Online-Petitionen gewinnen an Einfluss

26. Februar 2010 • Qualität & Ethik • von

Heikki Heikkilä vom Journalism Research and Development Centre an der University of Tampere macht den Anfang in unserer Interviewreihe über Medienselbstkontrolle, Medienethik und Innovationen im Journalismus.

Herr Heikkilä, gibt es erfolgreiche Beispiele für Media Accountability Systems in Finnland?

Finnland ist für seine etablierten Medienselbstkontrollsysteme bekannt. Ethik-Kodizes und Presseräte haben eine lange Tradition und sind weiterhin aktiv. Die Tatsache, dass sie noch existieren und von Journalisten genutzt werden, zeigt, dass sie ziemlich erfolgreich sind. Zur gleichen Zeit aber stehen sie vor neuen Herausforderungen, sie haben große Schwierigkeiten, sich dem sich wandelnden Umfeld anzupassen. Sie sind gerade dabei, sich selbst neu zu erfinden – und ich würde sie momentan nicht als wirkliche Erfolgsstory bezeichnen.

Dann gibt es natürlich weitere Formen der Medienselbstkontrolle – auch eine wissenschaftliche. Jährlich werden zu diesem Thema Bücher und Beiträge herausgegeben. Ihre Bedeutung für Journalisten und die Öffentlichkeit ist allerdings beschränkt. Vielleicht machen wir Akademiker unsere Arbeit nicht energisch genug, wir müssen das mal selbstkritisch betrachten.

Online passieren gerade die meisten neuen Dinge, das ist wirklich eine interessante Umgebung. Aber obwohl in Finnland die meisten Bürger Internetzugang haben, publizieren von ihnen nur wenige online. Die meisten bleiben lieber Publikum, als selbst aktiv zu werden. Das heißt, dass Medienkontrolle in Finnland nicht von den Internetnutzern übernommen wird.

Dennoch gibt es einige interessante neue Phänomen in Finnland, eines davon sind Online-Petitionen. Wenn man ein öffentliches Statement machen und andere Leute für seine Sache gewinnen möchte, dann setzt man einfach eine Online-Petition auf. Sie wird sofort veröffentlicht und dann eventuell von anderen Leuten unterstützt. Einige dieser Petitionen sind wirklich nicht ernst zu nehmen, dennoch werden sie von vielen Leuten unterschrieben. Andere allerdings verfolgen ein ernsthaftes Anliegen und gewinnen an Einfluss. Viele Leute organisieren sich auch auf Facebook und bekommen so öffentliche Aufmerksamkeit. Immer mehr Journalisten verfolgen Facebook und diese Online-Petitionen. In diesem Sinne ist das Internet sehr viel versprechend – eben eine Plattform für jeden.

Sollte für den Online-Journalismus ein neuer Ethik-Kodex entwickelt werden?

Solange es sich um wirklichen Journalismus online handelt, braucht man keine unterschiedlichen Kodizes. Die schon existierenden medienethischen Regeln lassen sich anwenden. Im Internet gibt es aber auch andere Formen (z.B. Blogs); Kodizes, die für Journalisten gelten, taugen nicht immer für andere Zwecke, sonst würde man die Selbstentfaltung der User unnötig einschränken. Es sollte aber Bereiche geben, wo die journalistischen Kodizes auch online angewandt werden. Einige Blogs sollten sich diesen Regeln unterwerfen, aber es gibt auch Blogs, die diese Regeln nicht brauchen.

Was war Ihrer Meinung nach eine der wichtigsten Innovationen im Journalismus in Finnland in der jüngsten Vergangenheit?

Die Entwicklung des Online-Journalismus. Vor einigen Jahren gab es eine erste Stufe. Alle Zeitungen sind online gegangen – da haben sie aber mit ihren Webseiten noch nicht so viel Neues gemacht. Nun fangen sie sozusagen noch einmal von vorn an. Eine der größten Herausforderungen ist es, Text und Video-Clips miteinander zu kombinieren. Die technische Ausstattung ist schon länger vorhanden, aber die Redaktionen wussten noch nicht, was sie damit alles machen können. Nun sind sie dabei, es herauszufinden.

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