Meinungsmacht und Machteliten

18. Dezember 2014 • Qualität & Ethik, Ressorts • von

Solche Karrieren sind bei wissenschaftlichen Werken rar: Uwe Krügers Buch „Meinungsmacht“ blieb ein gutes Jahr lang nahezu unbeachtet, wie die meisten Forschungsarbeiten zum Journalismus. Dann durchbrach der Titel gleich zweimal die Aufmerksamkeitsschwelle. Die ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ stützte sich auf die Befunde des Medienforschers. Und auch Udo Ulfkotte griff sie in seinem Band „Gekaufte Journalisten“ auf – in einem Bestseller, der vielleicht ja nur deshalb in der Auflagen-Hitliste nach ganz oben klettern konnte, weil die Mainstream-Medien ihn ebenfalls lange Zeit totgeschwiegen haben.

In der jüngsten Ausgabe des Medium-Magazins hat nun der renommierte Münchner Medienforscher Christoph Neuberger dafür gesorgt, dass aus der öffentlichen Kontroverse auch eine wissenschaftliche wurde. Er machte auf methodische Mängel in Krügers Analyse aufmerksam: Schon der Buchtitel „Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten“ sage alles, was Krüger belegen wolle, doch letztlich bleibe er genau diesen Beweis schuldig.

Neuberger hat nachgerechnet: In Krügers Netzwerk-Analyse, die zeigen soll, wie eng Top-Journalisten in Deutschland mit den Eliten aus Wirtschaft und Politik verbandelt sind, habe dieser 64 Journalisten von 14 Leitmedien ausgemacht, die in acht Jahren 164 Verbindungen zu 62 Organisationen gehabt hätten. Pro Nase mache das, auf die acht Jahre verteilt, 2,6 Verbindungen. Sodann habe Krüger am Beispiel von vier herausragenden Experten für Sicherheitspolitik, die für die FAZ (Klaus-Dieter Frankenberger), die SZ (Stefan Kornelius), Die Welt (der Historiker Michael Stürmer) und für Die Zeit (Josef Joffe) arbeiten, nachweisen wollen, wie diese aufgrund ihrer Verbindungen „Schlagseite zu den USA und zur NATO aufweisen“. Dazu habe Krüger 83 Artikel ermittelt, die diese Journalisten „zwischen 2002 und 2010 über Sicherheitsthemen geschrieben“ hätten. „Er konnte also nur 2,3 Artikel pro Journalist und Jahr finden“, so Neuberger, und das sei eben keine Basis für Krügers weitreichende Schlussfolgerungen.

Wer nur diese Stellungnahme liest, hält Krüger für erledigt – aber dem attackierten Forscher gelingt es durchaus, in seiner Replik zu punkten: Er hat recht mit der Forderung, dass Mitgliedschaften von Journalisten in Think tanks und anderen politischen Organisationen offengelegt werden sollten. Und vermutlich stimmt ja auch seine These, „dass journalistische Eliten zu stark in das Elitenmilieu eingebunden“ sind – selbst dann, wenn Krügers Netzwerkanalyse noch nicht den ultimativen empirischen Nachweis dafür erbracht haben sollte.

Eigentlich würde man sich viel öfter solche Auseinandersetzungen wünschen. Bemerkenswert sind indes auch die Begleiterscheinungen der Kontroverse: Im Internet, in den Foren von Facebook und Twitter, tobt inzwischen ein Kampf um die Meinungshoheit. Zugegeben, Neuberger hat mit seinem Verriss einen jungen Wissenschaftler hart angepackt. Aber er hat auch – und das tun Forscher inzwischen viel zu selten – auf die begrenzte Reichweite vieler „wissenschaftlicher“ Aussagen aufmerksam gemacht. Auch die Methodik der Netzwerkanalyse ist wohl noch nicht ausgereift genug, um belegen zu können, was Krüger belegen wollte. Andererseits gebührt ihm das Verdienst, auf ein Problem aufmerksam gemacht zu haben, das Journalisten selbst nur allzu gerne ignorieren: Dass sie in Beziehungsnetzwerken leben (und auch leben müssen, wenn sie mit Erfolgsaussichten recherchieren wollen), über die Transparenz herzustellen wäre, wenn sie sich dem Verdacht der Mauschelei und der Hofberichterstattung entziehen wollen.

Ich werde in den nächsten Tagen Versäumtes nachholen und Krügers Arbeit gründlich lesen. Auf Udo Ulfkottes Schmähschrift möchte ich dagegen keine Sekunde meiner kostbaren Zeit verschwenden. Es genügt mir, wie einer der besten Medienjournalisten in Deutschland, Stefan Niggemeier, den Bestseller auseinandergenommen und dem Autor hanebüchene Schnitzer nachgewiesen hat, die ihn journalistisch disqualifizieren. Da bleibt einem einfach nur noch die Spucke weg.

 

Zur Vertiefung:

Uwe Krüger, Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten, Köln: Herbert von Halem Verlag, 2013

Christoph Neuberger, Meinungsmache statt Macht, in: Medium-Magazin Nr. 11/2015, 24-25

Wer hat die Macht über die öffentliche Meinung? auf Europäisches Journalismus-Observatorium – EJO,  24. November 2014

Uwe Krüger, Replik auf Christoph Neuberger auf Europäisches Journalismus-Observatorium – EJO,  24. November 2014

Stefan Niggemeier, Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten auf Krautreporter, 24.Oktober 2014

 

Bildquelle: Dragan Tatic/Flickr.com

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist vom 11. Dezember 2014

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