Medien-Tsunamis

7. Juli 2011 • Qualität & Ethik • von

Auf die Vor-Verurteilung folgte am letzten Wochenende der Vor-Freispruch. Obschon noch kein Gericht über die Vergewaltigungs-Anschuldigung gegen Dominique Strauss-Kahn entschieden hat, wurde er von manchen Medien bereits neuerlich als französischer Präsidentschaftskandidat gehandelt.

Solch ein Comeback ist zwar eher unwahrscheinlich – aber um so mehr ist es wohl an der Zeit, nach den Kollateralschäden zu fragen, die Medien-Tsunamis verursachen.

Offenbar können Medien über Nacht mit vorschnellen Verdächtigungen Präsidentschaftskandidaten ebenso demontieren wie ganze Industriezweige ruinieren.

Wegen ein paar EHEC-Opfern wird, wie zuvor schon beim Rinderwahn (kein einziger nachgewiesener Toter), bei SARS, bei Schweine- und Vogelgrippe, eine Epidemie ausgerufen. Es wird Angst geschürt, es werden bei Behörden hektische Aktivitäten ausgelöst, es werden erst Hundertausende Tonnen Tomaten, dann Gurken, dann Salatköpfe vernichtet, und Politiker verschieben im Anschluss Millionen oder Milliarden Steuergelder – auf drei Nullen mehr oder weniger kommt es längst nicht mehr an.

Und weil die Redaktionen immer weiter schrumpfen, dagegen die PR-Apparate der Wirtschaft, der Regierungen und auch der Non-Profit-Organisationen munter wachsen und sich weiter professionalisieren, wird unser Gemeinwesen für interessengeleitete Inszenierungen immer anfälliger. Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, was tatsächlich sich in jenem Hotelzimmer in New York abgespielt hat. Und genauso wenig wird sich zurückverfolgen lassen, wer die anderen Medien-Tsunamis ausgelöst und wer von ihnen profitiert hat. Hier soll nicht Verschwörungstheorien das Wort geredet werden.

Indes ist es überfällig, dass Journalisten uns genauer darüber informieren, woher sie ihre Nachrichten haben, und dubiose Quellen als solche kennzeichnen. Sie sollten uns wissen lassen, wie leicht sie selbst zu Opfern des Herdentriebs werden – und rechtzeitig über die ruinösen Folgeschäden nachdenken, die sie mit blindem Alarm und Panikmache auslösen können. Tun sie das nicht, gefährden sie letztendlich die Pressefreiheit – und ihre eigene Existenzberechtigung.

Erstveröffentlichung: Die Furche vom 7.  Juli 2011

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