Medienvertrauen so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr

5. April 2017 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Wie eine repräsentative Umfrage für das Eurobarometer zeigt, ist das Vertrauen in die Medien 2016 stark angestiegen und hat sogar einen Höchststand erreicht.

Im Jahr 2016 vertrauen 55,7 Prozent der Deutschen der Presse, nur 38,8 Prozent misstrauen ihr. Dies geht aus den jüngsten Daten der jährlich stattfindenden repräsentativen Umfrage der Europäischen Kommission für das Eurobarometer hervor. Damit erreicht die deutsche Presse ihren bislang höchsten Wert, seit das Eurobarometer seit dem Jahr 2000 danach fragt. Gegenüber 2015 konnte die Presse das in sie gesetzte Vertrauen um zehn Prozent steigern.

Auch dem Fernsehen vertrauen die Menschen in Deutschland wieder stärker als im Vorjahr. 60,5 Prozent der Deutschen geben an, dem Fernsehen zu vertrauen. Das ist eine Steigerung um fast sechs Prozentpunkte gegenüber 2015 und der höchste Wert seit 2001 im Eurobarometer.

Das höchste Medienvertrauen in Deutschland genießt auch im Jahr 2016 das Radio. 67,8 Prozent der Menschen in Deutschland vertrauen dem Hörfunk. Gegenüber dem Vorjahr steigerte sich das Vertrauen um mehr als sieben Prozentpunkte.

Der Rückgang des Medienvertrauens im Jahr 2015 wurde auf spezifische Bevölkerungsgruppen zurückgeführt, die anhand soziodemografischer Merkmale identifiziert werden konnten. Diese waren u.a. das Alter der Befragten, ihre regionale Herkunft und ihre politische Einstellung. Vor allem bei jüngeren Befragten, bei Befragten aus Ostdeutschland und bei Befragten, die sich eher dem rechten politischen Spektrum zuordnen ließen, wuchs im Jahr 2015 das Misstrauen gegenüber den Medien. Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit diese Gruppen auch als relevant für den Anstieg des Medienvertrauens im Jahr 2016 angesehen werden können.

Medienvertrauen wächst in allen Altersgruppen

Das Medienvertrauen wuchs im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr in fast allen Altersgruppen an – am stärksten bei den älteren Menschen über 75 Jahre. Hier steigerte sich das Vertrauen in die Presse um 20 Prozentpunkte auf 66 Prozent. Auch in den Rundfunk wuchs das Vertrauen in dieser Gruppe, in das Fernsehen um zwölf Prozent auf 72 Prozent, ins Radio um 16 Prozent auf 77 Prozent. Auch in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen konnte die Presse wieder mehr Vertrauen gewinnen, 60 Prozent der Menschen in diesem Alter vertrauen der Presse. Das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das geringste Vertrauen in die Presse und den Rundfunk in Deutschland haben  die 25- bis 34-Jährigen sowie die 35- bis 44-Jährigen. Allerdings ist auch in diesen Gruppen ein Zuwachs erkennbar: Das Vertrauen in die Presse hat sich bei den 25- bis 34-Jährigen um zehn Prozent auf 50 Prozent, bei den 35- bis 44-Jährigen um drei Prozent auch auf 50 Prozent gesteigert. Fernsehen und Radio haben bei den 35- bis 44-Jährigen leicht an Vertrauen eingebüßt ‒ zwei bzw. einen Prozentpunkt.

Noch 2015 schien es so, als würden sich insbesondere junge Menschen von den Massenmedien abwenden: Fernsehen, Presse und Radio verloren vor allem bei den 15- bis 24-Jährigen und bei den 25- bis 34-Jährigen stark an Vertrauen. Dieser Trend scheint sich nun zumindest leicht umzukehren. In der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen gewann die Presse Vertrauen zurück, 59 Prozent der Befragten vertrauen 2016 der Presse, sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Abwendung von klassischen Formen der Massenmedien wird bei jüngeren Menschen schon länger beobachtet. Sie nutzen das Internet im Tagesdurchschnitt länger als alle anderen Mediengattungen, sogar 20-mal so lang wie Tageszeitungen, wie die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015 zeigte . Umso überraschender ist in dieser Gruppe das gestiegene Vertrauen gegenüber der Presse im Jahr 2016. Die JIM-Studie 2014 zeigte, dass bei Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren die Tageszeitung unter allen Medien die höchste Glaubwürdigkeit hat (MPFS 2014: 14f.). Zunehmende Unsicherheit, zum Beispiel durch Fake-News im Internet, kann eine Ursache dafür sein, dass auch junge Menschen den Medien, die sie für glaubwürdig halten, wieder stärker vertrauen.

Geringeres Medienvertrauen in den neuen Bundesländern

Die Menschen in Ostdeutschland hatten im Jahr 2015 nur zu einem sehr geringen Anteil Vertrauen in die Medien und damit auch in das Mediensystem. 2016 aber wuchs das Medienvertrauen sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. In Westdeutschland vertrauen 59 Prozent der Menschen der Presse, zehn Prozent mehr als 2015. In Ostdeutschland vertrauen  mit 42 Prozent der Menschen immerhin neun Prozentpunkte mehr als im Vorjahr der Presse. Fernsehen und Radio erreichen mit zehn bzw. neun Prozent in Ostdeutschland sogar stärkere Zuwachsraten beim Medienvertrauen als in Westdeutschland, wo die Zuwachsraten nur fünf bzw. sieben Prozent betragen. Der Anteil der Menschen, die den Medien vertrauen, bleibt aber in Westdeutschland in allen drei untersuchten Gattungen höher als in Ostdeutschland.

Eine Ursache für das geringere Medienvertrauen in Ostdeutschland wird in der wirtschaftlichen Situation gesehen. Menschen, denen es wirtschaftlich besser geht, vertrauen auch stärker demokratischen Institutionen (vgl. Alesina/Wacziarg 2000). Dies wiederum wirkt sich auch auf das Medienvertrauen aus, wie Ländervergleichsstudien zeigen (Tsfati/Ariely 2013; Köhler/Otto 2016). Die Daten des Eurobarometers aus 2016 bestätigen dies: Menschen, die zufrieden mit der Demokratie in Deutschland sind, vertrauen zu 66 Prozent der Presse. Menschen, die unzufrieden mit der Demokratie sind, vertrauen der Presse nur zu 33 Prozent. Wird von den Befragten die wirtschaftliche Lage im Land als gut eingeschätzt, vertrauen 61 Prozent der Presse, wird sie hingegen als schlecht eingeschätzt, vertrauen nur 17 Prozent der Presse.

Die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage unterscheidet sich zwischen alten und neuen Bundesländern. 2016 beurteilen 87 Prozent der Deutschen die wirtschaftliche Lage als gut. In den neuen Bundesländern ist der Anteil etwas geringer mit 83 Prozent, in den alten Bundesländern sind es 88 Prozent. Die Eischätzung der wirtschaftlichen Lage kann jedoch nicht den Anstieg des Medienvertrauens 2016 erklären, denn sie hat sich zwischen 2015 und 2016 nur marginal um einen Prozentpunkt verbessert.

Vertrauenszuwachs im rechten Spektrum

Das Medienvertrauen hat besonders bei Menschen an den Rändern des politischen Spektrums in Deutschland zugenommen. Menschen, die sich selbst als links im politischen Spektrum eingeordnet haben, vertrauen der Presse am stärksten: Der Wert wuchs um 13 Prozentpunkte auf 64 Prozent. Noch stärker war der Zuwachs im rechten Spektrum: 51 Prozent der Menschen, die sich auf der rechten Seite des politischen Spektrums sehen, vertrauen der Presse. Das sind 18 Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr. Auch Fernsehen und Radio konnten im rechten Teil des politischen Spektrums in hohem Maße Vertrauen zurückgewinnen. Das Vertrauen ins Fernsehen wuchs um zwölf Prozent auf 56 Prozent, ins Radio um 13 Prozent auf 62 Prozent bei Menschen im rechten Spektrum. Der Vertrauenszuwachs bei Menschen, die sich als links bezeichnen, ist bei Fernsehen und Radio geringer. Das Vertrauen ins Fernsehen ist in der politischen Mitte am stärksten.

Die starken Zuwächse im rechten Teil des politischen Spektrums deuten darauf hin, dass viele Menschen die medienkritischen Positionen der rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen nicht mehr so stark teilen wie im Vorjahr. Seit im Jahr 2014 das Wort „Lügenpresse“ zahlreiche Schlagzeilen machte und sogar zum Unwort des Jahres 2014 erklärt wurde, gab es in Deutschland teilweise heftige Diskussionen über ein möglicherweise gestörtes Verhältnis der Bürger zu den Massenmedien. Vor allem auf den Demonstrationen der Pegida- und AfD-Anhänger wurde der Begriff oft in Sprechchören skandiert und schallte von dort aus über die Fernsehbildschirme in die ganze Republik. Deren Präsenz hat zuletzt abgenommen, ihre medienkritischen Positionen werden daher weniger stark wahrgenommen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Medienvertrauen 2016 einen Höchststand erreicht hat. Die Medien haben in vielen spezifischen Gruppen an Vertrauen zurückgewonnen, insbesondere bei jüngeren Menschen, bei Befragten aus den neuen Bundesländern und bei Befragten links und rechts der Mitte des politischen Spektrums. Offenbar gelang es den Medien zuletzt immer besser, dem von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen vertretenen Eindruck entgegen zu treten, ihre Berichterstattung sei politisch gefärbt und von oben gesteuert. Der öffentliche Diskurs über die Arbeit und Bedeutung der Medien hat wohl dazu beigetragen, deren Relevanz und das in sie gesetzte Vertrauen zu steigern.

 

Professor Dr. Kim Otto und Andreas Köhler von der Universität Würzburg analysieren regelmäßig anhand von Sekundärdaten des Eurobarometers das Medienvertrauen in Deutschland und Europa. Es handelt sich hierbei um eine Bevölkerungsbefragung, die von Umfrageinstituten in den Mitgliedsländern der EU im Auftrag der Europäischen Kommission halbjährlich erhoben wird. Für jede Umfrage werden pro Mitgliedstaat etwa 1000 EU-Bürger im Alter ab 15 Jahren mittels computergestützten persönlich-mündlichen Interviews befragt. In Deutschland waren es 2015 1548 Befragte, im Jahr 2016 1531 Befragte. Die Daten in Deutschland werden seit 2004 von TNS Infratest erhoben. Der Befragungszeitraum der hier dargestellten Ergebnisse war jeweils in der ersten Novemberhälfte.

 

Literatur:

Alesina, A., & Wacziarg, R. (2000). The economics of civic trust. In S. Pharr & R. Putnam (Eds.), Disaffected democracies: What’s troubling the trilateral countries (pp. 149-170). Princeton, NJ: Princeton University Press.

Engel, B. & Breunig, C. (2015). Massenkommunikation 2015: Mediennutzung im Intermediavergleich. In Media Perspektiven 7-8/2015. 310-322. http://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2015/07082015_Engel_Breunig.pdf

Köhler, A. & Otto, K. (2016): The Impact of the European Debt Crisis on Trust in Journalism, Presentation on ECREA Conference Prague, 11.11.2016.

MFPS (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) (2014). JIM Studie. In https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2014/JIM_Studie_2014.pdf

Otto, K. & Köhler, A. (2016): Wer misstraut den Medien?, in: European Journalism Observatory, http://de.ejo-online.eu/qualitaet-ethik/wer-misstraut-den-medien

Tsfati, Y. & Ariely, G. (2013). Individual and Contextual Correlates of Trust in Media Across 44 Countries, Communication Research 20(10) 1–23

 

Datenquellen:

http://ec.europa.eu/COMMFrontOffice/publicopinion/index.cfm/Chart/index

http://data.europa.eu/euodp/en/data/dataset/S2098_84_3_STD84_ENG

http://data.europa.eu/euodp/en/data/dataset/S2137_86_2_STD86_ENG

 

Bildquelle: pixabay.com

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