeten Bildern spricht für mich eine Tendenz zur Dehumanisierung. Das hat eine gewisse Computerspiel-Ästhetik, es werden abstrakte Terminologien einer abgehobenen Militärsprache verwendet. Wenn man von „Schutzschilden“ spricht, geht es nicht mehr um betroffene Menschen, um Personen wie Dich und Mich. Die Zivilisten werden entpersonalisiert und zu militärischem Gerät umdeklariert. Das führt dazu, dass wir als Publikum dieser Berichterstattung nur noch ein vages Bild davon im Kopf haben, was wirklich passiert. Wenn wir hören, dass eine Bombe in ein Wohngebiet gefallen ist und vielleicht noch ein paar Rauchschwaden sehen, dann wissen wir, dass das schlimme Auswirkungen haben dürfte. Aber was es bedeutet, davon haben wir aus der Distanz keine Vorstellung, weil wir nicht die Toten und das tatsächliche Leid sehen, sondern nur ein paar nachträgliche Aufnahmen der zerstörten Gebäude.

Wäre es denn besser, wenn die Redaktionen uns diese brutalen Bilder zumuten würden?

Ich glaube, es wäre wichtig, auch einmal ein weinendes Kind oder einen abgerissenen Arm zu sehen – es muss nicht in jedem Beitrag auftauchen, aber es sollte nicht vollkommen ausgeblendet werden. Durch PC-Spiele und Filme sind wir Kriegsszenerien gewöhnt, Bilder von zerstörten Häusern schockieren uns nicht mehr. Doch was bedeutet Krieg in der Realität? Dieser Bezug zu dem Leid und der Gewalt geht uns ab. Ich denke, das machen wir uns erst wieder bewusst, wenn wir ab und an wirklich sehen, was etwa im Gazastreifen passiert.

Carola richter ist Herausgeberin der deutschen Ausgabe des Global Media Journal. Zuletzt erschien unter ihrer Leitung der Sammelband „Der Nahostkonflikt und die Medien“ als Ergebnis einer Reise in die Region und angebundenen Studien.

Eines wird zumindest deutlich: Während die Hamasraketen meist schon in der Luft vom israelischen Militär abgefangen werden, haben palästinensische Zivilisten im Gazastreifen kaum Schutzmöglichkeiten. Sollten und können Journalisten in so einer Situation neutral bleiben?

Ich denke, dass es nicht immer nötig ist, eine neutrale Berichterstattung im Sinne von ausgeglichener Argumentation zu betreiben und etwa immer gleich viele Stimmen von beiden Seiten einzubinden. Ich würde eher für eine transparente Darstellung subjektiver Sichtweisen plädieren. Das heißt, dass ein Beitrag auch mal nur eine Perspektive zeigen kann, solange er den Umstand klar benennt – und zu einem anderen Zeitpunkt dann wieder eine andere. Abgesehen davon lässt sich de facto nicht leugnen, dass der Konflikt asymmetrisch ist – das darzustellen hat nichts mit einseitiger Berichterstattung zu tun. Aber man findet genügend Positionen auf beiden Seiten abseits der Propaganda, die es wert sind, dargestellt zu werden – und das sollten die Medien anstreben.

Wie sind die Arbeitsbedingungen der Journalisten vor Ort, lassen sie eine umfassende Recherche überhaupt zu?

Es wird Journalisten in der Tat nicht leicht gemacht, zu allen Seiten zu recherchieren. In der Westbank und im Gazastreifen herrscht ein starkes Bewegungsregime. Für viele deutsche aber auch andere internationale Journalisten bedeutet das, dass sie meist in Israel sitzen und die Eindrücke aus dem Gazastreifen und anderen palästinensischen Gebieten durch Stringer, Fotografen und Kameraleute zugeliefert bekommen. Diese Zulieferer sind häufig selbst arabische Journalisten oder sogar Palästinenser. Das kann dazu führen dass die westlichen Journalisten krasse Aufnahmen nicht auswählen und nicht verbreiten, weil sie fürchten, von den Palästinensern vereinnahmt und als Sprachrohr instrumentalisiert zu werden. Das ist also auch ein Grund dafür, weshalb wir keine abgerissenen Körperteile sehen, obwohl diese Aufnahmen existieren. Die Journalisten können nicht alles selbst in Augenschein nehmen und schrecken davor zurück, das fremde Material zu nutzen.

Welche Konsequenzen hat diese Selbstzensur?

2009 machte sich Israel das zu nutze, indem es den Gazastreifen für ausländische Korrespondenten komplett abriegelte. Nur arabische Journalisten konnten aus der Zone berichten, doch deren Berichte wurden häufig als nicht authentisch und parteiisch abgetan.

Wie sieht es in den Medien vor Ort aus, wie begleiten die den Konflikt?

Insgesamt hat sich vor allem in der israelischen Medienlandschaft in den vergangenen Jahren viel verändert. Als neuer Player ist 2007 Israel Hayom auf den Markt  getreten, eine kostenlose Zeitung, die von einem US-Milliardär finanziert wird, die Regierung Netanyahu stützt und andere Zeitungen mit ihrer enormen Auflage in extreme Bedrängnis gebracht hat. Das war auch der Grund dafür, dass die Zeitung Maariv kurz vor der Pleite stand und nur durch einen neuen Besitzer gerettet werden konnte – der eher national-religiös eingestellt ist. Insgesamt hat das in der ohnehin nicht besonders großen israelischen Presselandschaft zu einer deutlichen Rechtslastigkeit der Berichterstattung geführt, linksliberale Stimmen sind weitestgehend verstummt. Nur Haaretz hält in diesem Segment noch die Stellung, doch ihr Einfluss ist auch eher begrenzt. Auf palästinensischer Seite kontrollieren grundsätzlich Fatah und Hamas im Westjordanland beziehungsweise im Gazastreifen die Berichterstattung, etwa im Rundfunk. Meinungspluralismus ist da kaum möglich.

So betrachtet verhärten sich also die Fronten eher, als dass ein öffentlicher Dialog angeregt wird?

Es gab in den letzten Jahren durchaus eine Gegenbewegung, so wurde die mediale Hegemonie etwa durch Bürgerjournalismus und Aktivitäten in sozialen Medien aufgebrochen. Es gab da so etwas wie eine pluralistische palästinensische Onlinemedienlandschaft. Aktuell liegt das aber brach, da im Gazastreifen die Infrastruktur zerstört und in der Notsituation keine Medienarbeit mehr möglich ist. Statt Dialog auf Bürgerebene zu suchen, orientieren sich jetzt wieder beide Seiten an den politischen Eliten. Und das setzt sich mittlerweile auch in den sozialen Medien fort. Seit 2008 haben beide Lager ihre Strategie in den sozialen Medien optimiert. Vor allem die Hamas ist sehr aktiv, die Qassam-Brigaden produzieren etwa professionelle Videos, setzen minütlich Tweets und Posts ab. Die Israelis haben natürlich ähnlich aufgerüstet, sodass es mittlerweile eine regelrechte Twitter- und Facebook-Schlacht gibt. Das bringt eine neue Informationsdichte in den Konflikt.

Auf Facebook und Twitter finden ja auch hier regelrechte Schlachten um die Deutungshoheit in dem Konflikt statt, da in Europa lebende Juden und Araber sich an der Diskussion beteiligen. Was macht das mit der öffentlichen Wahrnehmung?

Das führt zu einer Fragmentierung der öffentlichen Meinung. Die sozialen Medien bieten die Möglichkeit zur Ghettoisierung vorgefertigter Einstellungen: Ich poste etwas, meine Freunde teilen es und ich bekomme aus meinem Freundeskreis wiederum ähnliche Statements, Grafiken, und Berichte zurückgespielt, die meine Meinung noch bestärken. Ich bekomme also Bestätigung dafür, dass alles so ist, wie ich denke. Dadurch, dass Anonymität möglich ist, wird außerdem der Ton schärfer. Was da teils an Äußerungen kommt, hat aber mit einem öffentlichen Diskurs nicht mehr viel zu tun. Blickt man nochmal darauf, welchen Effekt diese Entwicklung im Nahen Osten selbst hat, so zeigt sich: Je stärker der Konflikt – auch verbal in den sozialen Medien – eskaliert, desto vorbehaltloser stellt sich die israelische Bevölkerung hinter die Regierung. Dasselbe zeigt sich bei den Palästinensern: Schon lange hatte die Hamas nicht mehr so starke Unterstützung aus der Bevölkerung. Die Stimmung zwischen beiden Lagern hat sich aufgeheizt, nicht nur, aber auch durch die Kommunikation in den sozialen Medien.

Können deutsche Journalisten und andere internationale Berichterstatter da überhaupt zur Deeskalation beitragen?

Ja, indem sie hierzulande wie erwähnt ein Bewusstsein und ein öffentliches Forum dafür schaffen, was sich in der internationalen Außenpolitik verändern muss, um den Konflikt zu lösen.

Warum passiert das nicht, sind die Journalisten dazu nicht in der Lage, weil ihnen friedensjournalistische Kompetenzen fehlen

Ich habe den Eindruck, die Korrespondenten, die oft schon jahrelang in der Region sind, sind durchaus kompetent und wissen sehr genau, was sie tun sollten, um den Konflikt nicht weiter anzuheizen. Das Problem sehe ich eher in der Struktur der deutschen Medien beziehungsweise in der Redaktionsorganisation. Die redaktionellen Anforderungen lassen häufig keinen Raum für Berichterstattung abseits der Tagesaktualität. Stattdessen heißt es oft: „Die Konkurrenz hatte Bilder von dem und dem Raketenangriff, das Blatt hatte ein Interview mit dem und dem Politiker – wir brauchen jetzt auch so etwas!“ Einen friedensjournalistischen Ansatz können die Korrespondenten mit diesen Anforderungen selten verbinden. Es muss sich also etwas an den Strukturen der Auslandsberichterstattung insgesamt ändern.

Wie könnte das aussehen?

Wieso probieren die Medien nicht einmal etwas Neues aus? Vor allem die Presse muss doch im digitalen Zeitalter nicht mehr der News hinterher rennen, da kann sie ohnehin nicht mithalten. Mit Hintergrundberichten würden Printpublikationen den Lesern wieder einen Grund geben, das Produkt zu kaufen. Dasselbe gilt für die öffentlich-rechtlichen TV-Sender, die im Quotenkampf den Privaten nacheifern. Dass das nicht funktioniert, hat sich in den vergangenen Jahren doch gezeigt. Weshalb keinen mutigen Schritt wagen und Dokumentationen, etwa aus dem Ausland, mal wieder attraktiver platzieren? Ich bin sicher, dass viele Zuschauer das mittlerweile goutieren würden. Und für die Berichterstattung würden sich neue Möglichkeiten eröffnen.

Bildquelle: flickr.com; blhphotography

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